Stunde 0, was nun?

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Alles, was der Mensch annimmt, bezüglich dessen – wer er ist und was er sein könnte, welchen Gesetzen seine Natur und die Welt unterstehen oder auch, was sein Zweck hier auf Erden ist, sind keine bewiesenen Tatsachen. Denn dann wären es keine Annahmen, sondern Gewissheiten für ihn. Und wer sich seiner selbst gewiss ist, braucht  gar nichts annehmen, sondern fühlt sich in das Thema ein, wird vom Innersten geführt und weiß dementsprechend – in beinahe jedem Moment des Daseins – all das, was er wahrlich an Wissen benötigt, um lebendig zu sein.

In der Schule lernte ich, dass die Entwicklung der menschlichen Gesellschaft in ihrem Verlauf vorgeschrieben sei. Denn in einem seiner Bücher, schrieb der verstorbene Denker und Philosoph Karl Marx, die Zukunft der Entwicklung von menschlichen Gesellschaftsformen, wie nachstehend zusammengefaßt vor:
Dem Kapitalismus müsse der Sozialismus folgen und aus diesem wiederum, wird sich der Kommunismus bilden. Nach der Vorschrift des Karl Marx, wäre gewiss, dass all dies zwangsläufig geschehen würde und allein dies, war die systemgültige Wahrheit, dort – wo auch ich lebte. Genau befühlt war es keine schlechte Idee, wenn man nur mit dieser aufwuchs. Alles Gut im Land und irgendwann auf Erden, würde allen Menschen, je nach Bedarf zur Verfügung stehen. Und jeder konnte freiwillig und dennoch genau dort einen Beitrag leisten, wo er gebraucht wurde. Also beinahe so, wie es einmal von Gott angedacht worden ist, nur ohne all das Übergangsleid, Unwissen, Schauspiel und Elend darin. Naja, und die Arbeit aus herkömmlicher Sicht, kann kein Gedanke Gottes sein. Denke ich im Jetzt.

Der Sozialismus, in dem ich aufwuchs und welcher mir ganze 26 Jahre, eine tatsächlich sichere Basis für das materiell- erfahrene Leben gab,  sollte, laut der Marx’schen Theorie, lediglich eine Übergangsform sein. In dieser Übergangsform gab es offensichtliche Ungerechtigkeiten. Doch eben nur letzte Ungerechtigkeiten, die dann, beim Erreichen des Kommunismus – ebenfalls getilgt sein würden, unauffindbar verschwunden – auf dem Weg in die absolute Gerechtigkeit. Denn dies war das Ziel des Kommunismus, jedenfalls wurde es mir so in der Schule vermittelt und auch im Elternhaus bestätigt. Die absolute Gerechtigkeit für alle Menschen, keiner sollte mehr haben als er brauchte, doch auch nicht weniger. Für Körper und Geist sollte gleichfalls gesorgt sein. Die Seele jedoch, war für alle Erdenker und somit auch  für Karl Marx – scheinbar lediglich ein Hirngespinst. Ein Märchen aus uralten Zeiten, deren inhaltlicher Unsinn – dem Fortschritt der Wissenschaft niemals standhalten konnte.

Aus Erfahrung schreibe ich dir, weiß der Mensch – nichts von seiner Seele, kann ihn nur Liebe davon abhalten, sich selbst zu zerstören.

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Spätestens im November 1989 – als die Grenzen in Deutschland geöffnet wurden, wies die Wirklichkeit eindeutig darauf hin, dass sich der Erdenker, namens Karl Marx, geirrt hatte und mit diesem dementsprechend, auch all die Menschen, welche seinen Ideen zustimmten und ohne eigene Bedenken ihr Leben darauf zu bauten. So bot sich  Millionen Menschen, überraschend die Gelegenheit des Jahrtausends – aus dem Erträumten aufzuwachen. Spätestens an in dem Tag, als sich im Jahre 1990 der Sozialismus – ganz freiwillig dem Kapitalismus anschloss und in diesem unterging. Wir waren alle dabei und die Masse hat es gefeiert, denn hier hatte sich ein kollektiver Wunsch erfüllt.

Für einen Moment waren wir Brüder und Schwestern, durch Land und Sprache verbunden, doch der Moment verging, denn der Geist schlief wieder ein, und einsam blieb der Mensch zurück. Also jener Massen-Mensch, dem das sicher geglaubte Fundament – in einer einzigen Nacht – für immer und unwiderruflich abhanden kam.

Dieses Fundament der Millionen, hatte auf der Annahme eines Einzelnen gegründet, wie jede – der angeblich sinnvollen Ideen, mit denen der Mensch bisher sein Leben gestaltet hat. Für all diese Menschen, die ideologisch geläutert wurden, brachte der Mauerfall die Stunde 0 mit sich. Also jene seltene und kostbare Stunde im Leben eines Menschen, in welcher er – mit seiner ganzen Lebensart – in eine ihm absolut unbekannte Situation gerät. Sodass er sich vorerst nur, einen Überblick verschaffen kann, in was er da wahrlich hineingeraten, reingefallen, eingelaufen ist. Denn wenn alle Anweisung zum Annehmen, bisher von Oben kam, von den gewählten Vertretern des Volkes, und das Oben nicht mehr da ist, muss man sich selbst anweisen. Sich anweisen, all das nun Kommende, genau in Augenschein zu nehmen, um erst nach gründlicher Erkundung, sich dem Neuen sanft anzupassen, oder auch andere Wege zu wählen, die zuvor nicht in Betracht gezogen wurden oder werden konnten.

Die Stunde 0 ist eine dehnbare Konstante im All und gleichfalls eine wunderbare Gelegenheit, die dem Menschen zur steten Erweiterung seines Wahrnehmungskreises, jederzeit und überall zur Verfügung steht. Und wie aus der Kindheit bereits bekannt, kann diese Stunde 0 sich ausdehnen und sogar viele Jahre in sich vereinen. Spätestens hier wird klar, dass diese Stunde 0 – auch an keine Uhr gebunden ist. Meine erste, bewusst erfahrene Stunde 0, nämlich die nach dem Mauerfall – dauerte ganze zwei Jahre an.

Der Aufenthalt in der Stunde 0 befähigt jeden Menschen, sein Umfeld mit aller Klarheit zu erfassen und sich vorübergehend derart anzupassen, dass das harmonische Zusammenwirken – im gesamten Umfeld zu der einzigen Absicht wird und auch dementsprechend Ausdruck findet. Der Mensch in Stunde 0 wirkt still neutral und erscheint dem eiligen Betrachter, manchmal gar unwissend. Doch der Aufenthalt in der Nähe einer neutralen Energie, stimmt jedes lebendige Wesen im Umfeld friedlich. Jene, die nicht friedlich sein wollen, ersinnen Gründe, um sich zu entfernen, aus dem ungewohnt stillen und problemlosen Umfeld.

Die Stunde 0 ist angefüllt mit unbekannten Möglichkeiten, Erfahrungen die undenkbar sind und Einsichten, die man nur in sich allein finden kann. Gleichfalls ist die Stunde 0 im reiferen Alter, ein rasantes Aufräumen – in alten Träumen, ein Auflösen von Ängsten und scheinbar ewig Gegebenem, desweiteren eine Wende hin zum Unbekannten, da das wahre Erleben angstfrei macht.
In der Stunde 0 wird nicht gedacht, sondern vielmehr erkannt, was möglich ist und auch zuvor verborgene Zusammenhänge werden einsehbar. Hier ist Neutralität, beziehungsweise Unvoreingenommenheit – der Schlüssel zu aller Erkenntnis, die Brücke in jedes Wissen.
Neutral kann ich als Mensch stets dann sein, wenn ich noch nicht – bescheid weiß, mich noch nicht – für eine Möglichkeit entschieden habe und mir dessen auch bewusst bin. Wie soll man denn bewerten, was man noch gar nicht kennt, also den neuen Moment – Jetzt?

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Sowie der Mensch eine Entscheidung trifft – beginnt die Stunde 1. Ab dann kann er sich, jeder Idee, die ihm wohltut, mit Begeisterung zu wenden und alle anderen Möglichkeiten – soweit wie möglich – außer Acht lassen.

Dennoch sei man achtsam, denn seit dem letzten Aufenthalt in einer Stunde 0, blieb mir in Erinnerung, dass jede Bewegung, die ich in mir erweckte, im Umfeld wirksam wurde – in etwa so, wie man einen Kuchenteig rührt und keine der Zutaten dabei – unberührt bleiben kann.
Grad frag ich mich, wenn ein Kuchen in Liebe gerührt, schon unglaublich köstlich sein kann, wie wird das dann erst mit den Menschen sein, wenn mehr und mehr erkennen, dass sich Ineinander finden, mit jedem möglich ist, dem man in der Liebe, die alles Leben in sich trägt, wirklich begegnet?

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