Grenzsicht

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Der oben angeführte Gedanke weist darauf hin, dass es einem Teil in uns machbar scheint, sich über einen anderen Menschen zu erheben. Also in sich tatsächlich zu glauben, dass man selbst besser, größer, klüger als der Andere sei. Ein Hinweis, dass man diesen Irrtum in sich pflegt, findet sich in erster Hinsicht dadurch, dass man im Anderen eine Überheblichkeit wahrnimmt.

Empörung ist eine Antwort auf Überheblichkeit. Hier verteidigt der Verstand im Menschen sein irdisches Reich, während er sich über des Anderen Sicht der Dinge höllisch ärgert, letztendlich über dessen Verhalten und Dasein, welche man sich nicht erklären kann, in deren absurder Kleinlichkeit und anscheinenden Unwissenheit.

Ist das Wesen im Menschen im Zustand der Gnade, sieht es nirgendwo Überheblichkeit. Hier nimmt die Seele ohne Trübung wahr, was sich wahrlich im Gegenwärtigen gestaltet. Nirgendwo ist ein Grund zu entdecken, um dem Ärger anheimzufallen. Einzig allein des Verstandes Unwissenheit ist der Treiber in die Angst und gleichfalls die Erlösung für all jene, die erkennen, dass sie sich nicht selbst erschaffen haben. So kann der Mensch zurückkehren, in sein wahrhaftes Leben, welches für ihn ein Anderer schrieb, der ohne Furcht und Tadel alles gab und gibt, was tatsächlich gebraucht wird. Erst, als der Verstand bedachte, dass Alles nicht Alles sein kann, fand er in der Sorge genügend bitteres Brot für die Wendungen der Zeit.

Stell dir einmal vor, du hättest nur diesen einen Augenblick. Würdest du dich dann um den nächsten Moment sorgen, oder einfach freudvoll sein, beziehungsweise akzeptieren, was du genau Jetzt bist? Sei dir bewusst, dass es diese Möglichkeit geben kann, dass jeder von uns wahrlich nur diesen einen Moment hat. Ein ewig dehnbarer und neu gestaltbarer Raum. Mehr gibt es nicht, denn nur im Gegenwärtigen sind wir offenbar wach und handlungsfähig. Unsere Wahrnehmung gibt sich allerdings den Anschein, dass das Leben aus einer ewigen Kette von aufeinanderfolgenden Momenten besteht, deren Inhalt wechselt, deren Intensität anschwillt und abnimmt. Doch das allgemein Wahrnehmbare, in all den anscheinend vielen Momenten, ist und bleibst – du allein, und ohne dich – hättest du keinen einzigen Moment davon erlebt. Du, jenes geistige Wesen, welches jetzt hier liest. Du bist und bleibst der Mittelpunkt, das tatsächliche Zentrum der Wahrnehmung in jedem irdischen Moment deines Lebens. Na ja und in den außerirdischen Momenten deines Seins, bist du dir auch sehr wohl dessen bewusst.

Da kann man doch wirklich glauben, dass dieser Moment uns anhaftet, das Leben an uns hängt, uns gar nicht verlassen kann. Und auch wir können es nicht wirklich, ihn jemals hinter uns lassen, den lebendigen Moment.

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