Die Welt der Ideen
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Ideen machen die Welt. Das Leben allerdings war vor der Welt und wurde erschaffen und von Gott gegeben. Gott ist das Leben in uns. Der Mensch ist frei und erlöst von der ihm bisher bekannten Welt, wenn er erkennt, dass er es selbst ist, der die Welt mit seinen Ideen gestaltet hat und es nach wie vor tut. Dies geschieht wahrscheinlich überwiegend, ohne sich der Folgen aller Ideen tatsächlich bewusst zu sein. Nur so erklärt es sich, dass viele Ideen uns am Ende nicht wirklich gut tun, manche sogar verletzend wirken können. Dies zum Beispiel stets dann, wenn ich stur darauf bestehe, dass ich an Leib und Seele Schaden nehme, wenn der andere nicht so will, wie meine Idee von ihm es vorsah.
Mit Abstand betrachtet ist aller Schaden, den mir der andere anscheinend zugefügt hat, jedoch auch nur eine Idee, die meiner Wahl entsprungen ist, es derart zu sehen. Doch in dem Moment, in dem ich glaube, dass es tatsächlich so ist, erscheint mir die Idee so wahr und wirklich lebendig im Raum, wie es wirklicher nicht geht.
… Und Gott hörte zu
An einem Freitagnachmittag im Juli trafen sich Bianka und Monika ganz zufällig in einem Café. Die beiden Frauen wurden vor einem Jahr vom Zufall berührt. Erstmals waren sie einander auf dem Marktplatz ihrer Heimatstadt begegnet. Dies passierte in einem Moment an einem der Stände, als sie nach demselben Paar Schuhe gegriffen hatten. Darüber mussten sie herzlich lachen, und so entwickelte sich zwischen ihnen ein Kennenlernen, welches sich ohne strikte Planung fortsetzte. Immer wieder kreuzten sich ihre Wege und man lachte und nutzte die Gelegenheit zum Plausch. In ihren Gesprächen drehte es sich nicht um Gott und die Welt. Vielmehr ging es darin stets um Themen, die ihr augenblickliches Leben tatsächlich betrafen.
An diesem Tage sah Monika sehr ernst aus. Nachdem sie sich an einen Tisch mit Ausblick auf das weite Meer gesetzt hatten, fragte Bianka sofort, nach der Ursache für Monikas Gesichtsausdruck. Ach, weißt du, bemerkte Monika daraufhin: Seit einiger Zeit geht mir mein Mann derart auf die Nerven, dass es kaum auszuhalten ist mit ihm. Bianka schaute Monika weiter fragend an, und diese fuhr fort, einige Situationen aus ihrem langjährigen Eheleben bildhaft zu schildern. Situationen, die Bianka wiederum gar nicht als echt nervig empfand. Sie war zu dieser Zeit Single, so dass sich ihre Träume mehr um das Finden des zu ihr wirklich passenden Partners drehten. Sie hatte bereits einige Beziehungen durchlebt, doch keine war derart haltbar geblieben, wie es sich bei jedem Neuanfang den Anschein gab. Deshalb konnte Bianka auch Monika keinen Rat geben. Zumal sie im Gegensatz zu Monika noch nie verheiratet gewesen war. Deshalb schwieg Bianka. Monika sah dies als Aufforderung an, der Freundin noch ausführlicher von ihrem Leidensweg zu berichten.
Auf dem Höhepunkt derer Ausführungen sagte Monika zu Bianka, dass ihr es am liebsten wäre, wenn ihr Mann aus dem gemeinsamen Haus ausziehen würde und sie dieses dann für sich allein hätte. Bianka nickte nur. Zwar hatte sie nie gemeinsam mit einem Menschen ein Haus besessen, doch dass der andere entbehrlich war – derartige Gedanken waren ihr auch schon in vergangenen Beziehungen in den Sinn gekommen.
Nach zwei Stunden verabschiedeten sich die beiden Frauen voneinander, und jede bedankte sich bei der anderen für die gemeinsam verbrachte Zeit.
Es vergingen drei Monate, bevor Bianka und Monika erneut einander über den Weg liefen. Bianka hatte erst kürzlich eine längere Reise hinter sich gebracht und freute sich sehr, die Gelegenheitsfreundin wiederzusehen. Dennoch erschrak sie leicht. Monikas Blick war dieses Mal eine Mischung aus Traurigkeit und Düsternis. Auch schien die Freundin an Gewicht verloren zu haben und war im Gesicht schmaler geworden. Besorgt fragte Bianka deshalb nach der Ursache, wieso Monika keineswegs glücklich aussah. Diese schaute Bianka ernst an und teilte dann mit, dass ihr Mann sie verlassen hätte. Kurz gesagt, wäre er einer anderen Frau begegnet, und zwischen den Beiden habe es wohl gefunkt. Dies wären jedenfalls seine letzten Worte gewesen, als ihr Ehemann, nur mit einem Koffer in der Hand, dem Autoschlüssel und der Hälfte ihres gemeinsamen Bargeldbestandes in der Tasche, vor genau einem Monat das Haus verlassen habe. Seitdem hätte Monika ihn nicht wiedergesehen und gemeldet habe er sich bisher auch kein einziges Mal.
Bianka hörte Monika aufmerksam zu. Plötzlich strahlte sie Monika an, welche wiederum Bianka etwas verwirrt ansah. „Wieso strahlst du so?“, fragte Monika. „Hast du mir nicht zugehört?“, fragte sie ohne Pause nach. Doch Bianka nickte nur und sagte immer noch nichts. Die Freude, welche auf ihrem Gesicht leuchtete, schien zwischenzeitlich den ganzen Raum des Cafés zu erhellen.
Statt einer direkten Antwort fragte sie nun Monika, ob sich diese daran erinnern könne, worüber sie das letzte Mal gesprochen hätten. Monika schüttelte den Kopf, sodass Bianka in ihrer Rede fortfuhr:
Es ist keine drei Monate her, dass wir dort drüben an dem Tisch saßen und du mir dein Leid geklagt hast. Erinnerst du dich? Es war dein ernsthafter Wunsch, dass dein Ehemann sich aus dem Haus verflüchtige, weil er dir, nach deinen eigenen Aussagen, beständig auf die Nerven ging.
Jetzt schaute Monika verlegen auf die Tischplatte. Zwei Tränen tropften ihr aus den Augen, direkt in die vor ihr stehende Tasse mit Tee. „Ja“, sagte sie leise, „du hast recht. Es war mein Wunsch, aber doch nicht, dass er sich derart erfüllt“, schluchzte sie leise. Da stand Bianka auf und legte die Arme um Monika. Eine Weile war es ganz still. Mittlerweile schienen sie die einzigen Gäste im Café zu sein. Monika weinte stumm, und Bianka hielt sie einfach nur fest umschlungen. Als Monika sich wieder gefangen hatte, sagte sie zu Bianka: „Danke, dass du da bist und mich tröstest.“ Bianka lächelte Monika an und bedankte sich ebenfalls. Immer noch war dieses merkwürdige Strahlen auf ihrem Gesicht zu sehen. Das erstaunte Monika nun doch und deshalb fragte sie, wofür Bianka denn ihr danken würde und dabei auch noch so überirdisch heiter aussah.
„Ja weißt du“, sagte Bianka, „es heißt doch immer, dass Glück und Unglück ganz dicht beieinander liegen.“
„Ach ja?“, erwiderte Monika. „Das habe ich noch nie gehört“, fügte sie kopfschüttelnd nach.
Daraufhin sagte Bianka: „Während du erzählt hast und ich mich an unser letztes Treffen erinnerte, wurde mir bewusst, dass ich in keiner meiner Beziehungen jemals ein Opfer war.“
„Ach, wie das?“, fragte Monika ungeduldig weiter.
„Erkennst du es denn nicht?“, fragte nun wieder Bianka. „Dir wurde ein Wunsch erfüllt, und jetzt, wo du mit der Erfüllung zurechtkommen musst, hast du vergessen, dass du es warst, die sich nach einer Trennung sehnte.“
„Ja, aber doch nicht so“, erwiderte Monika, nun leicht empört.
„Ach, wie denn dann?“, fragte Bianka. „Gott hat zugehört und dir deinen Wunsch erfüllt. Und weil er alle seine Kinder liebt und niemandem Leid beschert, fand er die optimale Lösung. Du hast das Haus und dein Mann ist glücklich mit einer anderen Frau. Das ist doch wunderbar, findest du nicht? Wahrscheinlich konnte Gott nur so, gleich drei Wünsche auf einmal erfüllen. Dass du jetzt leidest, ist deine eigene Entscheidung. Stattdessen könntest du dich ja auch bedanken, dass es kam, wie du gewollt hast. Und noch dazu überraschend schnell.“
„Und ich danke dir“, fuhr Bianka fort, „weil ich durch diese Erfahrung mit dir etwas Wesentliches gelernt habe. Denn wie eine Sintflut tauchten plötzlich mehrere Erinnerungen in mir auf, die mich von dem Gedanken, ich wäre irgendwann irgendjemandes Opfer gewesen, befreit haben. Ich konnte tatsächlich sehen, wie oft ich mich geirrt habe, wenn ich die Schuld für ein Geschehen in meinem Leben, dem Anderen in die Schuhe schob. Doch in Wirklichkeit, waren es wohl immer meine Wünsche und vor allem Gedanken, die Gott mithörte und dann für mich wahr machte. Ich weiß, das klingt jetzt alles seltsam für dich, doch ich sage dir: Gerade eben hast du mir und dir ein neues Leben geschenkt. Eines, in dem wir keine Opfer mehr sind, sondern uns ab sofort dessen bewusst sein können, dass Gott zuhört, immer und immer, wenn wir denken, wünschen und sprechen.“
Nun blickte Monika tatsächlich verdutzt drein, doch langsam erschien auch auf ihrem Gesicht ganz sanft ein zaghaftes Lächeln, welches sich zu einem kraftvollen Lachen ausdehnte, in das Bianka freudig einstimmte. Anschließend erinnerten sie sich abwechselnd an Erfahrungen, die sie beide, aufgrund ihrer Wünsche und Gedanken, mit hoher Wahrscheinlichkeit selber geordert hatten. Irgendwann gab es dann nichts mehr zu sagen. Eine kleine Weile saßen sie einfach schweigend am Tisch. Schließlich verabschiedeten sie sich wieder voneinander, innerlich derart friedlich und heiter gestimmt wie noch kein einziges Mal zuvor.
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Die vorstehende Erzählung beruht auf einem tatsächlichen Ereignis.
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