Sonntagsschule 14

von Luxus Lazarz

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Am frühen Nachmittag sitze ich im Wohnraum am Esstisch und sehe durch das große Fenster in den Garten. Währenddessen klingt Musik durch den Raum. „I shot the sheriff, but I did not shoot his deputy …“ sind die Worte zur Musik. Wilde Gedanken begleiten in mir das Gehörte. Nicht die Musik ist es, welche mich in eine aufrührerische Stimmung versetzt. Es sind die Worte, die eine Situation beschreiben, die einfach nach Gerechtigkeit schreit.

Ich fühle mich höchst angeregt und könnte sofort damit beginnen, allerlei mögliches Zeugs zu schreiben, um den Ruf nach gerechter Strafe mit allen Eindrücken meiner Verstandesmuster blindwütig zu untermauern. Etwas in mir bewegt mich jedoch, wieder durch das Fenster in den Garten zu schauen.

Also schalte ich die Musik ab, und sofort kann ich deutlich den Wind hören, der vor dem Fenster und im Sonnenschein, durch alle Sträucher, Bäume und den Rasen weht. Am Ende des Grundstücks nehme ich nun deutlich die Bewegung der Schlei wahr. In diesem Moment strömt sie wieder landeinwärts. Die Schlei ist ein Seitenarm der Ostsee und somit auch deren Gezeiten unterworfen. Der Mond befindet sich in einem Zyklus des Zunehmens. In der ihr möglichen Art folgt die Ostsee seinem Schauspiel und dehnt dementsprechend ihre Wassermassen aus. Es ist nichts Bedrohliches darin zu erkennen, lediglich ein Gesetz der Natur, über das der Mensch keine Herrschaft hat, da es nicht von ihm gemacht ward. Man kann die Gezeiten nicht an einen gesetzlich abgesicherten Vertrag binden, denn sie waren bereits da, bevor der tierisch vorbelastete Verstand das Eigentum erfunden hat.

Somit sind tatsächlich alle Grenzen, Mauern und Zäune eine Erfindung des Verstandes und keinesfalls gottgegeben oder -gewollt. Doch hätte es diese Abgrenzungen in früheren Zeiten nicht gegeben, würde dann heutzutage überhaupt noch ein Mensch leben? Mal davon abgesehen, wie oft – diese vom Verstand gemachten Mauern und Zäune mit Gewalt niedergerissen wurden, so ohne alles, ohne Dach und Wand in der Natur leben, kann wahrlich doch auch nur von begrenzter Dauer sein. Obwohl es ja das Tier kann, allerdings auch nicht jedes und offensichtlich auch nicht ewig.

Welche Gesetze sind es also, denen ich zu unterstehen glaube und die keinesfalls die Gesetze Gottes sein können? Insbesondere dann, wenn man davon überzeugt ist, dass Gott eine unsichtbare Kraft aus reiner Liebe ist. Beständig präsent, durch das pure Leben in uns sowie allen alles, was gewollt wird, gebend, ohne zu bewerten, ob dies nun gut oder schlecht für den Wünschenden ist. Doch wünscht man nichts, gibt Gott so viel mehr – als hätte jemals wollbar sein können. Wer schon einmal in eine Situation geraten ist, in der er nichts mehr hatte, außer der Liebe in sich, kann fühlen, wovon das Wort hier spricht.

Was tut Liebe nicht?

Sie bestraft nicht.
Niemals ist die Liebe gemein, wenn sie urteilt, dann stets weise und gerecht.
Sie trägt nichts nach, denn all Ihre Güte, Kraft und Wärme sind nur im Gegenwärtigen, also der gegebenen Wirklichkeit vollständig einsetzbar. Und da Liebe nicht nur teilweise sein kann, achtet sie stets mit Leichtigkeit darauf, in jedem Moment vollständig anwesend zu sein. Dementsprechend kann ohne Reue und Zögern weiter geschrieben werden, dass die Liebe nichts versäumt.

Sie lässt auch nichts im Stich, was sie eindeutig und klar als ihr angehörig erkennt. All das sind offensichtliche und tatsächlich fühlbare Eigenschaften beziehungsweise Merkmale, an denen man sich als Mensch und dennoch vollständig in einem Zustand der Liebe weilend wahrnehmen kann.

Der zwischenzeitlich mit den Jahren mehr und mehr entschärfte Verstand, übernimmt überraschend die Führung der Hände auf der Tastatur und setzt noch einige eigensinnige Beobachtungen hinzu. Neid, Angriff, das Haben wollen in jeder irdischen Form, Missgunst, Angst, Sorge und Zweifel, können sogar nach seinem Ermessen, nicht durch alles Liebende auftreten.

Wahrlich kann man zusammenfassen: Liebe beschwert sich über nichts. Sie ist da, in uns, um uns und überall dort, wo man eben so liebend ist und sein kann. Sie hört zu, tröstet, verspricht nichts und schafft dennoch alles für und durch uns, was man sich als menschlicher Zwerg auch nur vorstellen kann.

Alle Sorge werfet auf ihn, denn er sorgt für euch. …“ (Luther-Bibel, 1. Petrus 7), bringt es so eindeutig zum Ausdruck, wie es im begrenzten Ausdruck mittels Sprache möglich scheint. Lieben ist leicht. Derart leicht, dass alles, was man ohne Liebe so denkt, irgendwann einfach in ihr verschwindet, da das Schwere niemals im Leichten einen Halt finden könnte. Hier fehlt es sogar dem Verstand an Vorstellungskraft. Die Liebe selber könnte es natürlich halten. Doch wozu, wem würde dieses Tun der Liebe nützlich sein, also sich dem Schweren oder gar Mühseligen zuzuwenden, wenn alles in sich zu lieben, so derart leicht sein kann? Frei von dunklen Gedanken, frei von Wünschen und frei vom Wollen, kann man die Liebe in sich selbst, so gar nicht mehr unterdrücken. Kein Gesetz, kein Glauben – einfach überhaupt nichts mehr existiert dann als Hindernis, da man in diesem Moment selbst die reine Liebe ist. Wie immer, wenn man wach und still in sich und in ihr, der Liebe, ruht.

(Inspiriert von „Ich unterstehe keinen Gesetzen außer den Gesetzen Gottes“ – Lektion 76 aus „Ein Kurs in Wundern“ und ein bisschen von „I shot the sheriff …“.)

 

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