Wenn der König schmilzt

von Luxus Lazarz

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Warum braucht der Mensch ein Ego, eine selbsterfundene Individualität, die ihn von allem trennt, was den Menschen jemals umgibt? Um an seine eigene Existenz glauben zu können? Um der Angst in sich zu entkommen, er könnte sonst nicht überleben, beziehungsweise ein menschenwürdiges Dasein führen? Mag sein. Offensichtlich ist – aus diesem oder jenem Grund – bildet sich im Geist des Menschen ein Ego aus. Sich zusammenfügend aus den ureigensten Vorstellungen des Menschen, bezüglich seines Lebensraumes, dem der Anderen und sich selbst darin. Derart wird der Mensch zu etwas, was er zwar darstellen will, doch niemals ganz sein kann, weil er eben nicht nur dieses Gemisch von Teilen ist, das er als sich selbst wahrnimmt. Ein Teilgemenge, welches sich vom Ganzen zur Sicherheit abspalten will und den Menschen kaum merklich, dabei unaufhörlich in den unsichersten Wahnsinn treibt. In die wahnsinnige Idee hinein, er, der Mensch, wäre es allein, der sich das Leben gibt, gestaltet und nimmt. Letzteres stimmt, doch Ersteres ist nur eine unbewiesene Annahme und das Zweite wahrlich Ansichtssache.

Der sanfte Mensch, mit gemäßigten Ego, träumt davon, irgendwann in einer Welt zu leben, die keinerlei Gefahr in sich birgt. Dieser Traum ist durchaus verständlich und legitim, doch die Mittel, mit denen der Mensch allgemein, dieses Ziel zu erreichen sucht, taugen alle in der Wirklichkeit nichts. All diese Mittel, wie Konkurrenzdenken, Opferbereitschaft, Feind und Freund, bewaffnete Sicherheit und das Benutzen des Anderen, um Ziele zu erreichen, sind des reinen Geistes im Menschen unwürdig, das unverständliche Gegenteil von Sanftmut und entstammen einzig der Gedankenverbiegung des Ego.

Jenem Ego in dir und mir, welches die Dinge und Gedanken der Welt zu anbetungswürdigen Götzen erhebt und dafür unser Leben gibt, weil es kein eignes hat. Der einzige Feind, den es tatsächlich gibt und der sich in lichten Momenten stets, als ein Unding in uns entlarvt, weilt wahrlich dort im Innersten und bleibt solange unerkannt ein Ränkeschmieder der übelsten Sorte, bis ihm der reine Geist durch uns den Saft entzieht. Einfach nicht mehr Anteil nimmt, an dem Argen, am Bösen und dem Urteilen – in all dessen Auswüchsen, der Selbstjustiz im Kopf, wo man unbemerkt stets nur über sich selbst urteilt. Gott sei Dank, wurde der Irrsinn erkannt.

Die Idee Gottes löst das Ego auf. Denn das Ego wird nicht mehr gebraucht, wenn da etwas Größeres ist, was dich und mich führt, schützt und unterstützt. Das Ego in mir, das ich einst glaubte zu sein, hatte panische Angst vor dem Augenblick, in dem ich mich tatsächlich an Gott, den Vater allen Lebens, erinnere und des Ego dürftiger Schutz und all dessen verlogene Unwissenheit, nicht mehr gebraucht werden würden. Der Vergangenheit angehörten, sich mehr und mehr im Nichts verloren, da du und ich wissen, die Vergangenheit ist vorbei und kann uns nicht berühren. Da ist keine Gefahr im Jetzt. Kein Grund zur Sorge und auch kein Anlaß für Leid können dann noch in Wahrhaftigkeit gefunden werden, oder in jenem einzigen Moment der Zeit, den es tatsächlich jemals gab und gibt. Das Jetzt – nur in diesem passieren alle Wunder. Doch sieh selbst …

Wenn Du Dich innerlich, nicht mehr selbst beschimpfst, maßregelst und stattdessen als reinen Geist anerkennst, was ist das anderes als ein Wunder?

Wenn Du plötzlich die Stille in Dir hören und fühlen kannst, lächeln willst, ohne sichtbaren Grund, was ist das anderes als ein Wunder?

Wenn Du in Anderen nur noch den Bruder, die Schwester siehst, welche auch Du sein könntest, hättest Du dessen Erfahrungen gelebt, was ist das anderes als ein Wunder?

Wenn Du erkennst, dass kein einziger Streit in Deinem Leben, jemals eine nachhaltig befriedigende Lösung eingebracht hat und Du ab dann, auf jeglichen Streit verzichten kannst, was ist das anderes als ein Wunder?

Wenn Du die Suche nach Schmerz und den Wunsch nach Tod aufgibst, stattdessen das Leben liebst, was ist das anderes als ein Wunder?

Wenn Du erlebst, wie Du innerlich in tiefem Frieden bist und sich die Welt um dich herum, diesem Frieden anschließt, was ist das anderes als ein Wunder?

Wenn Du entdeckst, Du bist nicht, was Du glaubtest zu sein und Du bist auch nicht, was Dir in der Zukunft vorstellbar ist. Du weißt nicht mehr, was oder wer Du bist. Du bist nur Jetzt, jenem einzigen Moment, in dem alles vollkommen ist, inklusive Dir darin, wenn Du all das verinnerlichst, was ist das anderes als ein Wunder?

Wenn Du all Deine Tage in Furchtlosigkeit und Liebe verbringen kannst, was ist das anderes als ein Wunder, wie es wundersamer zuvor niemals vorstellbar war?

Copyright Fotografie: Jan Meyer

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