Karins Traum

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Eines Nachts, Karin wusste nicht in welcher Stunde es geschah, denn sie schlief tief und still in ihrem Bett, da erwachte sie in einem Traum, in dem sie vor der hölzernen Eingangstür einer Kirche stand. Hoch und schwer prangte die Tür vor ihr. Dennoch hatte sie versucht die Tür zu öffnen, doch diese war verschlossen. Im Traum sah sich Karin ein paar Meter zurücktreten und die Umgebung genauer betrachten.

Die Kirche stand in einer Stadt und hinter der Kirche wuchsen riesige Kastanienbäume, die bevölkert von Krähen waren. Noch ein Stück weiter im Blick strömte ein Fluß, auf dem vereinzelt und in Paaren Schwäne schwammen. Die Straßen hinter, rechts und links von Karin zeigten sich menschenleer. Es war Frühling. Ein zarter Wind umtanzte Karin und hüllte sie in die Blütenblätter eines der nahe stehenden Bäume ein. Über ihr zeigte sich nur der reine Himmel. Dieser strahlte in einem leuchtenden Blau. Die Sonne mittendrin, hatte alles um Karin herum, mit einem goldenen Licht überzogen. Dieses schien derart hell, sodass Karin die Augenlider senken musste, um überhaupt etwas zu sehen.

Und dann geschah Merkwürdiges, denn während Karin in sich die Gedanken hörte: Bitte hilf mir, dies zu tun, wurde der träumenden Karin bewusst, dass sie bis dahin nicht einen Gedanken in sich vernommen hatte. Sie war vollkommen still und nahm die Bilder wahr, ganz ohne darin etwas zuvor zu deuten. So blieb sie weiter still und sah sich selbst im Traume zu. Dort hob sie nun den rechten Arm und wies mit Finger geradewegs auf die Kirchentür, welche von einer unsichtbaren Kraft bewegt, weit aufschwang und offen blieb.

Die träumende Karin fühlte, wie die Karin in ihrem Traum sich über sich selbst und das Geschehen wunderte. Dann sah diese kurz zum Himmel auf und sagte leise: Danke. Nichts hinderte sie nun noch daran, die Kirche zu betreten, also tat sie es und ging am Opferstock vorbei direkt zu dem großen Kreuz im Hauptschiff, an dem ein hölzerner Jesus hing. Dort drehte sie sich noch einmal kurz um und ließ ihren Blick über die Kirchenbänke wandern. Kein Mensch war auf diesen zu sehen, dennoch konnte Karin eine formlose Masse wahrnehmen, die sich aus vieler Leid, Schmerz, Kummer und Hoffnung zusammensetzte. Aber auch Lüge, Gier, Wolllust, Zorn und Rache saßen da dicht beieinander, und bildeten ein schmieriges Geflecht.

Sich wieder dem Hauptschiff zuwendend, glitt Karins stiller Blick über all den nutzlosen Tand, welcher der Kirche als Wand- und Tafelschmuck diente. Plötzlich hob sich erneut ihr rechter Arm und ein Blitz warf das hölzerne Kreuz auf den Boden, wo es zu Staub zerfiel. Aus dem Staub bildete sich sodann ein Blatt Papier, auf dem in schön geschwungenen Buchstaben einige Zeilen geschrieben standen. Die träumende Karin konnte es kaum erwarten, dass die Karin im Traum, das Blatt vom Boden hob und sich vor die Augen hielt.

Das Papier war ganz glatt und ein sanfter Schauer ging von diesem bei der ersten Berührung aus. Ein prickelndes Fließen in Karin, welches bewirkte, dass die Karin im Traum sich vollkommen aufrichtete, bevor sie zu lesen begann:

Der, der ewig lebt, braucht kein Testament hinterlassen. Er lebt in dir und deinen Schwestern und Brüdern, steht an der Seite jedes Einzelnen. Hilft, stützt und führt stets so, wie es wahrhaft gebraucht wird. Ist beständig da, antwortet immer und schläft nie, genauso wie es die Liebe nicht braucht.

Dort, wo Er noch am Kreuze hängt, wurde Seine Frohe Botschaft bis jetzt nicht erkannt. Er büßte nie für der Menschen Sünden, sondern offenbarte wundersam, dass der Tod nicht das Ende des Lebens sein kann, weil Gottes Gaben unbegrenzt sind. Wer den Einen am Kreuze anbetet, betet eine Lüge an. Der Tod ist nur ein Gedanke gewesen, den Er vor Seiner Jünger Augen überwunden hat.

Hier endete der Text.

Mit dem verklingen der letzten Gedanken, in der träumenden Karin, wurde die Kirche von einem strahlend weißen Licht geflutet, und sie erwachte genau um 8 Uhr in ihrem Bett. Die Sonne schien, im Garten vor dem Haus zwitscherten Vögel, ansonsten war es ganz still.

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Die Sanftmut des Tagesbeginns, begleitete Karin den gesamten Tag. Der Traum hatte sie in gewisser Weise ruhig gestellt. Es gab nichts zu verstehen oder zu bedenken. Das Wunder war nah. Mehr brauchte sie nicht zu wissen. Am Abend dieses Tages ging sie früher als sonst zu Bett, denn in sich empfand Karin eine freudvolle Gewissheit, dass der Traum noch nicht wirklich ausgeträumt war.

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