Fegefeuer

.

Es gibt keine Hölle bis auf jene „Lebensabschnitte“, die ein Mensch sich selbst höllisch gestaltet. Dann nimmt er wahr, was weder ist noch jemals sein kann, weil Gott es nicht will. In dieser Angelegenheit gibt es für einen Menschen nur zwei Möglichkeiten der Entscheidung. Er kann auf seiner Wahrnehmung beharren und weiterhin auf „Teufel komm raus“ eigenköpfig deuten, was ihm da anscheinend geschieht, doch kann er ebenso wählen, die Menschen, die Dinge, die Situationen, die ihn umgeben, anders zu sehen.

Um Letzteres zu tun, muss der Lebendige in sich jegliches Urteil fallen lassen und wahrlich damit aufhören, allem und jedem, was ihm begegnet, im Außen wie im Innen, eine Bedeutung zu geben. Das befreit unverzüglich von aller Bedrängnis, Trübsal und Zukunftsangst allgemein.

Und der Mensch wird verstehen, dass die Dinge anders zu sehen, nicht mit jenem gelingen kann, was er sich bisher selbst beigebracht hat. Denn solange er alles und jedes deutet, kann er nur auf das ihm Gewohnte zurückgreifen. Darin jedoch wird er wahrhaft nichts finden, was ihm nicht bereits ist bekannt. Anders ist anders und keine Wortspielerei. Wer – in welcher Hinsicht auch immer – schon einmal „anderen“ Geistes geworden ist, weiß jetzt wovon die Stimme hier spricht.

Als ein greifbares Beispiel verweise ich auf die Werke des Bruno Gröning. Dieser lehrte mich, dass Schmerz, der unerklärlich erscheint, nicht auf Krankheit, sondern vielmehr auf das Einsetzen der Heilung hinweist. So kann man heutzutage zahlreiche Dinge mit Klarheit und Stille betrachten und dabei erkennen, dass vieles wahrhaft ganz anders ist, als man bisher wähnte und nur aus diesem Grunde für wahr annahm.

Anders – ist eine Besinnlichkeit, das Tasten, Horchen, Fühlen nach einer noch unbekannten Möglichkeit und führt letztendlich stets zu der Einsicht, dass das – was selbstverständlich erschien, einsehbar wirklich nichts war, was froh stimmte oder sonstwie beglückte. Wozu an derartigen Gedanken, Deutungen und Handlungen festhalten? Wozu, frage ich dich und mich und jedes Kind Gottes, welches diese Zeilen liest.

PS: Das Fegefeuer ist kein Ort, in den die Seele nach dem Tod eintritt, um dort von den sogenannten Sünden gereinigt zu werden und dann in den Himmel aufzusteigen. Die Seele kann weder sündigen noch sterben. Der Mensch, welcher die Seele auf Erden vertritt, ebenfalls nicht. Doch kann ein Mensch irren und Fehler machen, kann sich selbst und den Anderen missverstehen und falsch wahrnehmen. Und mit jedem absurden Gedanken, mit jedem Empfinden von Unwohlsein, macht sich das Fegefeuer im menschlichen Körper bemerkbar. Da der Himmel im Menschen ist, genau dort, wo auch dessen Seele ewig verweilt, weist ihn jegliche Unpäßlichkeit lediglich darauf hin, dass er in jenem, was er grad dachte oder tat, sich höllisch geirrt hat. Und jeder Schmerz, jedes Leid schwindet mittels der in Stille empfangenen lichten Einsicht, dass es wohl wahrlich doch ganz anders ist, als man es sich hartnäckig vormachen wollte.

.

.