Die Arme des Schicksals

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Es ist allemal die verbindlichste Lösung, sich durch Verständnis Erleichterung zu geben, als sich diese, wie eventuell gar von Kindheit an gewohnt, durch die Zuweisung einer Schuld an irgendwen zu beschaffen. Einen Anderen, der sofort greifbar ist, oder auch nie. Was sich aus der Lage der Umstände am Glaubhaftesten erweist, geradezu als beweiskräftig anbietet, wird gewählt.

Als Kind lässt sich die Lüge zumeist nicht lange aufrechthalten, denn das Kind fühlt diese in sich und sein Herz pocht dagegen an. Das Kind weiß noch nicht warum, doch sein Herz weiß es schon. Und da das Kind seinem Herzen Frieden schenken will, packt es die Lüge irgendwann auf den Tisch und gesteht das unrechte Tun.

Hier nun, an dieser Stelle, lernt das Kind eine Weiche zu bilden, oder auch dass es keine Weiche braucht. Nämlich kein Ausweichen vor den Folgen des Aufdeckens einer Lüge, da die Folgen befreiend, Verständnis fördernd und keinesfalls schmerzhaft für das Kind gewesen sind. Wird das Kind für seine Ehrlichkeit bestraft, formiert sich in ihm der Schöpfer, der fantasievolle Retter, welcher das Kind von da an zum Opfer seiner nachgeahmt eigenen Schöpfungen ausbildet.

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Immer wieder wache ich innerhalb meines Lebens in Erfahrungen auf, deren Entwicklung offensichtlich von meinen einstigen Vorstellungen erstaunlich abweicht. Allerdings kann ich mich auch stetig öfter daran erinnern, wie es war und was mich bewegte, mir etwas Anderes vorzustellen, als jenes – was im damaligen Zeitraum wahrhaft mein Leben erfüllte.  Allgemein war es die Unzufriedenheit, welche die Erfüllung der eigens gewollten Erfahrung hinterließ, da der scheinbare Höhepunkt in der Erinnerung bereits weit zurückliegt.

Ab und zu erinnert sich der Mensch, also du und ich – daran, wie eine Erfahrung begann, unerwartet eintrat, gleich einem niemals enden wollendem Feuerwerk in unser Leben fiel. Nun ist das Feuer erloschen, die Erfahrung gewöhnlich, denn man kennt so ziemlich alles Mögliche darin, alle Tricks und Ausflüchte, alle Bauernopfer und auch schlauen Winkelzüge. Natürlich gibt es auch die angenehmen Seiten, denn ohne – hätte die Erfahrung wohl kaum erblühen können. Doch nun scheint sie ausgebeutet, bis zum letzten Tropfen ausgesogen, man findet keinen Geschmack mehr daran, oder auch darin. Seltsamerweise kann dies dem Menschen mit jeder Erfahrung widerfahren, kein Bereich ist davon ausgenommen.

Was nun, was tun, weiter springen, an der Kette tanzen, Ersatz schaffen, den nächsten Höhepunkt im Leben anpeilen? Jedem dürfte an diesem Punkt einleuchten, dass in letzterer Frage – der Schöpferanteil in uns auftaucht. Doch ruft es aus anderer Ecke im innersten Gemäuer plötzlich: Nein, das kann ich jetzt nicht, der Verlust ist so groß, dass ich mich wie einbeinig fühle, dann schläft der Schöpferanteil rasant wieder ein und der Opferanteil herrscht in uns allein. Und Jener nimmt sich in der Regel sehr viel Zeit, um all seinen Leiden zu frönen, sein Schicksal zu bedauern, wehzuklagen, bis er ganz leer ist und vor Erschöpfung einschläft. Könnte man sich in den Schlaf langweilen, wäre im Menschen – keiner mehr wach. Schläft die Opfermaus, strömt dafür das Leben wieder und bringt den Schöpfer in uns empor.

An diesem Blickpunkt unseres Lebens, kann der Schöpferanteil sich wieder in den Vordergrund stellen und mit heiterer Wonne, doch in gewisser Weise auch mit schrägen Humor und undurchschaubaren Witz, an den nächsten Erfahrungen feilen, die man dann als Mensch in echt auszukosten hat.

Denken wir an das Ende einer Beziehung, plötzlich ist man wieder ohne den echt nahen Geliebten. Der Schock hält an. Man schleppte sich so durch die Tage, weinte eventuell in den Nächten, bis man sich irgendwann selbst wiederfand und einsah, dass letztendlich allein dies – die Hauptsache war. Nun greift man zu einem Zettel, oder auch nur zu ganz anderen Gedanken – als zuvor, fragt sich sanft selbst, was es denn sein könnte, was die Seele und das Herz, selbstverständlich auch Geist und Leib, in der nächsten Beziehung gern vorfinden würden? So schöne Bilder tauchen auf, lassen Empfindungen erahnen, die bisher beispiellos in unserem Leben sind und heiß ersehnt.

Je weniger man in Gedanken an dem Einstigen festhält, umso größer wird der Raum um den Menschen, in den ihm das Leben dann Neues bringen kann. Hält man unerschütterlich fest am Haken des Schicksals, sieht man allerdings das Abbild des innerlich Festgehaltenen häufig im Außen. Jedoch zeigt sich nur das Abbild, denn das Original gibt es nicht mehr, die Zeit nahm es mit sich. Das wirkliche Original wäre nämlich nie gegangen, dies tat ein Anderer und mit dem hatte man ja nur noch sehr wenig gemein. Also ist jener mir doch ein Unbekannter, noch dazu einer – der sich da trennt vom Anderen, einfach so, nach all dem – was einst war. Eventuell auch nur deswegen, weil nichts ist – wie damals. Will ich diesen Unbekannten wieder haben? Nein, ich will den, den es nicht mehr gibt.

Warum will ich das? Bin ich denn verrückt? Nein, lediglich am Ende einer Erfahrung angekommen, die ich mir einst für mein Leben vorstellte, bekommen hab und keinesfalls noch einmal brauche, um mich selbst besser kennenzulernen. Alles, was ich wollte, hab ich bekommen und eben auch noch etwas mehr. Also Dinge, Sachverhalte, letztendlich Entwicklungen, die ich mir zuvor nicht vorstellen konnte, und somit nun um vielerlei Inhalte bereichert bin. Der Verlust macht mir den Gewinn erst fühl- und sichtbar. Das ist die Schönheit der Schöpfung, dass sie sich selbst – gar nicht im Stich lassen kann, oder gar untergehen. Wo ist denn dieses Unten?

Wenn der Opferanteil gerade ganz präsent mitliest, dann wird er sich wehren, denn es kann niemals angehen, dass da noch ein Schöpferanteil neben ihm wohnt, zumal so dicht beieinander – kennt man sich doch. Dem Schöpfer ist jedoch nur am Vorgang des Schöpfens gelegen, was aus seiner Schöpfung wird, wie sie in der Praxis wirkt, all dieses interessiert den Schöpfer nicht. Nicht die Bohne, denn der Schöpfer will, was er will. Und jeder Mensch, der jetzt hier liest weiß, dass dieser Schöpferanteil in uns allen immer noch seltsame Blüten treibt, die keinem gefallen, der des Schöpfers Vorstellung – real erleben bis erleiden muss. Überwiegend ist man sogar selbst das Opfer dieser Vorstellungen, die man sich ebenso selbst, und zwar in Schöpferlaune – verbindlich vorgestellt und einverleibt hat.

Vorstehendes verdeutlicht den Prozess in seiner Einfachheit, offenbart Zusammenhänge, und dies selbstverständlich in Schönschrift. Es folgt ein direkt dem Leben abgetrotztes Beispiel, welches zur fühlenden Vertiefung des Vorgestellten beitragen kann.

Bleiben wir bei dem verlassenen Menschen, dem Opfer der Täuschung in Liebesdingen, deren Ende unerwartet eintraf. Zwischenzeitlich hat das Opfer sich in einen geläuterten Zustand begeben und schreibt auf einen Zettel all jene Dinge, die nun endlich mal anders sein könnten. Den Zettel verbrennt es und wird damit als Schöpfer neu geboren. Mit der Zeit trifft auch alles ein, anfänglich erst nicht in einer Person, doch man wartet ein bisschen und dann ist sie da, die Minute der Zusammenführung. Die Schöpfung findet ihre Erfüllung in der Realität, die den nun gefundenen Menschen umfließt. Also der Mensch trifft da jenen, nachdem er sich sehnte, den Anderen. Der auch tatsächlich und wahrhaft über jene Qualitäten verfügt, die man am Vorgänger letztendlich schmerzhaft vermisste. Alles, was auf dem Zettel stand, wurde berücksichtigt. Das ist meist gar nicht so offensichtlich, doch mit dem Zusammensein kommt es ans Licht, und manchmal auch noch Anderes, doch das ist im Moment der Erfüllung, so gar nicht ernst zu nehmen.

Eine begrenzte Zeit lang genießt man das Neue, das Gewünschte, das Erfüllte, das sinnliche Leben im Licht des Tages und der Nacht in aller Farbenpracht, der sich die Seele durch die Liebenden zu entäußern vermag. Wird die Zeit länger, erscheint das Wunder gewöhnlich, verliert leise an Reiz und man fragt sich, wieso? Nach und nach entdeckt man die Lücken, die Fehler und Schwachstellen, die sich unbemerkt eingeschlichen haben. Würde man sich in diesem Moment selbst ins Auge sehen, könnte bereits das eine weitere Antwort sein. Eventuell ist man ja auch nicht mehr derselbe Mensch, wie am Beginn der Erfahrung. Doch meist ist man nur satt und blickt nun nach anderen Genüssen. Der Kuchen der Erfahrungen hat noch viele Stücke, und im Opfern für die Liebe, ist der Mensch unendlich großzügig, das Annehmen wiederum, annehmen der Liebe in allem was ist, da übt er noch.

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