Eingefühlt

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Stell dir vor, du bist eine Softeismaschine. Du wirst gefüllt, doch kennst du jenen, der dich füllt? Nein, denn du bist eine Maschine, mit vorgegebener Bestimmung und kannst nur eines machen, Softeis. Der einzigen Gedanken in deinem künstlichen Gehirn lauten: Rühren, Kühlen, Softeis. Du bist für den einen Zweck gedacht und bei sachgemäßer Bedienung, wirst du diesen Zweck erfüllen bis der Strom ausfällt, dein stählernes Herz bricht, oder Softeis einfach nicht mehr gefragt ist. Die Existenz der Maschine wird dieser vom Erfinder und Erbauer vorgegeben. Sie kann nicht mehr tun, als der Mensch ihr vorgedacht, einprogrammiert, eingegeben hat.

Nun stell dir vor, du bist ein Vogel. Dein Kopf ist ganz klein und du weißt nicht, dass du ein Herz hast, geschweige denn, dass du ein Vogel bist. Irgendwann hast du dich aus einem Ei herausgepickt und die Welt so angenommen, wie sie vor deinen Augen sich darbot. Du warst in einem Nest. Da war noch mehr, doch was das war wusstest du nicht. Du wirst es nie wissen, weil du ein Vogel bist und Gedanken, wie Mutter, Vater und Geschwister nicht kennst. Du ahmst nach, was du siehst, was man dir zeigt, schluckst, was man dir gibt, weil du einfach da bist, gar nichts anderes kennst und dich nicht gegen deine Art und somit gegen dich selbst – wehrst. Du willst Leben. Folgst dem Instinkt, genau wie alles Leben um dich herum. Ab dem Tag, an dem du das Fliegen lernst, dich das erste Mal in die Tiefe fallen lässt, um dich aus eigener Kraft in die Höhe zu erheben, bist du selbstständig, frei und unabhängig. Kannst allein dein Futter finden und in deiner kleinen Vogelwelt so hoch fliegen, wie es dir die Flügel ermöglichen.

Stell dir vor, du bist ein Mensch und auch, wie viel mehr du zu erleben vermagst, als so ein kleiner süßer Vogel. Und nun frage ich, ist es tatsächlich möglich, dass ein Vogel von Hause aus mehr Freiheit besitzt als – der ebenfalls von gottgegebene Mensch – wie du und ich?

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