Buch der Schritte und Folgen

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Eröffnet am 1. Januar 2018

 

Möglichkeiten (kann stetig ergänzt werden)

 

Ich lasse weg im Innersten,

  1. alle Kopfgespräche, insbesondere mit Personen, die sich nicht mit mir im selben Raum aufhalten.
  2. jegliche Erwartungshaltung anderen Menschen gegenüber.
  3. alles Denken, das mit Missgunst zusammenspielt.
  4. alles Vergleichen hinsichtlich der Wertigkeiten.
  5. alles sinnlose Bedenken des Unveränderlichen im Vergangen.
  6. alle Gedanken der Furcht, Sorge und Angst um Mensch und Tier und mein Dasein.
  7. alle Bestrebungen, Recht zu haben oder bestätigt zu bekommen.
  8. alles Vermuten bezüglich dessen, was ein Anderer denkt, meint und ausdrücken will.
  9. jeden Ansatz von Schuldzuweisung, jegliches Klagen über mich und Andere.
  10. den Drang mich einzumischen, auch um einen guten Eindruck zu hinterlassen.
  11. es dem Anderen Recht machen zu wollen,
  12. die harmonische Ordnung des Lebens infrage zu stellen,
  13. alles Ärgern über meinen Nächsten,

und ab sofort lasse ich nun weg, mir täuschend echt vorzugaukeln, dass ich wüsste was gut für den Anderen ist.

Ich lasse weg im Bereich der Nahrungsmittel

Fleisch und Wurst ab sofort
und den Zucker, wenn mir Ersteres Gewohnheit ist.

Ich löse mich von allerlei Ticks und lasse beharrlich weg,

das Spielen mit der Zunge an den Zähnen,
mir selbst etwas übel zu nehmen,
mir alles Gehörte und Gedachte bildlich vorzustellen,
sinnlich in Dinge einzutauchen, die mich berauschen
oder Übelkeit hervorrufen
und lange Fingernägel.

Was von all dem offenbart eventuell seinen Sinn, und was kann ich wirklich ziehen lassen auf Nimmerwiedersehen? Das Tagebuch wird es erhellen.

 

4. Januar im Weglass-Jahr

 

Das Jahr hat seinen vierten Tag geliefert und ich bin darin heiter erwacht. Ein Lächeln lag auf dem Gesicht und das Empfinden des Daseins insgesamt war einfach grundlos glücklich in mir. In den ersten drei Tagen des frischen Jahres habe ich mich bereits mehrfach getestet, ob das von mir erprobte Weglassenwollen – beharrlicher Natur ist. So stieß ich zum Beispiel im gestrigen Tag, ganz nebenbei und unachtsam eine eiserne Kaffeekanne vom Herd, deren Inhalt sich schwungvoll in der Küche ausbreitete. Auf dem Boden gab es nun kleine Pfützen aus Kaffee und die weißen Schränke hatten ebenfalls ein neues Muster bekommen. Die Sache hätte mich richtig ärgern können, denn ich trinke gar keinen Kaffee, und die Kanne störte mich schon seit einem Jahr an diesem – aus meiner Sicht – ungünstigen Platz, den mein geliebter Leo – für diese erwählt hatte. Auch fand ich die Küche schon immer zu eng und hatte mich regelmäßig in ähnlichen Situationen darüber heftig ausgelassen.

Leo stand dieses Mal auch noch direkt hinter mir in der Küche und wurde also Zeuge der blöden Situation. Ich war ihm ausgewichen und hatte dabei die Kanne angestoßen. So hätte ich also meine eigene Unachtsamkeit ignorieren und ihm blind das Geschehen anlasten können, doch ich bin ja im Weglass-Jahr und dachte erst einmal gar nichts. Wurde innerlich ganz still, nahm die Lage sofort an, hob die Kanne auf, stellte diese in den Ausguss und griff nach einem Lappen, um sofort mit dem Aufwischen zu beginnen.
Bis dahin war Leo in Stummheit erstarrt, doch da ich weder stöhnte noch sonst irgendwelche Auswüchse zum Drama signalisierte, fragte er sanft, ob er helfen könne. Da war ich schon fast fertig und lehnte dankend ab. Dabei beobachtete ich mich innerlich und war dankbar erstaunt, wie schnell sich unerwünschte Situationen bereinigen lassen, wenn man ohne vorherige Besprechung oder Abweisung im Kopf – sofort mit dem beginnt, was man tatsächlich dazu beitragen kann. Der Beitrag kann alles und auch ein Schweigen sein, und zwar derart wie Leo es in die ersten Momente nach dem Geschehen gab. Nur so konnte ich die Stille in mir ohne Verteidigung halten.

Punkt 7, 9 und 12 habe ich in dieser Situation, wahrhaft mit Bewusstsein erfüllt. Still und leise freute es sich in mir. Am Abend kamen Leo und ich noch einmal auf den Vorfall zurück, als er mir überraschend mitteilte, dass ihn meine Gelassenheit in diesem Moment – sehr beeindruckt hatte. Das freute mich natürlich und später, am Schreibtisch sitzend, dachte ich noch einmal über das Geschehen nach, und erkannte einige Zusammenhänge, die mir tatsächlich zuvor – noch nicht so eindeutig bewusst geblieben sind.

Mir wurden mehrere Erfahrungen, die bereits vor zwei Jahrzehnten mein Leben passierten, direkt in die Erinnerung geschoben. Ich konnte sehen, wie leicht mir alles Handeln schon immer von der Hand ging, wenn ich, weder innerlich noch wortstark,  Widerstand gegen das mir Bevorstehende leistete. Ohne Vorleistung – stand mir für das tatsächlich zu Leistende, dann noch alle Kraft zur Verfügung. Empfand ich gar Freude am tuenden Dasein, war ich danach – mit mehr Lebenskraft gestärkt als vor dem Akt. Laut meiner Schulbildung ist das eigentlich unmöglich und käme der Wirkung des Perpetuum mobile gleich, welches bekanntlich keine energetische Versorgung von außen benötigt, um sich endlos selbst in Bewegung zu halten.

Dann glitten mir Erfahrungen in die Erinnerung, welche ich vor noch gar nicht so langer Zeit erlebt hatte. Ich konnte sehen, wie sich mit dem einschleichenden Verlust des Bewusstseins für die Leichtigkeit, mein innerer Widerstand gegen so manche vor mir liegende Pflicht und Lohntätigkeit härter wurde. Auch konnte ich noch einmal fühlen, wie viel Kraft mir dieser Widerstand – gegen das mir anscheinend Unvermeidliche – abgesaugt hatte und wie ich selbst meinen Körper unnötig und zusätzlich mit üblen Gedanken belastete. Ohne einen bewussten Vorsatz, legten sich die Arme um mich, und dann streichelten die Hände sanft die Oberarme. Das war unglaublich und eigentümlich entspannend. Der Körper hatte irgendwie Mitgefühl mit mir.

Die ersten drei Tage habe ich mir als Weckruf in die Unbewusstheit, schlanker Hand den Gedanken „weglassen“ ausgewählt. Heute, an diesem vierten Tag, hat er mich noch nicht ein einziges Mal wecken müssen. Und das – finde ich ja sowas von liebenswert, dass es sich gar nicht ausschreiben lässt. Denn es ist erst der vierte Tag und das Jahr liegt noch fast unberührt – wie ein wunderschöner und kostbarer Teppich – direkt vor mir.

*

2018 erwartet alle Menschen und will erlebt, gefühlt und geformt werden, wie noch niemals in einem uns jemals bekannten Jahr zuvor passiert. Das Weglassen erweist sich mir bereits hier – als ein wahrer Raumfreimacher, und dabei war das Erlebte lediglich ein wegweisender Moment von ungezählt vielen.