Die Unsichtbaren

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Vor mehr als einem Jahr hatte Karin in einem Buch gelesen, dass sie unsichtbar werden würde, wenn sie den Empfehlungen, welche in dem Buch geschrieben standen, diszipliniert folgte. Da Karin selber bereits Erfahrungen, mit dem unsichtbar Sein gesammelt hatte, erschien ihr das Gelesene realistisch. Zwar war sie in manchen Tagen, nicht für sich selbst unsichtbar gewesen, doch einige der Menschen, denen sie auf ihren Wegen begegnete und von denen sie sogar mit manch Einem davon bekannt war, hatten sie nicht wahrgenommen. Waren an ihr vorbei geeilt, ohne Karin zu sehen. Bei drei dieser Begegnungen wurde sogar Karins Gruß überhört, derart tief war der Angesprochene in seine eigenen Gedanken versunken. Stand in seiner Vorstellung eventuell bereits am Ziel des Weges, sodass er sich in seiner Wirklichkeit ebenfalls nicht mehr wahrnahm. Derart mit Erinnerung sinnvoll gestärkt, hielt sich Karin an das vorgegebene Übungsprotokoll, da sie außerordentlich begeistert davon war, wieder einmal etwas einst Geglaubtes aufzugeben, um es gegen eine neue und schönere Wirklichkeit einzutauschen.

Im Verlauf des vergangenen Jahres begab sich Karin – ganz entgegen ihrer Gewohnheit der vorherigen vier Jahre – desöfteren auf kleine Reisen, die sie vom Norden des Landes in dessen beinahe Mitte brachten. In Letzterer hatte Karin einst mehrere Jahrzehnte gelebt. Ihre Eltern, Geschwister und auch Karins Kinder, lebten dort nach wie vor. Für die Reise nutzte Karin den Service eines Beförderungsunternehmens, welches in einem Bus 100 Menschen gleichzeitig von einem Ort an einen anderen beförderte. Dementsprechend begegnete Karin auch vielen Menschen, von deren Existenz sie zuvor gar nichts wusste. Neben manchen saß sie nur, mit Anderen wiederum kam sie ins Gespräch und bekam derart Einblicke in die Wirklichkeiten dieser Menschen, von denen sie ebenfalls nichts gewusst hatte. Ihr Übungsbuch reiste stets mit, und war für sich genommen schwerer als jegliches andere Zeug, das Karin mit auf die Reise nahm.

Es gab sogar Tage, da war ihr das Übungsbuch wichtiger, als zum Beispiel ein Kamm, ein Brot oder sonst irgendetwas, was sie zuvor für unentbehrlich gehalten hatte. Denn in dem Buch fand Karin Gedanken, die auf dem ersten Blick unglaublich erschienen, sich jedoch im Verlaufe von deren Anwendung, beziehungsweise Beherzigung durch Karin, als erstaunlich wahr und außerordentlich hilfreich erwiesen. Denn diese Gedanken bewirkten stets Frieden in Karin, wenn sie zum Beispiel innerlich in Aufruhr war oder sich sonstwie unerklärlich unwohl fühlte. Sie vermittelten Karin in einfacher Art eine andere Sicht von der Welt, den Menschen und Dingen darin, welche stark von allem einst durch sie Gelernten und auch durch die allgemeinen Medien als Wahrheit Angepriesenem – abwich. Dies erstaunte Karin stets aufs Neue, denn zuvor hatte sie geglaubt, bereits alles zu wissen. Und immer wieder fühlte sie sich tatsächlich glücklich darüber, dass sich derart viele Irrtümer in ihrer Wahrnehmung auflösten. Das alles geschah, ohne jegliches Verlustempfinden. Geradezu das Gegenteil war der Fall, denn Karin empfand sich dabei jedes Mal seltsam bereichert. Sie sah ihr Leben jetzt heller und wirklicher, als es ihr zuvor gewohnt gewesen war.

Mit dem Ausklingen des Reisejahres konnte Karin letztendlich erkennen, wieso sie tatsächlich in vielerlei Hinsicht, für die sie umgebende Welt unsichtbarer wurde. Einerseits lag es wahrscheinlich daran, dass sie sich kaum noch in Situationen einmischte, die sie nichts angingen. Denn sie wusste nun, dass jeder Mensch in seiner eigenen Welt lebte und ihre Sicht der Dinge, dem Anderen nur hilfreich sein konnte, wenn dieser von sich aus um ihre Meinung bat. Also wenn der Andere auf der Suche nach Lösungen von Problemen war, deren Beständigkeit ihm in seinem Leben rätselhaft erschien. Doch überwiegend ergab sich die Unsichtbarkeit Karins offensichtlich dadurch, dass sie in einer anderen Zeitzone lebte als jene Menschen, die sie selbst zwar wahrnahm, doch von diesen übersehen wurde. Menschen, die gedanklich im Vergangenen wandelten oder in ihren Köpfen in die Zukunft reisten. Diese waren zwar ebenfalls dort, wo Karin sich aufhielt, doch nur rein äußerlich und im Geiste nicht wirklich.

Karins bereitwillige Aufmerksamkeit und Offenheit, für alles unleugbar wirkliche Geschehen, lehrte sie nachhaltig, zwischen Wirklichkeit und Illusion zu unterscheiden. Dies wiederum befreite Karin von vielerlei Angst, vorsorglicher Unterstellung und betrüblicher Aussicht, weil all das vollkommen belanglos im Gegenwärtigen war. Und mehr als das Jetzige gab es ja gar nicht, hatte es tatsächlich auch zuvor nie gegeben. Zumindest nicht in Karins Leben, was sie mehr und mehr heiter stimmte. So erfreute sie sich zunehmend an all dem, was wirklich war und fühlte stetig weniger Drang in sich, zu ihrer einstigen Art und Weise, das Leben zu bedenken und wahrzunehmen, zurückzukehren. Stattdessen genoss sie, die im Unbekannten unvermutete Freiheit und war anhaltend dankbar dafür, dass sich diese ihr, ohne jegliches Wenn und Aber, in ganz natürlicher und bemerkenswerter Art eröffnet hatte.

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Wir können einander nur in der Wirklichkeit des Jetzt erkennen. Alles andere ist lediglich geträumt.

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