Kleine Irrtümer

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Der Mensch irrt sich ganz offensichtlich, wenn er behauptet, dass die Toten anklagen würden, denn was nicht lebt, kann gar nicht klagen. Es ist die Stimme des Lebendigen, die für das Tote spricht. Und dies, obwohl alles Klagen und dies weltweit offensichtlich, weder dem Toten noch dem Lebendigen von Nutzen sein kann. Anders ist es da mit dem Fragen, um Klarheit zu erlangen, was immer Einsicht bringt, natürlich vorausgesetzt, dass die Frage nicht einer Klage gleicht. Wie zum Beispiel im Folgenden: „Nie antwortest du auf meine Frage, wie soll ich das aushalten?“.

Also frage ich nun in mich, wie es eigentlich dazu kam, dass der Mensch mit dem Klagen begann? Denn da sind Gedanken in mir, drängen sich regelrecht in meine Wahrnehmung, die sich nicht abschütteln lassen, beachtet werden wollen, dabei jedoch keinesfalls angenehm sind. Unangenehmes beinhalten, unangenehm für den Anderen, der mich in meiner gewohnten Ruhe erschüttert hat. Der etwas tat, was ich nicht rückgängig machen kann, und deshalb klage ich diesen in mir an. Der Andere steht in mir bildlich am Pranger, kann sich dort nirgendwo verstecken. Doch bin ich blöderweise bereits zu wach, um ihn der Schande und Schmäh weiterer Mitmenschen auszusetzen. Denn ich empfinde die Gewissheit, wahrhaft ist wirklich alles Eins, und gleichgültig – von wo ich den Pfeil abschieße, er kehrt zu mir zurück und wird mich dort treffen, wo es in Echt so richtig schmerzt.

Dann könnte ich zwar weiter klagen und somit munter einen neuen Kreislauf wagen, blind so tun, als ob ich ein Opfer wäre, obwohl doch der Kreis sein Beet, seine ganze Heimstatt allein in meinem Gedanken hat. Denn dort wurzelt der Beginn meiner Klage, und geb ich ihr statt, dann doch nur, weil ich es liebe zu klagen, nicht immer, doch manchmal schon. Momente, in denen ich mich keinesfalls mit dem offensichtlich überwiegenden Schönen befasse, dafür mich selbst nerve und getrennt fühle von all dem, was ich mir in gewisser Weise ausgesucht, selbst ausgedacht und in mir wahr gemacht hab. Und ist mir allumfassend bewusst, dass tatsächlich alles, wirklich alles, miteinander verbunden ist und es die Vereinzelung des Lebendigen, nur in meinem Verstand gibt, kann ich gar nicht mehr so leben, wie es die Welt mir vormacht. Denn diese fordert gegen alles zum Kampf auf, gegen alles, was mir nicht behagt, was ich als ungerecht empfinde und in mir nicht akzeptieren kann.

Warum eigentlich? Was ist so schlimm daran, dass sich der Andere anders verhält, als von mir gewünscht, gewollt, gefordert?

Nur in der Liebe kann man den Dingen noch näher kommen als im Kampf. Somit ist  es ebenfalls ein Irrtum zu glauben, dass der Kampf das Bekämpfte aus dem eigenen Leben entfernt. Kein Mensch kann den Frieden in sich erkämpfen. Bestenfalls kommt es zu einem Waffenstillstand. Man selbst ist ja das eigene Leben und steht im Mittelpunkt aller Umstände. Wenn man am Rand stehen würde und einfach weitergehen könnte, nur dann ist es nicht das eigene Feld. Lediglich, was ich in mir selbst gestalte, kann um mich herum Gestalt annehmen. Dies gilt ohne Ausnahme für alle Zustände, also von Freude bis zu denen von rebellischer Art.

Sein ganzes Leben, insbesondere all jene Ereignisse, die einem Menschen ohne seine ersichtliche Mitwirkung zufallen, wurden in irgendeinem nahen bis fernen Moment zuvor, genau durch diesen selbst mit Aufmerksamkeit bedacht. Also innerlich als eine Möglichkeit wahrgenommen, die sich in unserer Vorstellungskraft vorübergehend entfaltet hat. Eventuell nicht am selben Tag, im gleichen Monat oder vergangenem Jahr, doch das Leben vergisst keinen Gedanken, der dem Menschen derart wichtig ist, dass er diesen mit Ausdauer in sich bearbeitet. Vorformt als Muster für seine Sicht des Lebens.

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