Die Annahme der Stunde 0

von Luxus Lazarz

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Alles, was der Mensch annimmt, bezüglich dessen – wer er ist und was er sein könnte, welchen Gesetzen seine Natur und die Welt unterstehen oder auch, was sein Zweck hier auf Erden ist, sind keine bewiesenen Tatsachen. Denn dann wären es keine Annahmen, sondern Gewissheiten. Und wer sich seiner selbst gewiss ist, braucht  gar nichts annehmen, sondern fühlt sich in das Thema ein, wird vom Innersten geführt und weiß dementsprechend in beinahe jedem Moment des Daseins – all das, was er wahrlich an Wissen benötigt, um lebendig zu sein.

In der Schule lernte ich, dass die Entwicklung der Gesellschaft in ihrem Verlauf vorgeschrieben ist. In einem seiner Bücher schrieb der Denker und Philosoph Karl Marx, der Zukunft die Entwicklung von Gesellschaftsformen derart vor: Dem Kapitalismus müsse der Sozialismus folgen und aus diesem wiederum, kann sich der Kommunismus erheben. Zwangsläufig würde all dies geschehen und allein dieses war die Wahrheit im System, in dem auch ich lebte. Genau befühlt war es  eine schöne Idee, wenn man einzig mit dieser aufwuchs. Alles Gut im Land und irgendwann auf Erden, würde allen Menschen zur Verfügung stehen, und jeder konnte genau dort seinen Beitrag leisten, wo er gebraucht wurde. Also beinahe so, wie es einmal von Gott angedacht worden ist, nur ohne all das Übergangsleid, Unwissen, Schauspiel und Elend darin.

Der Sozialismus, in dem ich aufwuchs und welcher mir ganze 26 Jahre eine  sichere Basis für das Leben gab,  sollte, laut der Marx’schen Annahme, lediglich eine Übergangsform sein. In dieser Übergangsform gab es offensichtliche Ungerechtigkeiten. Letzte Ungerechtigkeiten, die dann beim Erreichen des Kommunismus – ebenfalls getilgt sein würden, unauffindbar verschwunden auf dem Weg in die absolute Gerechtigkeit. Denn dies war das Ziel des Kommunismus, so wie es mir in der Schule vermittelt wurde, die absolute Gerechtigkeit für alle Menschen, keiner sollte mehr haben als er brauchte, doch auch nicht weniger. Für Körper und Geist sollte gleichfalls gesorgt sein. Die Seele jedoch, war für alle Denker und somit auch  für Karl Marx – lediglich ein Hirngespinst. Ein Märchen aus uralten Zeiten, deren Unsinn den Fortschritten der Wissenschaft nicht standhalten konnte.

Und aus Erfahrung schreibe ich dir, weiß der Mensch nichts von seiner Seele, kann ihn niemand davon abhalten, sich selbst zu zerstören.

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Spätestens 1989 als die Grenzen in Deutschland geöffnet wurden, wies die Wirklichkeit eindeutig darauf hin, dass sich der Denker Karl Marx geirrt hatte und mit ihm dementsprechend auch all die Menschen, welche seinen Ideen zustimmten und ohne eigene Bedenken ihr Leben damit aufbauten. Einigen Millionen Menschen bot sich überraschend die Gelegenheit aufzuwachen, als sich im Jahre 1990 der Sozialismus ganz freiwillig dem Kapitalismus anschloss und in diesem unterging. Wir waren alle dabei und die Masse hat es gefeiert, denn hier hatte sich ein kollektiver Wunsch erfüllt.

Für einen Moment waren wir Brüder und Schwestern, durch Land und Sprache verbunden, doch der Moment ging vorbei, denn der Geist schlief wieder ein und einsam blieb der Mensch zurück. Also jener namenlose Mensch, dem das sicher geglaubte Fundament in einer einzigen Nacht – für immer unwiderruflich abhanden kam.

Dieses Fundament hatte auf der Annahme eines Einzelnen gegründet, wie jede der angeblich sinnvollen Ideen, mit denen der Mensch bisher sein Leben gestaltet hat. Für all diese Menschen, die ideologisch geläutert wurden, brachte der Mauerfall die Stunde 0 mit sich. Also jene seltene und kostbare Stunde im Leben eines Menschen, in welcher er mit seiner ganzen Lebensart in eine ihm absolut unbekannte Situation gerät. Sodass er sich vorerst nur einen Überblick verschaffen kann, in was er da wahrlich hineingeraten, reingefallen, eingelaufen ist. Denn wenn alle Anweisung zum Annehmen bisher von Oben kam, von den gewählten Vertretern des Volkes, und das Oben nicht mehr da ist, muss man sich selbst anweisen. Sich anweisen, all das nun Kommende, genau in Augenschein zu nehmen, um erst nach gründlicher Erkundung, sich dem Neuen sanft anzupassen oder auch andere Wege zu wählen, die zuvor nicht in Betracht gezogen wurden, oder werden konnten.

Die Stunde 0 ist eine dehnbare Konstante im All und gleichfalls eine wunderbare Gelegenheit, die dem Menschen zur steten Erweiterung seiner bewussten Wahrnehmung, jederzeit und überall zur Verfügung steht. Und wie aus der Kindheit bereits bekannt, kann diese Stunde 0 sich ausdehnen und sogar viele Jahre in sich vereinen. Spätestens hier wird klar, dass diese Stunde 0 auch an keine Uhr gebunden ist. Meine erste, bewusst erfahrene Stunde 0, nämlich die nach dem Mauerfall – dauerte ganze zwei Jahre an.

Der Aufenthalt in der Stunde 0 befähigt jeden Menschen, sein Umfeld mit aller Klarheit zu erfassen und sich vorübergehend derart anzupassen, dass das harmonische Zusammenwirken im gesamten Umfeld zur bewussten Absicht wird und auch dementsprechend Ausdruck findet. Der Mensch in Stunde 0 wirkt still neutral und erscheint dem schnellen Betrachter manchmal gar unwissend, doch der Aufenthalt in der Nähe einer neutralen Energie, stimmt jedes lebendige Wesen im Umfeld friedlich. Jene, die nicht friedlich sein wollen, ersinnen Gründe sich zu entfernen, aus dem ungewohnt stillen und problemlosen Umfeld.

Die Stunde 0 ist angefüllt mit unbekannten Möglichkeiten, Erfahrungen die undenkbar waren und Einsichten, die man nur in sich allein finden kann. Gleichfalls ist die Stunde 0 im reiferen Alter, ein rasantes Aufräumen mit alten Träumen, ein Auflösen von Ängsten und scheinbar ewig Gegebenem, eine Wende hin zum Unbekannten, da das wahre Erleben mutiger macht. In der Stunde 0 wird nicht gedacht, sondern vielmehr erkannt, was möglich ist und auch zuvor verborgene Zusammenhänge einsehbar. Hier ist Neutralität, beziehungsweise Unvoreingenommenheit – der Schlüssel zu aller Erkenntnis. Neutral kann ich als Mensch stets dann sein, wenn ich noch nicht bescheid weiß, mich noch nicht für eine Möglichkeit entschieden habe und mir dessen auch bewusst bin. Wie soll man auch bewerten, was man noch gar nicht wirklich kennt?

Sowie der Mensch eine Entscheidung trifft – beginnt die Stunde 1. Ab jetzt wende ich mich einer Idee mit Begeisterung zu und lasse alle anderen Möglichkeiten – soweit mir möglich – außer Acht. Dennoch bin ich achtsam, denn seit dem letzten Aufenthalt in einer Stunde 0 ist mir bewusst, das jede Bewegung, die ich in mir erwecke, im Ganzen wirksam wird – in etwa so, wie man einen Kuchenteig rührt und keine der Zutaten dabei unberührt bleiben kann.

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