Die letzte Reise, Teil 8

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In einer Welt, die mittels gegensätzlich wirkender Energien erschaffen und auch zusammengehalten wird, ist wahrhaft alles möglich, nur eben nicht von Dauer. Aus diesem Grund wird es dem beherzten Menschen, der mit allen Sinnen in der Welt der Gegensätze lebt, stets nur vorübergehend gelingen, auf dem Vorhergehenden aufzubauen. Denn alle Basis, die aus Schwarz und Weiß entstand, erweist sich letztendlich als trügerischer Fakt, dem es in aller Wahrhaftigkeit derart an Farbe mangelt, dass es gar kein echtes Leben sein kann.

Reiseimpression(en)

 

In der letzten Woche des Septembers, begaben sich Karin und Leo gemeinsam auf eine Reise, die in die Welt von Karins Kindheit führte. Eigentlich sollte die Reise bereits an einem Sonntag Vormittag beginnen, doch aufgrund einer leichten Unpässlichkeit, seitens der Gastgeber, wurde der Start auf den Montag gerückt. Für Karin war es ein merkwürdiges Empfinden, plötzlich einen ungeplant freien Sonntag zu haben, da bis auf die Reise an diesem Tage – ja nichts weiter vorgesehen war.

Am Montag dann, bereits knappe 40 Kilometer von ihrem Heimatort entfernt, mussten die Beiden tatsächlich wieder umkehren, da das Auto einen Schaden an der linken Scheibenbremse erlitt. Trotz des unwillkommenen  Geschehens, blieben Leo und Karin im Innersten still und urteilsfrei. Was da ist, das ist nun mal gegeben und man regelt das Naheliegende am Besten zuerst. Der Abschleppdienst versprach in einer dreiviertel Stunde einzutreffen. Für einen Montag dünkte dies erstaunlich schnell. In der kurzen Wartezeit konnte Leo alles per Mobilfon mit der heimischen Werkstatt klären, Termine machen und dann gemeinsam mit Karin allein den Ausblick und Klang genießen, da sie auf einem Rastplatz im Wald gestrandet waren. Das Glück im Unglück hatte hier offensichtlich vorsorglich gewirkt.

Etwas später, am Waldrand stehend, dachte Karin darüber nach, dass in diesem Fall die Erfindung des Handys – für sie das erste Mal tatsächlich von Nutzen erschien. Sie erinnerte sich daran, dass ihnen auf dem Rastplatz spontan von einem Menschen Hilfe angeboten worden war, während Leo und Karin gerade staunend vor dem linkerseits qualmenden Vorderreifen standen. Das Angebot beinhaltete sogar die Benutzung des Handys, des ihnen unbekannten Bruders. Wir wären also in keinem Fall verloren gewesen, auch dann nicht, wenn wir kein eigenes Handy gehabt hätten, dessen war sich Karin nun gewiss. Auch,  dass der junge Mann einen Tag zuvor, also am Sonntag, dem ursprünglich geplanten Termin der Reise, mit hoher Wahrscheinlichkeit nicht auf dem Rastplatz anwesend gewesen wäre, schien ihr denkbar. An diesem Montag jedenfalls hatte alles vorzüglich gepasst und miteinander harmoniert.

In erster Linie ordnete es Karin, als ein Ergebnis der inneren Stille des Vortages ein, dass das Auto dann schon am nächsten Tag, dem Dienstag, bereits gegen Mittag repariert und startbereit war. Selbstverständlich hatte auch die Werkstatt einen hohen Anteil daran, denn das benötigte Ersatzteil musste im Inland geordert werden und wurde schon am Dienstag in der Frühe geliefert. Die Werkstatt hieß kurioserweise: Sehnsucht. Karin selbst hatte sich kaum vorstellen können, dass die Reise so schnell fortgesetzt werden konnte, doch auch nichts dagegen einzuwenden. Dass die ganze Sache an einem Sonntag, also dem ursprünglich geplanten Reisetag, mit hoher Wahrscheinlichkeit nicht so rasant zu regeln gewesen wäre, sah sie nun allumfassend und mit aller Deutlichkeit dankbar ein.

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Als Karin und Leo am späten Montagnachmittag in Demmin ankamen, wurden sie von entspannten Gastgebern empfangen, die ja nun ebenfalls einen Tag länger auf die Ankunft der Beiden gewartet hatten. Demmin ist ein Ort aus Karins Kinderzeit, an dem immer noch ein gut Teil ihrer Verwandschaft lebt. Der größte Teil von diesen war zum Abendbrot anwesend und schnell wurde Karin bewusst, dass der Gesprächsstoff nicht ausgehen würde. Allgemein war die erste Begegnung derart heiter, dass keinerlei Befürchtungen in ihr aufkamen, sich eventuell zu langweilen.

Am diesem ersten Abend der Reise ging Karin wie gewohnt – gegen 1 Uhr ins Bett und wurde, etwas ungewohnt, schon um 6  Uhr am Morgen wieder wach. Aufgrund der äußeren Umstände wollte sie jedoch erst gegen 8 Uhr aufstehen, um den Start der berufstätigen Verwandten in den Tag nicht zu stören. So blieb Karin einfach liegen, genoss das heimische Empfinden, die familiären Geräusche aus der unteren Etage und die Wärme der Bettdecke.
Derart passierte es dann an jedem folgenden Tag, nur dass Karin an den Abenden stetig früher zu Bett ging, ab dem vierten Tag schon um 22 Uhr. Alles in Karin passte sich problemlos den neuen Umständen an.
Allgemein war dies einst beständig ein großes Thema in Karins Leben gewesen, also diese Sache mit der Anpassung und Akzeptanz der vorgefundenen Umstände. Bei den für Karin überwiegend unbekannten Menschen, also Vorübergehenden oder lediglich als Bild Präsenten, doch auch bei Kollegen, hatte sie damit im Geiste keine Schwierigkeiten und ihr Körper demzufolge ebenfalls nicht. Doch mit jenen Menschen, die ihr wahrlich nahe standen, hatten sich im Vergangenen öfter mal Unstimmigkeiten und daraus folgender Groll entsponnen.
Das Thema scheint zwar selbstverständlich, doch weil Karin ja stets ihr innerliches Wesen überall mit sich trug – wirkte es letztendlich irgendwann raumübergreifend. Das gab Karin Rätsel auf. Denn hatte Karin mit verschiedenen Menschen immer wieder das gleiche Problem, weil sie verändern wollte, was ohne ihr Zutun erwachsen war und auch weiter wuchs, wurde jede Unstimmigkeit offensichtlich durch Karin selbst begründet. Sie war mit den Anderen nicht zufrieden, wenn sie es mit sich selbst im Innersten nicht sein konnte, weil nicht alles so war, wie sie es wollte. Als Karin diese Einsicht im Frühling des Jahres in sich gefunden hatte, war ihr dies einen spontanen Freudentanz wert gewesen. Danach konnte sie noch für einige Tage fühlen, dass sogar jeder Stuhl – auf dem ein Mensch jemals sitzt – aus reinster Liebe ist. Liebe, die in sich alles trägt und hält, was in einem Dasein die eigenen Träume lebt.

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Jeder Tag der Reise war neu, keiner hat sich wiederholt. In gewisser Weise war es für sie eine Prüfung in Wahrhaftigkeit, Mitgefühl und Hingabe. Erstaunlich leicht fiel ihr das Bestehen im Jetzt.

Beide Menschen bewegten sich während der Reise reichlich und gern. Am 3. Tag seilten sie sich zum Beispiel kurz aus der Stadt ab und machten einen Ausflug nach Ahrenshoop sowie in eine Schatzkammer auf dem Darß. Insgesamt gaben Karin und Leo in den 7 Tagen kaum Geld aus, sahen sich das Umfeld von Demmin an, die zauberhaften Uferstreifen der Peene, den Kummerower See in seiner Weite und auch einen igelalten Speicher im Hafenbereich der kleinen Hansestadt. Darüber hinaus wurden sie jeden Tag mehrmals zum Essen genötigt. An dieser Stelle lacht man natürlich, denn es hat immer sehr wohl geschmeckt. Essen hält zwar nicht Leib und Seele zusammen, doch kann es Wohlgefühl entfachen, vorübergehend Zufriedenheit schenken und belebt und stillt den Geist zugleich – im bewussten Genuss des Moments.

Am Abschiedstag stieg eine Traurigkeit in Karin auf, die sie bisdahin nur empfunden hatte, wenn es aus dem Ausland nach Deutschland zurückging. Gleichfalls bekamen Karin und Leo jedoch auch ein überraschendes Geschenk. Ein Anruf von Daheim teilte ihnen mit, dass sie ihre Reise getrost um einen Tag verlängern konnten. Da war er also wieder, jener Tag – der am Anfang scheinbar verloren ging. Gott und Seine Liebe sind einfach die besten Eltern, die ein Mensch auf Erden haben kann. Diesen einen Tag verlebten Leo und Karin dann in Prerow. So kam wieder ein Schönster Tag mehr in Karins Leben. Unbeschreiblich schön.

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Am frühen Abend tauchten Leo und Karin wieder daheim in Schleswig-Holstein auf. Auch dort hatte sich zwischenzeitlich – zuvor scheinbar Unlösbares – im zwischenmenschlichen B-Reich aufgelöst. Karin nahm es mit Dankbarkeit und Freude wahr, doch nachgefragt – wie und warum dies geschah – hat sie nicht. Denn wie nach jeder Reise, war Karin nicht mehr ganz dieselbe, welche 8 Tage zuvor die Reise begann. Das Dasein atmete sich jetzt noch leichter ein und aus, die Gedanken hatten Form und Inhalt gewandelt und erweitert. Ganz allgemein fühlte Karin sich vom Leben noch geliebter, getragener und gewollter – als jemals zuvor. Ach dieses Leben im Menschen, das da so stetig und heimlich in diesem wirkt, mit welcher Leichtigkeit es doch Karin, unaufhörlich wieder glücklich stimmte, wenn ihr Ich sich zurücklehnte und der Liebe alle Führung überließ.

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