Heilung und Nächstenliebe 2

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Heilsein und Nächstenliebe sind enger miteinander verbunden, als es uns auf den ersten Blick erscheinen mag. Ein heiler Mensch, dessen Geist von Vergleich und Urteil ungetrübt ist, kann freundlicher, hilfsbereiter und liebevoller in seinem Umfeld agieren, beziehungsweise sein als jener, der sich mittels Vergleich und Urteil, eigenköpfig kleiner, größer, besser oder schlechter als andere Menschen wähnt. Der Zwang, sich mit anderen Menschen zu vergleichen, über sich selbst und den Anderen zu urteilen, ist wahrlich eine schwere Krankheit, die man auch Angst nennt. Angst wiederum macht Nächstenliebe unmöglich, aber auch die wahre Selbstliebe, denn wie könnte ich meinen Nächsten lieben, so wie er ist, wenn es mir nicht einmal gelingt, für mich selbst und mein Leben, Liebe zu empfinden? Nicht nur in der materiellen Welt gilt, dass man jenes, was man nicht hat, auch nicht geben kann.

Das Ego in uns wählt spezifisch aus, mit wem es kommunizieren und sich verbünden will und so auch, wem es hilft und wem nicht. Der heile Geist im Mensch wählt gar nicht, weil er nicht die einzelnen Teile sieht, sondern einzig die offensichtliche Gemeinsamkeit wahrnimmt, nämlich dass es sich bei dem Hilfebedürftigen um einen Menschen handelt, wie der Heile selbst einer ist. Also von der Grundstruktur her, die nun mal bei so ziemlich allen Menschen gleich ist. Für den heilen Geist ist dies ausreichend, um Hilfe zu geben.

Es steht geschrieben, dass Angst und Liebe sich nicht gemeinsam in einem Raum aufhalten können. Und genau so ist es, denn auch der Körper ist ein Raum, der Lebensraum des geistigen Wesens, das wir der Welt als uns selbst präsentieren. Wer Angst hat, weiß nichts von der Liebe, weil sich selbst lieben, einen anderen Menschen lieben, ein Ding lieben, sein ganzes Leben lieben, tatsächlich das Erleben mit sich bringt, dass man frei von Angst wird und bleibt, solange man liebt. Lieben kann man immer, doch sich beständig in Angst befinden ist unmöglich, wenn man lebendig bleiben will.

Wahre Heilung von Angst und all deren Ausdrucksformen, wie zum Beispiel Eifersucht, Missgunst, Urteilswut und allen damit zusammenhängenden Folgen, welche die tatsächliche Nächstenliebe von Grund auf unmöglich machen, beginnt somit im Geist des Menschen, beziehungsweise durch die Berichtigung seines Verlangens, die ihm Nächsten, sein Umfeld und manchmal gar die Welt im Detail und allgemein, als bedrohlich wahrzunehmen. Auch deshalb steht in der Bibel geschrieben, dass der Mensch sich von den falschen Propheten abwenden solle. Denn was eines Menschen Geist befüllt und darin für wahr befunden wird, bedarf jedes Mal erneut seiner eigenen Zustimmung. Erst dann ist es für ihn wahr und dementsprechend auch wirksam, selbst dann, wenn er es niemals selbst überprüft hat.

Doch es gibt begründete Hoffnung auf Heilung, denn je weiter ein Mensch in seinem Leben voranschreitet, umso leichter gelingt es wohl auch, all die Irrtümer zu entlarven und aufzugeben, auf denen man zuvor noch unbewusst und unerfahren, große Teile seines Lebens aufbaute.

Ein in sich selbst heiler Mensch, empfindet Mitgefühl und muss gar nicht dazu aufgefordert werden, dort zu helfen, wo Hilfe offensichtlich gebraucht wird. Das kann schon einfach nur eine Tür offen halten sein, damit auch der Nachfolgende ungehindert passieren kann, oder man hebt ein Geldstück auf und gibt es jenem zurück, dem es in unserer Nähe runterfiel. Man schenkt Trost, wo dieser gebraucht wird und gibt dem Nichthabenden aus seinem Überfluss, ohne Rechenschaft über die Verwendung des Gegebenen zu fordern. Man hört dem Anderen beim Reden zu, ohne eigene Gedanken im Kopf und lässt diesen aussprechen, frei von Ungeduld. Dabei denkt man auch nicht, jetzt tue ich etwas Gutes …, denn allein schon die Freude desjenigen, dem geholfen wurde, ist Balsam für unsere Seele.

Wahrlich ist es dem reinen Wesen in uns, ein natürliches Anliegen zu helfen, wenn man es kann und dies genau dort, wo man gerade ist. Wir alle tun das. Und das ist Nächstenliebe. Denn wir schätzen vorher nicht in uns ab, ob der Andere unserer Hilfe wert ist, oder ob dieser es verdient, dass ihm geholfen wird und fragen auch nicht, was bekomme ich dafür?

Ein im Geist Erkrankter ist jedoch, wie ich es in der Vergangenheit in mir selbst beobachten konnte, beinahe so ausschließlich mit sich selbst und seinem Leiden beschäftigt, als dass er tatsächlich sein Umfeld und alle darin befindlichen Menschen klar wahrnehmen könnte. Man blickt dann nur auf die Schleier der Fehlurteile, welche die eigenen Gedanken vorgaukeln und somit eine klare Sicht auf das wirkliche Geschehen erschweren, beziehungsweise unmöglich machen.

Nun könnte man glauben, dass dies ein hartes Urteil sei, denn jener, der krank im Geist ist, worauf sich oft auch der Körper anschließt, hat sich dies wahrscheinlich nicht selbst ausgesucht, zumindest nicht bewusst. Das mag sein. Doch genau hier kommt wieder die Nächstenliebe zum Tragen. Wenn ich nämlich weiß, dass der Andere aus seiner begrenzten Sicht, gar nicht anders sein kann, als er nun mal in diesem Moment ist, dann nehme ich diesem auch nichts mehr übel und unterbreche, beziehungsweise beende in mir selbst, jenen unglückseligen Schlagabtausch in meinem Denken, der weder mir noch dem Anderen hilft. Dann gewähre oder handle ich untrüglich aus Mitgefühl und ohne dabei in mir selbst zu leiden. Zumal ich als Mensch nur wirklich hilfreich sein kann, wenn sich meine Gedanken und mein Tun nicht widersprechen. Genau dann liebe ich mich auch tatsächlich, so wie ich bin und kann mich jedem Anderen mit Güte zuwenden und auch diesen sein lassen, wie er nun gerade mal ist. Und ohne, dass ich es erwarte, kann so auch der mir Nächste, eventuell den Unterschied mit Erstaunen bemerken und erkennen, dass die Welt doch nicht ganz so düster ist, wie er diese in seinen trostlosen Gedanken bis dahin wahrgenommen hat.

Weitere eindeutige Merkmale von Nächstenliebe sind, dass sie nicht anstrengt, niemanden ins Unglück stürzt, sondern einzig und allein die Freude im Leben des Empfangenden und Gebenden mehrt. Genau genommen ist die Nächstenliebe stets ein Licht, das Gott direkt durch Seine Kinder an ihre vorübergehend in Not befindlichen Geschwister gibt.

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Danke fürs Lesen und Verinnerlichen.

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