Die Baustelle
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Vor zwei Wochen befanden sich der Gefährte und ich auf einer Reise in die Mark Brandenburg. Die Hinfahrt machte uns mit zahlreichen Baustellen im Straßenverkehrsnetz des Bundes bekannt. Vonseiten des Gefährten in seiner Rolle des Fahrers erhielt ich während der Fahrt ausführliche Informationen bezüglich des unkontrollierbaren Baustellenbooms, der so ganz allgemein im Land, in Dorf und Stadt zu beobachten sei. Ich gebe zu, dass dies mich amüsierte. Ja, sich sogar ein gewisses Wohlbehagen bei dem Gedanken fühlbar machte, sich mal wieder über das im Jetzt nicht Veränderbare künstlich aufzuregen. Immer wieder musste das Auto anhalten, um einer langen Autoschlange den Vortritt zu lassen oder die Geschwindigkeit wurde per Hinweisschild auf einen Schlenderschritt begrenzt, sodass das Ganze hin und wieder einen sehr zähflüssigen Eindruck machte.
Seltsamerweise fing stets dann, wenn man wieder einen Gang höher schalten und etwas Gas geben konnte, die Maulerei des Fahrers erneut an. Hin und wieder stimmte ich zu und trug somit etwas dazu bei, dass das im Jetzt illusionäre Problem nicht einfach so verschwinden konnte. Was mich selbst jedes Mal erstaunte, denn nun fuhren wir ja.
Wiederum während der Standzeiten war stets Stille im Raum. Kein Hupen, kein Radiolärm, kein Gespräch, und da es ein Freitag nach 14 Uhr war, drang auch kein Baustellenlärm in das die Stille liebende Ohr. Alle Autos von der Gegenspur fuhren langsam und leise vorüber. Die Bäume wiegten sich sanft im Sommerwind und man hörte sogar die Vögel singen. Das ganze Umfeld durchströmte ein fühlbarer Frieden, indem die Gewissheit mitschwang, dass es bald weitergehen würde, dies sowohl mit als auch ohne Widerstand. Das war eine wunderschöne Erfahrung und hat die Fahrt in meiner Wahrnehmung immens verkürzt.
Auch konnte ich mal wieder ein paar Blicke auf den offensichtlichen Wahnsinn des Weltengeistes werfen. So las ich hin und wieder die Baustellenschilder, welche den Zweck sowie Beginn und das geplante Ende der Baumaßnahme verkündeten. Bei einer Baustelle handelte sich um ein für die Dauer von 20 Jahren geplantes Projekt, welches den zuvor frei fließenden Verkehr in der Region für 20 Jahre (oder länger) unterbrach. Und all dies nur, damit man dann 20 Jahre später noch schneller zu allen Arbeitsplätzen kommt. Ich fand ja 5 Jahre Vorausplanung schon gewagt viel, doch 20 Jahre stimmten mich sehr, sehr heiter und angenehm gedankenfrei.
Wir kamen dann wohlbehalten und reibungslos mit nur einer Stunde Verspätung in der Mark Brandenburg an. Die Landschaft war herrlich und da fuhr man freiwillig gern langsam. So viel Wald und Wasser, das war einfach nur schön. Die zwei Tage bei Frau Mama vergingen ohne einen Moment der langen Weile und auch der Abschied war heiter. Vor der endgültigen Heimfahrt besuchten wir noch meinen Papa in der Hauptstadt. Auf Schleichwegen näherten wir uns der Großstadt an. Es war ein Sonntagvormittag nach 10 Uhr. Erstaunlicherweise hatten wir überall freie Fahrt und es gab auffallend wenig Verkehr. Als wir dann eine Stunde später mit dem Papa auf dem Balkon in der Erdgeschosswohnung saßen und einander zuhörten oder mitteilten, erfuhr ich erneut das Phänomen des friedvollen Umfeldes. In der ganzen folgenden Stunde bis zu unserem Abschied ging niemand an dem Balkon vorüber. Es war warm, sonnig und still, also um uns herum. Da es sich bei dem Wohnort um eine Wohnanlage handelte, in der über ein Dutzend vierstöckige Wohnblocks hintereinander und nebeneinanderstehen, fand ich dieses Erleben schon außerordentlich bemerkenswert, noch dazu im überfüllten Berlin.
Die Rückfahrt führte uns an dem bereits Bekannten vorbei. Alle Baustellen waren noch da. Dies störte keineswegs, denn wir mussten nirgendwo pünktlich sein, nur präsent dort, wo man war. Als das Auto wieder an dem Hinweisschild mit dem 20-Jahresplan vorbei fuhr, fühlte ich mich plötzlich so glücklich, dass ich nichts mehr sagen konnte. Wie bedeutungslos sich dieser ganze Planungswahnsinn doch immer öfter für das wirkliche Leben erwies. Und ich empfand tiefe Dankbarkeit für die Gnade, dies als Mensch im Jetzt und Hier erkennen zu können.
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