Die letzte Reise – Teil 5

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Erinnerung an Freiheit

 

Was ist Freiheit?
Kann ich mich daran erinnern, wann ich mich das letzte Mal frei gefühlt habe?
Ja, ich kann. In mir erscheint die Erinnerung an meine erste Erfahrung, von einem unerwartet empfundenen Freiheitsgefühl in mir.

Diese Erinnerung nutze ich nun, um in mir zu heilen, was dem Fühlen von Freiheit im Jetzt scheinbar im Wege steht. Allgemein ist es außerordentlich empfehlenswert, die Fähigkeit des Menschen, sich zu erinnern, tatsächlich nur noch zur Heilung zu nutzen. In allen anderen Situationen, in denen uns ein Erinnern notwendig erscheint, kann man sich stets zuvor lautlos fragen, was dem rechtgesinnten Geist in uns, diesbezüglich als eine nützliche und hilfreiche Lösung oder Sichtweise erscheint.

Für die meisten Dinge, welche man im Alltag tun zu müssen glaubt, bedarf es überwiegend sowieso gar keiner Erinnerung, da sie dir und mir – im sich wiederholenden Verlauf der Zeit – zu einer Routine geworden sind. Dadurch eine Art von Selbstverständnis bekamen, welches vollkommen gedankenfrei durch uns zum Ausdruck kommt. Wer muss sich schon daran erinnern, wie man einen Knopf annäht, ein Brot belegt oder eine Toilette benutzt? Man weiß es einfach und hat somit hier gar kein Problem. Jeder Gedanke wiederum, der in dir und mir auftaucht und gar nichts mit dem Gegenwärtigen gemein hat, gehört nicht in diesen Moment. Vielmehr stört der unnütze Gedanke, das ansonsten reibungslose Sein im Tun, wie wohl so ziemlich jeder Mensch aus eigenem Erleben weiß.

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Mein eigene Erinnerung an den Moment, in dem ich mich tatsächlich das erste Mal in meinem Leben allumfassend frei gefühlt habe, beruhte auf einer Situation, in die ich mich kleinköpfig hineinmanövriert hatte. Das Fundament meiner Tat war eine panische Angst, welche ich seit dem 21. Lebensjahr in alle meine sogenannten Liebesbeziehungen miteinbrachte. Die Angst vor dem Verlust des Geliebten, hatte mich Dinge denken und sagen lassen, die mich unausweichlich genau dem näher brachten, was ich ja eigentlich mit meinen Worten, um jeden Preis verhindern wollte. Während ich mit Worten und Blicken hartnäckig um Verständnis bettelte, zog sich der Angesprochene immer weiter in sich zurück und weigerte sich, meine Angst zu verstehen. So sah ich es damals, und es war ein grausiger Moment – in meiner damaligen Sicht, denn mit des Anderen Weigerung brach eine Welt in mir komplett zusammen. Mein Glaube und Vertrauen in die Liebe an und für sich, wurde derartig erschüttert, dass ich keinerlei Ausweg mehr sah, jenes Geschehen rückgängig zu machen. Mit jedem weiteren Wort meinerseits, schien alles nur noch schlimmer zu werden. Schließlich endete die Situation, mit dem totalen Rückzug des Anderen. Er wollte allein sein und nahm sich die Freiheit, diesem Bedürfnis nachzukommen.

Dementsprechend war auch ich allein, und zwar für eine ganze Stunde. Was nach dieser Stunde auf mich zukam, und wie es allgemein dann mit meinen Leben weiterging, wusste ich nicht und konnte es mir auch nicht wirklich vorstellen. Denn nur einen Monat zuvor hatte ich mein altes Leben hinter mir gelassen, und es gab kein Zurück für mich. Somit befand ich mich plötzlich in einer Situation wieder, in der mir weder die Erinnerung an Vergangenes hilfreich erschien, noch es eine mir vorstellbare Zukunft gab, die ich mir wirklich hätte vorstellen wollen. So setzte ich mich vor die Tür des Hauses und wartete sozusagen auf mein Schicksal, welches aus damaliger Sicht ja nun in den Händen des Anderen lag. Dies hört sich sehr dramatisch an, doch während ich es schreibe, entspringt mir wiederholt ein Lachen, weil mich wiederum genau diese Situation, in eine der bisher wunderbarsten Erfahrungen meines Lebens lotste.

Ich saß also einfach vor der Tür des Hauses im Garten und war mir dessen bewusst, dass ich nichts mehr tun konnte, außer zu warten. Es gab keine Aktivität, durch die ich mich hätte von der Angst ablenken können. Jedenfalls fiel mir nichts ein, was die Schwere, meiner, nun zusätzlich zu der Angst, auch noch empfundenen Schuld, hätte erleichtern können. So saß ich weiterhin nur da und blickte dabei in den Himmel. Ansonsten dachte und tat ich gar nichts, außer zu warten. Der Wind durchquerte vor meinen Augen sanft ein unbestelltes Feld, die Zweige der Bäume bewegten sich ebenfalls ganz sanft, und es waren lediglich die Klänge der Natur zu hören. Die Zeit schien vor mir stehenzubleiben, den ohne Vergangenheit und Zukunft im Sinn, geht auch der scheinbare Nutzen von Zeit verloren. Und während ich dort einfach nur saß und ins Nahe schaute – ohne zu werten, zu denken, zu bangen oder sonst wie zu urteilen, lösten sich die Angst und auch die Schuld in mir auf. Dem folgte ein noch nie zuvor bewusst erfahrenes Gefühl von Freiheit und Liebe für alles, was ich sah und in diesem Moment war. Herkömmlich betrachtet war ich nichts mehr, das vor mir Liegende mir total unbekannt und alles Vergangene nicht mehr von Belang. Doch da war keine Angst mehr, und in mir tauchten die Gedanken auf: Das nie etwas wirklich Schlimmes passiert. Zwar wusste ich nicht, wie es weiterging, doch das es weiterging, daran hatte ich in diesem Moment nicht den geringsten Zweifel.

Nach einer gefühlten Ewigkeit, erschien mein Freund wieder auf der Bühne des Lebens (kicher, kicher), und auch er hatte zwischenzeitlich die Vergangenheit losgelassen. Und es war, als sei all das, was mich zuvor in die Abgründe der Angst gestürzt hatte, niemals wirklich geschehen.

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Dies war meine erste bewusste Begegnung mit Gott, von dem man sich ja kein Bild machen soll, weil ER in allem ist, was uns umgibt und auch in uns selbst. Du und ich, wir sind in IHM und niemals sind wir wirklich allein, sondern vielmehr immer all-ein. Frei von Sorge und Furcht, vergaß ich damals das Warten und war einfach nur dort, wo ich war, und es ging mir so gut, geradezu himmlisch, wie noch nie zuvor. Der Geist in mir war rein, und ich fühlte mich getragen und beschützt, zuversichtlich und frei zugleich, da es ohne das Gestern und Morgen keinerlei Anlaß mehr zum Fürchten gab.

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