Spiegelbilder
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Wenn man in einen Spiegel blickt, sieht man solange nicht die Wirklichkeit, bis man es irgendwann fertigbringt, sich selbst vollständig frei von Urteil und Bewertung ins Antlitz zu schauen. Ein Spiegel kann dem Menschen in gewisser Weise nur jenes widerspiegeln, was er über sich selber denkt und meint. Ebenso ist es mit dem Nächsten, dieser spiegelt mir, wie ich ihn wahrnehme und als Bild in meiner Erinnerung abgespeichert habe. Was der Andere tatsächlich in sich birgt, kann mir nur offenbar werden, wenn meine Augen unverschleiert von urteilenden und feststellenden Gedanken auf des anderen Erscheinung blicken. Was hinter den Bildern meiner Gedanken lebt, kann ich erst erkennen, wenn der Geist in mir rein und still ist. Wahrlich jenseits von gestern und morgen, sodass ich mit dem Herzen sehe. Nicht fühle, sondern wahrhaft erschaue, was ist und mehr nicht.
Oft bis immer ist da gar nichts von jenem, was ich zuvor in mir sehen wollte. Das kann überraschend friedvoll stimmen und manchmal gar eine stille Freude bewirken, die sich ganz leise und verheißungsvoll im Erkennenden ausdehnt. Dann hat sich zwar im Umfeld scheinbar nichts verändert und dennoch ist plötzlich etwas anders als zuvor. Dies lediglich durch den einfachen Akt des Weglassens. Womit sich wieder einmal das für den Verstand Paradoxe bestätigt: Weniger ist stetig öfter mehr. Mehr Raum, mehr Leichtigkeit, mehr freudvolle Momente, mehr Dankbarkeit und Liebe für das Leben in und um uns selbst.
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