Vom Dickdarm im Kopf

Unser Kopf ist jener Einkaufsmarkt, in dem ein Mensch sich alltäglich – seine Art zu leben, auswählen kann. Die Auswahl ist grandios, reicht vom schweren, leidvollem, leichten und heiteren bis zum zauberhaften Leben.

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Der Körper des Menschen ist ein sich selbst reinigendes und heilendes System. Damit dieses System sich nicht nur selbst reinigen und reparieren kann, sondern darüber hinaus auch noch eigenständig erhalten sowie vervollkommnen, wurde im menschlichen Kopf eine nicht kopierbare Hochleistungselektronik eingebaut. Das Außerordentliche an dieser Technik zeigt sich neben anderem darin, dass sie lernfähig ist und sich sowohl anpassen als auch erweitern kann.

Der Darm des Menschen entleert sich, wenn alles Brauchbare aus der Nahrung entnommen wurde. Der Kopf jedoch hält oft fest und verstopft gar manchmal, was sich auch mittels Kopfschmerzen äußert, genauso – wie es ebenfalls im Bauch drückt und wehtut, wenn der Dickdarm seine Arbeit nicht vollenden kann.

Auch wenn die Gedanken eines Menschen überwiegend unsichtbar sind, so führen wir sie doch in unsere Wahrnehmung ein, genauso wie die Nahrung durch den Mund in den Körper hinein gelangt. In unserem Geist betrachten und befühlen wir die Gedanken, nehmen sogenannte Tuchfühlung mit diesen auf. Erforschen, was der Stoff wert ist. Manches wird rasant verdaut, doch die Überzahl der Gedanken rechts oder links eingelagert, weil man ja diese eventuell noch einmal gebrauchen kann. Wenn man die Arbeit des Kopfes wie ein Verdauungssystem für Eindrücke betrachtet, dann sind Erinnerungen lediglich die Rückstände unserer prägenden und auch so mancher noch nicht verarbeiteten Erfahrungen.

Der Körper funktioniert auch ohne unser gedankliches Zutun. Zwar erweist sich der Kopf als notwendig für ein reibungsloses Funktionieren des Alltäglichen, doch manches Treiben des Ich darin wirkt wiederum wie eine Bremse beziehungsweise ein Problemmacher. Das Ich im Kopf scheint über dem Körper zu thronen und diesen Umstand derart wahrzunehmen, dass es der König im Körper ist. Doch der Körper kann auch ohne mich, während ein ich ohne Körper wahrlich gar kein irdisches Dasein hätte. Jenes ich, welches diese Offensichtlichkeit nicht einsieht – ist blind für die tatsächlichen Gegebenheiten.

Leidet ein Mensch unter Völlegefühl im Magen, wird er eventuell noch ein Glas Wasser trinken, um den Prozess der Auflösung zu unterstützen, doch mehr kann er nicht tun. Denn der Körper befreit sich letztendlich selbstständig und im Verborgenen von allem Zuviel. Genau wie man es im Kopf tun kann, wenn ein Mensch diesen mit Stille erfüllt.

Nun gilt es allerdings nicht, das Ich zu verteufeln, denn dieses Ich – ist ja unser Leben, unsere Art zu sein und bestimmt den Ausdruck all dessen, was wir im Gegenwärtigen darstellen. Die Möglichkeiten des Ausdrucks eines Ich sind wahrhaft ungezählt und mehren sich in jedem Augenblick unvorstellbar. Denn jede entdeckte Möglichkeit führt zu weiteren Möglichkeiten, welche zuvor gar nicht bekannt waren. Einst mischte der Mensch gemahlenes Getreide mit Wasser und buk auf heißen Steinen daraus Fladen. Dies war der Beginn einer Möglichkeit, die hierzulande Brot genannt wird. Die Bäckerinnen der ersten Fladen würden sich wohl heute im Himmelreich wähnen, stünden sie vor nur einer Brottheke unseres Landes. Hier, wo Menschen ihre Kreativität in alle Gewerke mit einfließen lassen.

Vieles ist seit dem ersten Fladen geschehen. Manches entwickelte sich weiter, anderes blieb stehen und es gibt auch jenes, was scheinbar im Kreislauf Erfüllung gefunden hat. Jedes Lebewesen, so wie es mag. Alles ist erlaubt. Aus diesem Grund hat der Mensch einen ihm zugehörigen Körper mit Kopf, auch damit er sich von niemandem einen Kopf oder Körper borgen muss und somit unabhängig ist. Der Mensch hängt auch nicht von der Luft ab, vielmehr bewegt er sich in dieser und trifft dabei niemals auf Widerstand.

Dass ich in uns, welches das Verdauungssystem im Kopf willkürlich betätigt, unwissend stört und damit auch mal vorübergehenden Schaden anrichtet, ist in Wahrheit ein ganz harmloses Ding. Einem Kinde gleich, das sich im Wald verirrte, springt es zwischen den Gedanken hin und her, dabei nach Zusammenhängen Ausschau haltend, die ihm einen Weg aus dem Dickicht weisen sollen. Doch während das Kind noch auf einen Baum klettern konnte, um sich aus der Höhe einen weiteren Blick zu verschaffen, ist das zeitgemäße Ich bereits derart dick angeschwollen und mit Gedanken vollgepackt, dass es sich kaum noch auf die eigenen Zehenspitzen erheben kann. Somit ist des Ich einzige Aussicht auf Aussicht, eine Erleichterung der Eigenwahrnehmung. Denn was ich nicht bin oder nicht mehr, kann mich kaum wahrhaft beschweren. Und was bleibt, ist allemal genug, um zu leben.

 

Nachgeströmt

Verwurzelt in der eigenen irdischen Geschichte, wird der Körper vom Erdreich angezogen und folgt den Gesetzen der Natur des Planeten. Da der Mensch jedoch eine geniale Mischung aus Natur und Gedanke ist, trägt er in sich die Fähigkeit, für sich und seine Art eigenständig Gesetze zu formulieren. Die Natur ist, wie sie ist, der Mensch jedoch kann selbst entscheiden, wo Saat und Wachstum für ihn Sinn ergeben und wo eher nicht. Zwar ist auch der Mensch mit der Natur der Erde verbunden, doch dies in anderer Art als zum Beispiel die Bäume oder das an einen bestimmten Lebensraum gebundene Tier.

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