Freisein

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Hast du dich auch schon einmal gefragt, wie es wohl unsere Ahnen ausgehalten haben, in einer Welt, die ohne Fernsehen, Radio, Zeitung und jeglicher Ablenkung von jenem funktionierte, was uns alltäglich wirklich umgibt? Also eine Welt, in der es keine Rennstrecken gab, sondern tatsächlich nur der gegebene Moment gelebt wurde. Denkst du nicht auch, wenn du Bücher liest oder Filme siehst, wie zum Beispiel Heidi oder Die Heiden von Kummerow, dass dies trotz des scheinbaren Mangels an Dingen und moderner Technik im Überfluß, eine wahrlich schöne Zeit gewesen sein muss? Eine Zeit der Stille, der Besinnlichkeit, des tatsächlichen Miteinanders und oft auch der Zufriedenheit. Sieht man im Geist – Heidi und ihren Freund Peter über die Alm laufen, erfüllt von der sprudelnden Freude am Sein, könnte man doch im Nachhinein beinahe neidisch werden, auf die Einfachheit des damaligen angeblich primitiven Lebens.

Nun kann man selbstverständlich einwenden, dass es sich bei den angeführten Beispielen, nur um die Fantasien von Schriftstellern handelt. Doch jene, die noch ohne Internet, Handy und ein ganztägiges Fernsehprogramm aufgewachsen sind, können sich daran erinnern, wie leicht sich das Leben in der Wirklichkeit anfühlte. Wie selbstverständlich es sich entfaltete, ohne einen Rucksack voll Müssen und Sollen, widerwillig mit sich zu schleppen.

So scheint mir, dass jene Aufforderung aus der Bibel, wieder zu werden, wie die Kinder, nicht nur an das einstige Vertrauen des harm- und wehrlosen kindlichen Geistes erinnern soll, sondern eben auch an jene Tatsache, dass ein Müssen keinesfalls in der Kindheit den hauptsächlichen Ansporn zum Leben vorgab. Ich bestreite nicht, dass jener, der glaubt, irgendetwas zu müssen, um lebendig zu sein, dies nicht auch so erfährt. Diese Zeilen dienen lediglich der Erinnerung daran, dass von vielerlei Muss und Sollen, nicht wahrlich unsere Existenz auf Erden abhängt. Jedes Muss, welches im Kreis der Gedanken – wenn nicht, dann sonst – gehegt und gepflegt wird, ist oftmals eine Last, die man sich aus Angst und Unwissenheit selber auferlegt hat. Man könnte auch sagen, dass es sich dabei um Gewohnheiten handelt, denen man sich als blinde Geisel anvertraute.

Ist dir bewusst, dass du nicht einmal atmen musst, denn wenn du schläfst, wer tut es dann für dich? Und wo selbst das Atmen kein Muss ist, obwohl es unabdingbar erscheint und in der Pyramide der menschlichen Bedürfnisse wohl sicher ganz nach oben gehört, wieviel Albernheit und Irrglauben lässt sich dann wohl erst in all den anderen Müssen und Sollen des bedürftigen Menschen tatsächlich erkennen?

Wenn nun das Freisein an und für sich, mit dem sich ausdehnenden Freiraum im Kopf beginnt, wo befindet sich dann wirklich der Ursprung eines jeden musshaften Problems und gleichfalls dessen Lösung?

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