Notizen

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Es kann im Traum, wie Ihr ihn träumt, keine Erlösung geben. Denn Götzen müssen Teil des Traumes sein, um Euch vor dem zu retten, was Ihr Eurem Glauben nach fertig gebracht und getan habt, um Euch sündig zu machen und das Licht in Euch auszulöschen. Kleine Kinder, das Licht ist da. Ihr träumt nur und Götzen sind das Spielzeug, von dem Ihr träumt, Ihr würdet mit ihm spielen. Wer außer Kinder braucht denn Spielzeug? Sie tun so, als würden sie über die Welt herrschen und geben ihren Spielsachen die Macht, sich zu bewegen, zu reden und zu denken, zu fühlen und für sie zu sprechen. Doch alles, was ihre Spielsachen scheinbar tun, vollzieht sich im Geist derer, die mit ihnen spielen. Sie aber sind eifrig bemüht zu vergessen, dass sie den Traum erfunden haben, in welchem ihre Spielsachen wirklich sind. Und sie merken auch nicht, dass deren Wünsche ihre eigenen sind.
(Zitat aus Ein Kurs in Wundern, Original-Edition, Textbuch, Kapt. 29, X., Abs. 64)

 

Während ich den vorstehenden Absatz das erste Mal im Kursbuch las, tauchten in mir bildhafte Erinnerungen daran auf, wie ich einst als kleines Kind ganz selbstvergessen – mit meiner sogenannten Puppenstube spielte. Vollständig war ich mit der Spielwelt verschmolzen, gab den Puppen eine Stimme und auch die Kraft dazu, sich in ihrem häuslichen Bereich und Umfeld zu bewegen. Ich gab dem Leben der Puppen einen Sinn, fest daran glaubend, dass die Puppen diesen verstehen und deshalb auch willig mit mir spielten, beziehungsweise – ich mit ihnen.

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Nachdem ich diesen Textabschnitt am nächsten Tag erneut gelesen hatte, zeigten sich weitere Bilder. Nun erinnerte ich mich daran, dass ich anfänglich mit einer Puppenstube spielte, in der es nur zwei Räume gab. Dies waren eine Gute Stube und eine kleine Küche. In der Guten Stube fand kaum Leben statt. Dort saßen die Puppen nur vor einem winzigen Fernsehgerät, schwiegen und dösten vor sich hin. In der Küche wiederum, hatte die Mutterpuppe stets viel zu tun. Später kam zu den zwei Räumen noch ein Bad hinzu. Dieses hatte einen kleinen Tank an der Außenwand, in den man Wasser füllen konnte, welches dann aus einem winzigen Wasserhahn an der Innenwand des Bades in eine Badewanne floß. Auch erinnere mich, wie wundervoll ich das damals fand und wie oft meine Puppen schmutzig waren und deshalb ein Bad nehmen mussten.

Als ich acht Jahre alt wurde, bekam ich zum Geburtstag ein komplettes Puppenhaus geschenkt. Dieses war luxeriös mit einem Erdgeschoß, einer 1. Etage und einem geschlossenen Dach ausgestattet. In der Vorderfront des Hauses befanden sich Fenster und eine Tür, doch von hinten war das Ding vollkommen offen, sodass es von dort aus im Spiel, mit Leben, Sinn und Zweck erfüllt werden konnte. Diese rückseitige Offenheit des Hauses bereitete mir als Kind damals keinerlei Sorge. Denn mein kindlicher Verstand war von den scheinbaren Übeln der Welt noch unberührt und hatte kaum eine Vorstellung davon, was die Welt an Erfahrungen für einen Menschen bereithielt. Außerdem hatte ich ja das Ganze beständig im Blick, und die einzige Bedrohung für den Frieden und die heile Welt in meinem Puppenhaus, war somit lediglich ich selbst. Denn ich war der Erfinder, der Maßgeber, der Energiespender und Führer von allem Geschehen – in meinem kindlichen Spiel.
Und nie wehrte sich eine Puppe gegen meine Ideen und Vorgaben. Zwar kamen die Puppen miteinander auch mal in merkwürdige Streitigkeiten, doch das kam selten vor. Ohne bemerkenswerten Widerstand, lebten sie durch meine Hand – ein, aus heutiger Sicht betrachtet, tatsächlich langweiliges Leben, welches von ständiger Wiederholung geprägt – sehr begrenzt ablief.

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Ein einem Tag, an dem ich das oben angeführte Zitat – wieder einmal las, konnte ich plötzlich erkennen, wo ich als bereits erwachsener Mensch in meiner Vergangenheit – wiederholt unbewusst und bewusst – das mich umgebende Umfeld zu meiner persönlichen Puppenstube bestimmt hatte und mich selbst darin, wie eine Puppe bewegte. Stets hatte ich einen eigenen Plan, in dem jede Puppe ihre Rolle spielte. Doch die lebendigen Puppen spielten nun nicht mehr in jedem Fall so willig mit, wie ich es aus der Kindheit gewohnt war. Deshalb wurde ich strenger, streng mit allem, was mich umgab und ebenfalls mit mir selbst.

Und während ich damals unerschütterlich daran glaubte, alle Fäden selber in der Hand zu haben und zur Organisation der Puppenstubenwelt berufen zu sein, verlor ich auch manchmal die Beherrschung und schimpfte mit den Puppen. Dies war natürlich nicht hilfreich, niemals, dies konnte ich nun im Rückblick eindeutig erkennen.

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Jeder Mensch, den ich jemals mit Erwartungen belegt hatte, enttäuschte mich letztendlich darin. Doch nicht immer war mir dies unangenehm. Und nun sah ich das Licht in den vergangenen Erfahrungen. Sah, wie sich meine Erfahrungen wandelten, nach dem ich damit begonnen hatte, die Erwartungen aus dem Spiel zu nehmen. Also lernte und lerne, nichts zu erwarten und dementsprechend – auch nichts zu müssen. Was letztendlich tatsächlich mit sich brachte, stets zu gewinnen, ohne dass auch nur ein einziger – am Erfahren wirklich beteiligter Mensch – dabei verlor.

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Seit mehr als drei Jahren, lasse ich mich jetzt vom Kurs anregen, anders zu denken, anders zu sehen und beständig bewusster in jedem Menschen jenen Geist des Lebens zu erkennen, Der alles und jeden miteinander in sich hält und verbindet. Mein Alltagsdenken hat sich unvorstellbar verändert. In sich mehrenden Momenten des Tages, denke ich tatsächlich wiederholt und frei von jeglichem Zweifel, dass ich das Leben liebe, mein Leben liebe. Liebe, also ohne Erwartung, frei von Wünschen nach Veränderung und einfach nur Dankbarkeit fühlend, dass es so ist. Diese Gedanken, ich liebe mein Leben, sind plötzlich da und rein gar nichts in mir strebt noch danach – dem zu widersprechen oder es gar erfinderisch zu verleugnen. Kurz gesagt, ich suche nicht mehr nach einem mir vorstellbaren Übel, welches über das problemlose Jetzt einen Schatten wirft.

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