Sichtweise – 3

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Mitleiden und Mitfühlen sind körperliche Fähigkeiten, die durch den Geist im Menschen angeregt, gesteuert und befeuert werden. Neutralität ist reine Geisteskraft, denn es bedarf nicht wirklich des Körpers – um neutral zu sein. Das ist wahr. Wenn der Mensch an nichts denkt, einfach nur ist, wo er ist, dann ruht sein Geist neutral im Körper, ohne zu schlafen oder Pläne zu machen. Dann wehrt er nicht ab, was ist, stellt sich auf keines Anderen Seite, ergreift auch nicht Partei – für Dieses oder Jenes. Er verweilt in sich, ist wahrhaft im Himmel, wo ihn gar nichts mehr stört. Und er wird anziehend für all jene, die Frieden, Stille, Trost suchen, doch sich anscheinend selbst nicht geben können.

Neutralität ist Stärke. Urteilen über Geschehnisse, die in keiner Weise von sich aus beeinträchtigen können, was der Urteilende ist, offenbart sich somit als ganz gewöhnliche Schwäche des Unsicheren.

Urteilen, Schlichten, Sein lassen

Ein Richter urteilt und ein Beteiligter gewinnt, ein Anderer verliert. Wäre ein Richter neutral, könnte er gar kein Urteil fällen.
Ein Schlichter wiederum, sieht durch die Augen von jenen, die ihn um die Schlichtung eines Konfliktes bitten. Der Schlichter urteilt nicht. Er reicht den Beteiligten ein Licht und ermöglicht diesen somit, auch die andere Seite zu verstehen, aufeinander zuzugehen. Also mittels Vernunft und Einsicht den Konflikt aufzulösen und nicht zu verschärfen.
Der Neutrale tut gar nichts. Er schaut auf die Welt und weiß, dass nichts, was er sieht, so bleibt – wie es ist und schon wenige Augenblicke nach dem Geschehen – alles ganz anders sein kann, als ihm kurz zuvor vermutbar erschien.

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