Fragwürdig

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Wenn es wahr ist, dass ich, der Mensch, wiederholt auf die Erde inkarnierte, zu Fleisch aus Geist geworden bin, trotzdem ich zuvor, aufgrund der Wiederholung wusste, oder zumindest gewusst haben sollte, wie viel Leid und Unverständliches mich dort erwartet, wie viel Schmerz und Grauen mich im Irdischen überfluten kann, warum tat ich es dann? Das ergibt überhaupt keinen Sinn, es sei denn, ich leide gern, von Hause aus sozusagen. Dass dies nicht der Wahrheit entspricht, kann ich bedenkenlos fühlen. Andererseits spricht es nicht gerade für Intelligenz, sich bewusst in ein Leben auszusetzen, in dem ich den vorherrschenden Umständen ausgeliefert bin und lediglich die Wahl zwischen Anpassung oder Untergehen habe. Für mich wählte ich fast immer die Anpassung, denn was macht es für einen Sinn, gegen die Sitten der Gemeinschaft zu rebellieren, wenn ich auf die Gemeinschaft angewiesen bin, um überhaupt ein erfreuliches und geregeltes Leben, für mich in Anspruch nehmen zu können? Das wäre dann schon die zweite unerklärliche Dummheit, im großen Warum meines mich selbst überraschenden Daseins.

Zumal es ja so ist, dass ich wahrlich in eine liebevolle Familie geboren wurde, in friedliche Zeiten und gleichsam auch fortgeschrittene, was zum Beispiel die technische Entwicklung, die Möglichkeiten der Medizin und auch das zwischenmenschliche Verständnis anbelangt. In meiner Welt gab es keinen König oder Edelmann, der mir ein Schicksal bestimmt, von dem meine ganze Existenz abhängig ist, denn ich bin ein freier Mensch, soweit ich innerlich denken kann und es die äußeren Umstände hergeben.

Dennoch hielt das Leben weitaus mehr als eine Handvoll Irrtümer für mich bereit, auf die ich gern verzichtet hätte. Manchmal frage ich mich auch, wie mein Leben heute wäre, käme die eine oder andere Episode darin nicht vor. Oder auch, wie hätte sich mein Leben gestaltet, wäre ich in einem anderen Land  geboren? Fragen, die mir nur die Fantasie beantworten kann, und wer glaubt schon an deren Hirngespinste, doch lediglich jene, die allgemein und überwiegend als Versager bezeichnet werden. Es sei denn der Mensch ist Wissenschaftler, dann kann sogar das Unglaublichste und Fantastischste als ein Gesetz für alle Menschen angeordnet werden, bis dessen Anerkennung eine nicht wieder wegdenkbare Gewohnheit im Volke ist. Also jenen Menschen, die den Wissenschaftlern jeden Unsinn für bare Münze abnehmen, so wie es einst in vergangenen Zeiten, durch die sich selbst berufenen Hirten der Religion geschah. Auch ich glaubte über Jahrzehnte, dass all jene mir Führung geben könnten, die mich als Mensch gar nicht kannten. Dies glaubte ich, obwohl mir dies offensichtlich als Trugschluss vor Augen wandelte, und zwar in Form der eigenen Eltern. Jenen ersten Menschen in meiner Wahrnehmung, die einfach nur wollten, dass es ihre Kinder besser haben sollten als sie selbst es hatten, irgendwann in einer längst vergangenen Zeit.

An dieser Stelle stimme ich dem Philosophen Immanuel Kant zu, es ist wahrlich der gute Wille, welcher anerkannt werden sollte, denn gleichgültig wie sehr auch die Sicht der Eltern, bezüglich der Welt und des menschlichen Lebens darin, von der meinigen abweicht, sie haben ihr Bestes getan. Mehr ging nicht, sonst wäre es ja geschehen, und ich bin dankbar dafür, dass ich lebe und weiß, wie es ist eine Familie zu haben. Ein Nest aus dem man herauswachsen kann, um eigene Wege und Abenteuer zu finden. Es gab Momente, in denen ich weder mit Vater noch Mutter einig war, doch diese Momente gingen vorüber und kehrten nur solange wieder, bis ich letztendlich einsah, erkannte und mitfühlte, dass meine Eltern echte Menschen sind, genau wie ich. Menschen, die es nicht besser wissen konnten, als sie es gelernt hatten. Gelernt hatten von Lehrern, die es auch nicht besser wussten.

Ich vergebe mir, dass ich wohlwollend darauf reingefallen bin und erfreue mich nun an all jenem, was ich ohne das anscheinend Ungewollte – niemals erkannt, entdeckt und gelernt hätte.