Himmelsflüchter
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Wenn ein Mensch auf der Erde geboren wird, ist der Himmel schon da. Ist immerdar und bleibt wohl auch sichtbar, wenn der Geist dieses Menschen den Körper, wohin auch immer – verläßt.
In der Kindheit wurde mir, wenn einer starb, von manchem Älteren erzählt, dass jener, der gegangen war, nun im Himmel ist. Wieder bei Gott sei, der ihn liebt, also jenen, der zurückkam, zurück zu Gott. Und nun all das Glück in Fülle haben wird, welches hier auf Erden, dem Anschein nach, nur begrenzt zur Verfügung steht. Im Himmel ginge es allen Menschen gut, so lautete desöfteren die Rede.
Die Eltern wiederum, boten mir die Überzeugung an, dass nach dem Leben – nichts mehr kommt. Lange Zeit glaubte ich ihnen. Denn als Kind konnte ich mir noch nicht vorstellen, dass es irgendwo schöner sein könnte, als dort – wo ich war. Deshalb dachte ich auch kaum, beziehungsweise sehr, sehr selten über einen Gott und jenes Leben im Himmel nach. Und schon gar nicht darüber, dass da ein Himmel im Menschen wäre.
Aus heutiger Sicht kann ich nun erkennen, dass ich, ohne es zu wissen, den überwiegenden Teil meiner Kindheit im Himmel erfahren habe. Es war nicht so, dass ich Engel sah oder himmlische Gesänge hörte, nein, so war es nur in Filmen, doch nicht in meiner Wirklichkeit. Tatsächlich war ich gern Kind und liebte es zu sein, was ich war – in jedem Moment. Sogar, wenn die Erwachsenen um mich herum auch mal streng waren oder laut wurden, trübte dies nie nachhaltig, die mir eingewobene schöne Sicht des Lebens und von all jenem darin, was noch vor mir lag. Und genau dort, wo ich in den Tagen der Kindheit war, war immer alles gut, so wie es war. Und nie sah ich es anders. Zweifel am Geschehen waren mir völlig unbekannt.
Ab jenem Tag jedoch, an dem ich es erstmalig hartnäckig anders haben wollte, anders als die Wirklichkeit für meine Augen hergab, begann, von mir ganz unbemerkt, meine Flucht aus dem Himmel. Und ich fand immer öfter Gelegenheiten, um vom fliegenden Teppich des Lebens hinunterzuspringen. Um in Einbahnstraßen, Sackgassen und auf öden Landebahnen zu verweilen, die von anderen Flüchtlingen erdacht und gebaut worden waren. Und irgendwann, auf einer Autobahn mitströmend, erschien mir der Gedanke an den fliegenden Teppich, nur noch wie ein Märchen, dessen Wirklichkeit nur ein kindlicher Traum gewesen war.
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