Notizen 29

Liebe ohne Beziehung

 

Ich erinnere mich, dass zum Ende meiner zweiten Ehe hin in mir der Wunsch aufstieg, mir selbst in männlicher Form zu begegnen. Das sah ich zu diesem Zeitpunkt als die Lösung all meiner Beziehungsprobleme an. Denn man würde einander kennen und wissen, was wirklich Sache ist. Für manch einen mag es nach Langeweile klingen, doch wenn man wahrlich in sich selbst lebt, dann kann da nirgendwo Langeweile sein, weder im Rudel noch im Alleinsein. Ist man in sich friedlich und offen, braucht man den Anderen nicht, um irgendetwas zu bekommen, zu erreichen oder gar um zu leben. Und somit kann man dessen Nähe genießen, lieben, ohne zu erwarten oder zu urteilen. Denn in dieser Beziehung ist der ‚Andere‘ so frei, wie man sich selbst sein lässt. Niemand, der liebt, wird dem Geliebten Schaden oder Schmerz zufügen.

Wahrlich hatte ich so meine Vorstellungen von dem anderen, der mich nicht wirklich ergänzen, sondern verstehen und mir vertrauen sollte, sodass das Ganze vollkommene Harmonie ergab. Ich höre da gerade jemanden stöhnen, dass es ja wohl kaum noch langweiliger ginge. Und ich weiß, dass dies das Ego in mir ist, welches mir jahrzehntelang weismachen wollte, dass Eifersucht, Misstrauen, Mitleid sowie auch Streit mit Knall und peng, ja dass all das schon immer zur Liebe gehörte und das am Ende stets die Versöhnung folgt, bis zum nächsten Wahnsinn. Ich sah es in Filmen, erlebte es im Umfeld, las prägende Bücher und empfand es viel zu lange als ganz normal.

So geschah es auch, als ich mir eines Tages nun wirklich selbst in männlicher Form begegnete, dass ich dies nicht ohne Vorurteil wahrnehmen konnte. Nach den ersten zwei paradiesischen Jahren brauchte es dann tatsächlich weitere sieben Jahre, bis ich vollständig bereit war zu erkennen, dass mein anfänglich erwähnter Wunsch greifbar erfüllt worden war. Es war mein Fehler gewesen, es nicht glauben zu wollen und mehr nach jenem zu schauen, was mir meine eigene Sicht der Dinge bestätigen konnte. Und somit zu übersehen, zu ignorieren, dass in dem Gegebenen all die Liebe fühlbar war, die auch mir das Leben gab. Gott sei Dank, dass er den Fehler bedingungslos in meiner Wahrnehmung berichtigt hat, nach dem ich ihn darum bat.

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