Wenn ich das Geld hätte

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Manchmal fragt man sich, was man tun würde, stünde bedingungslos eine Summe Bares zur Verfügung, die das bisher Gewohnte weit übersteigt. Eine uns häufig bekannte Frage, die wir schon als Kinder gern beantworteten. Ohne Verzögerung erschien die Antwort aus uns. Zumindest bei den meisten Kindern. Jene wiederum, die es damals schon besser wussten, verdrehten einen Moment die Augen, um dann in einer kurzen Suche verharrend – nach dem bekannten Ausschau zu halten. Ihre Antwort kam aus der Welt der Erwachsenen, man hatte diese irgendwo aufgeschnappt und sich gemerkt, da es so bedeutungsvoll klang. Beeindruckt von den Möglichkeiten der Großen, eiferte das Kind diesen nach. So wird es mehr und mehr wie diese und weiß am Ende gar nicht, wie ihm derart geschah. Doch der Drang zur Nachahmung ist von Natur aus gegeben, nur dass man diesen noch fördert – war im Verständnis des Ursprünglichen offensichtlich nicht angedacht. Sonst wäre der Mensch nämlich gar nicht dort, wo er jetzt steht oder bereits liegt. Entwicklung ist keine Nachahmung.

Als Kind kann man sich alles wünschen, sogar dass die Omi nicht stirbt, weil man ja noch Märchen liest und darin alles möglich ist. Entwächst das Kind dem Märchenhaften, überwiegen ab dann jene Wünsche, welche allgemein als erfüllbar gelten und oft aus eigener Kraft realisiert werden können. Der Mensch ist somit vernünftig geworden. Aussichtsreich hängt er in seinem Rahmen und überlässt das innere Reich dem Schicksal.

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Wenn man den Fortschritt oder auch die Evolution des Menschlichen, wahrhaft selbst und möglichst neutral begutachten will, kann ein Mensch sich lediglich an den Qualitäten der Eltern, Verwandten und Großeltern messen. Denn speziell kann man wohl nur sich und das eigene Selbst entwickeln, jedoch niemals jenes, was bereits vor einem war und dennoch nicht die eigene Vergangenheit ist. Jeder Mensch steigt an einer anderen Stelle in das Leben und hat damit zwangsläufig von Beginn an, eine andere Sicht auf alles was ist und war. Anders ist nicht schlecht und nicht gut, fühlt, denkt, spricht, schmeckt, klingt, tanzt nur anders als gewohnt. Anders ist immer neu und muss nicht alt gemacht werden, nur weil es schon immer so war.

Heute will ich vernünftig sein und mache mir bewusst, dass da einige meiner Ideen einer genormten  Grundlage entbehren. Trotz aller Nüchternheit ist mir allerdings ebenfalls bewusst, dass diese – oberflächlich betrachtet – haltlosen Ideen, alle Male durch wahrlich erlebte Merkwürdigkeiten inspiriert wurden. Erlebnisse und Erfahrungen, die weit außerhalb des sogenannten Normalen stattfanden, mich veränderten und mehr vom Leben offenbarten, als mir jemals denkbar erschien. Wie könnte ich dies jemals vergessen und etwas bis zum letzten Atemzug verbrauchen, was ich erst teilweise kenne. Lediglich vorübergehend durch eine offene Tür erblicke, ein paar Stunden, Tage, Monate darin eintauche und fühle, nur fühle. Dabei mir anhaltend dessen gewiss, dies ist es, das wahre Leben, jenes – weswegen ich hier bin und jetzt. Stets, wenn ich gar nichts suche, still mich im Jetzt jenem hingebe, was mich geistig liebkost, erfrischt und lachend beköstigt, schwingt die Tür wieder auf. Die Tür in ein Reich des Lebens, in dem Geld gar keine tragende Rolle spielt. Lediglich eine Randerscheinung ist, die kommt und geht und dennoch vollkommen allen wahrhaften Bedürfnissen gerecht wird. Das Reich hinter der Tür ist jenes, wo das Bedürftige unausweichlich Erfüllung findet, noch bevor das Bedürfnis dem Menschen selbst bewusst ist.

Nun wird mir klar, das Leben denkt gar nicht voraus, das bin nur ich. Mein Blick angelt nach der Bedürftigkeit, füttert damit die Hungernden in mir, die scheinbar niemals satt werden wollen. Und wieder stehe ich an der Schwelle, mit der Hand locker am Rahmen. Hinter der Tür scheint es keinen Boden zu geben, alles ist Licht. Licht, das mich lockt hinein zu springen, in das bodenlos Helle, Warme und Funkelnde. Es wispert darin, zart, sanft und dennoch verständlich: Blick nicht zurück, um zu klagen! So steh ich da, beinahe ewig schon und blicke nicht zurück, sondern direkt in das Licht und bewege mich nicht. Niemand ruft: Spring!, also tu ich‘s auch nicht. Denn wie könnte ich es jemals verantworten, mich in das Bodenlose fallen zu lassen, selbst wenn dieses außergewöhnlich gut beleuchtet und scheinbar ohne Grenzen ist, an denen ich mich stoßen könnte?

Es bleibt nur ein Schritt. Ich muss nicht einmal springen, ein einziger Schritt wird genügen, um mich in jenes einzubringen, was ich empfinde im Ursprung zu sein.  Ich, der Mensch, mit Augen, Ohren, Herz und Geist gesegnet, mit Gefühl und Gedanken überreich versorgt, in Haut gekleidet, die mein Dasein mit der Welt in Kontakt bringt und darüber hinaus von einer Seele erfüllt, die auf ewig mit dem Leben verbunden bleibt.

Schließlich springe ich doch und lande im Jetzt.

 

Annäherung