Das Konzept vom Selbst

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In jedem Menschen schlummert etwas Echtes, Einmaliges und wahrhaft Liebenswertes, was jedoch nur die Anderen sehen können, zumindest solange – wie man ein Baby ist. Da weiß man noch nichts von sich und jener verführerischen Möglichkeit, ein Konzept von jenem zu machen, was man über das Gegebene hinaus – noch sein könnte, was brauchbar ist in der Welt. Im frischen Dasein und auch in der Liebe, braucht man kein Konzept, um vor sich Selbst und Gott zu bestehen. Da ist man einfach das, was man ist. Hingebungsvoll, fürsorglich, hilfreich und harmlos. Gedanken, wie zum Beispiel Gerechtigkeit, liegen diesem echten Wesen in uns fern. Man handelt nach Bedarf und wenn vorsorglich, dann nur mit Freude und Humor. Liebe kann gar nichts versäumen, denn sie kennt keine Pflicht.

Liebe, das sind du und ich in Wirklichkeit. Also jener Teil in uns, der mitfühlend ist, sich nicht streiten will, der sich mit erfreuen kann am Glück des Anderen. Das ist der Teil in uns, den man den Heiligen Sohn Gottes nennt. Der andere Teil in dir und mir, eventuell ja auch nur in mir, ist jener, der leidet, der fruchtlos kritisiert und am Anderen verurteilt, was er, also dieser Teil in uns – im Anderen sieht. Dieser Teil ist unser persönliches Konzept. Alles darin beruht allein auf dem, was uns die Welt anscheinend vorgibt und anbietet – es zu sein.

Ich bin ein Kind.
Ich bin eine Tochter.
Ich bin eine Schwester.
Ich bin eine Frau.
Ich bin eine Mutter.
Ich bin ein Mensch.

Hinter all dem, was ich vorstehend bin, stehen weltliche Konzepte, denen ich versuche gerecht zu werden. Studieren kann ich diese Ideen von kleinauf im alltäglichen Leben, das mich umgibt. Ich präge mir ein, was wer zu sagen und zu tun hat. Damit ich später richtig, beziehungsweise nichts falsch oder mich gar schuldig mache. Ich muss das nicht tun, es passiert einfach. Niemand ist schuld daran, wie ich als kleines Kind die Welt wahrnehme. Sie mir erobere, noch frei von Deutungswut und dem Wunsch, Gott in meinem Leben sein zu wollen, oder allgemein beständig etwas zu wollen, was ich nicht bin oder habe.

Ich bin gut.
Ich bin schlecht.
Ich bin wissend.
Ich bin täuschbar.
Ich bin arm.
Ich bin intelligent.

Einst dachte ich, all dies zu sein, doch das Leben zeigte mir, es gibt keine Sicherheit. Nichts auf Erden bleibt mir ewig. Vieles scheint mir austauschbar. Auch kann ich jederzeit weiterziehen und mein Glück anderswo suchen.

Ich weiß mir selbst zu helfen.
Ich stehe hilflos da.
Ich bin zur Anpassung fähig.
Ich bin zuverlässig.
Ich bin fleißig.
Ich bin faul.
Ich bin schuldig.

Selbstverständlich dient das Konzept des angeeigneten Selbst einem praktischen Zweck, der mittels Vorsorge für Sicherheit sorgt, Ängste eindämmen soll und grob gesagt, dem Überleben dient, dem Eigenen und auch dem des Anderen. Doch in Wirklichkeit bin ich das, was ohne Ich sieht, was sozusagen mein Fundament bildet, für all das, was ich sein will und mir selbst glaubhaft mache zu sein.

Ich bin reich an Fantasie.
Ich bin unschuldig.
Ich bin gerecht.
Ich bin wichtig.
Ich bin unwichtig.
Ich bin beliebt.

Je perfekter das Konzept von mir selbst gestaltet ist, umso anstrengender offenbart sich dessen Einhaltung. Jedesmal, wenn ich die Beherrschung verliere, mich unbeliebt mache, werde ich vom eigenen Selbstkonzept beherrscht. Danach mangelt es mir oft an Wohlgefühl, weil ich nicht ohne Reue sein kann, was ich nicht bin. Doch das Elend dauert nicht ewig. Da ich auch das Konzept der Vergänglichkeit in mir pflege, lassen meine Kräfte und auch mein Wille irgendwann nach. So bekommt das Konzept Löcher, die ich mit etwas Anderem stopfe. Ein weiteres Konzept wiederum, das zu erfüllen, mir Jahr für Jahr schwerer gelingt bis es ganz unmöglich wird. Irgendwann bleibt mir nur noch Verbitterung, Rückzug oder Akzeptanz.

Ich weiß nicht, wer und was ich bin.
Ich weiß nicht, wo die Reise hinführt.
Doch ich bin geliebt, sonst wär ich nicht.
Das Wieso – wird mir enthüllt,
wenn ich bin, was ich bin.

Das Beste, was mir passieren kann, ist ein großzügiger Konzeptverlust. Nicht alles, doch zumindest all jenes, was drückt. Was jedoch gleichfalls auch jenes ist, vor dessen Verlust ein Teil in mir höllische Angst hat. Nämlich jener Teil, der ich nur konzeptionell bin. Der Teil, den ich mir lediglich zurecht gebastelt hab und diesen vorspiele, um zu bestehen, vor der Welt, vor mir selbst und all meinen Anforderungen an das menschliche Dasein allgemein. Was sich letztendlich als ein total aussichtsloses Unterfangen offenbart. Denn hinter all den Konzepten von mir Selbst, bin ich die, die ich bin, dies genau wie du. Hingebungsvoll, fürsorglich, hilfreich und harmlos, dabei allumfassend von Gott geliebt in jedem Augenblick. Denn bedenke, du bist nicht hier und jetzt lebendig, weil du es wolltest. Allein Gottes Wille gab dir und mir das Leben und hält es unterstützend, schützend und liebend ewig im Blick.

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