Version 11

von Luxus Lazarz

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Im Folgenden handelt es sich um eine Erzählung, die ich vor mehr als 20 Jahren im Internet fand. Seitdem arbeitete ich immer mal wieder an dem Stoff, habe einige Details darin rund geliebt, das Geschlecht der Hauptgestalt neutralisiert, die Handlung großzügig erweitert und eine denkbare Lösungsmöglichkeit eingefügt. Die Kernbotschaft des kurzen Originaltextes, ist jedoch Eins zu Eins wiedergegeben. Darüber hinaus gilt überall und jederzeit:

Freude kennt kein Maß und für die Liebe gibt es nichts, was ihr unmöglich ist.

* * *

An einem schönen Sommertag, lag unter einem großen Baum ein Mensch, der wie ein Mann denken konnte und wie eine Frau mitfühlen. Dieser Mensch dachte in diesem Moment an gar nichts, sondern lag einfach nur im Licht des Halbschattens, den die Krone des Baumes über ihm ausfächerte, und er fühlte das Leben in und um sich herum. Aus seiner Lage konnte er die Bauten, einer am Horizont sichtbaren städtischen Ansiedlung erkennen und auch den Weg, der ungefähr in drei Meter Entfernung von seinem Liegeplatz unter dem Baum, durch eine weiträumige Wiese direkt in die Stadt führte.

Die Sonne hatte ihren Höhepunkt im Tag bereits erreicht und der im Schatten Ruhende setzte sich nun auf, um nach einem mit Wasser gefüllten Gefäß aus Ton zu greifen. Kaum hatte er einen reichlichen Schluck aus der irdenen Flasche genommen, hörte er Schritte auf dem Weg hinter sich. Von dort näherte sich eine dunkle Gestalt, die groß, hager und inklusive des Gesichts, von einem weiten, schwarzen Umhang verhüllt war.

Der Mensch erkannte die Gestalt allerdings, denn in seinem bereits mehrere Jahrhunderte währendem Leben, war er dieser mehrmals begegnet. Es handelte sich um die Pest, welche nun neben ihm stand und ihren Blick stumm auf die Stadt legte. Grüß dich Pest!, sagte der Mensch, und fragte im Anschluss, Wohin willst du denn dieses Mal ziehen? Dabei hielt er, genau wie die Pest, die Stadt mit seinen Blicken umfasst. Ich gehe in die Stadt, antwortet ihm die Pest und werde mir dort 100 Seelen holen, die mich bereits erwarten. Der Mensch sagte daraufhin nichts mehr, sondern nickte der Pest lediglich kurz zu, als diese wieder zum Weg schritt, um ihre Wanderschaft in die Stadt fortzusetzen.

Es waren in etwa 8 Tage vergangenen, als der Mensch von seinem Platz unter dem Baum, die Pest um die Mittagszeit auf dem Weg aus der Stadt zurückkommen sah. Wie viel Tage es genau waren, spielte im Leben dieses Menschen keine Rolle. Und wieder hielt die Pest eine Weile bei dem Baum an und gesellte sich für einen Moment zu dem Menschen darunter. Wieder sprach sie anfänglich kein einziges Wort, bis der Mensch ihr eine Frage stellte. Sag mal Pest, du wolltest doch nur 100 Seelen holen, doch gehört habe ich, dass Tausende gestorben sind. Ist es wahr, was ich da hörte?, lautete des Menschen Frage.

Die Pest schwieg ein Weilchen, dann wandte sie ihren gesichtslosen Kopf dem Menschen zu und erwiderte mit tiefer Stimme, dass sie wahrlich nur 100 Seelen abgeholt hätte und all die anderen, wären der Angst in die Hände gefallen. Ach so war das also, sprach daraufhin der Mensch und schwieg dann wieder gemeinsam mit der Pest, bis diese ihn erneut verließ, um sich anderen Dingen zuzuwenden.

Der Mensch unter dem Baum, sah ihr nicht hinterher, sondern blickte auf die Stadt und fühlte all die Trauer und das Leid darin mit. Dennoch ging er nicht in die Stadt, um Trost zu spenden oder Hilfe anzudienen. Doch ganze drei Tage, und dieses Mal zählte er mit, saß dieser Mensch wach unter dem Baum und fühlte nur Liebe für alle Wesen in der Stadt, auf die er bei Tag und Nacht sah. Gedacht hat er nichts. Es gab nichts mehr zu bedenken, passiert war passiert. Aus zahlreichen Erfahrungen seines überirdisch langen Lebens, war sich der Mensch dessen gewiss, dass er das Rechte tat.

Nach Ablauf der 3 Tage, legte sich der Mensch wieder in das Gras und schlief zwei Tage am Stück. In dieser Zeit träumte er davon, wie in der Stadt Freude und Musik hörbar wurden, da das erste Kind nach dem Ende der Seuche geboren worden war. In seinem Traum konnte der Mensch ebenfalls sehen, dass das Kind sich unbeschadet entwickeln würde und es darüber hinaus die Fähigkeit hatte, alles Übel, die Pest und auch zahlreiche Ängste, von der kleinen Stadt dauerhaft fernzuhalten. Mit einem Lächeln auf den Lippen, erwachte der Mensch am späten Vormittag des zweiten Tages aus seinem Traum.

Eine unbestimmte Weile lag er einfach nur weiter unter dem Baum und fühlte in sich und auch in sein Umfeld. Alles war lebendig, und er hörte das Summen der Bienen und das Brummen der Käfer, roch die Düfte der voll erblühten Wiesen, die ihn weitläufig umgaben. Schließlich erhob er sich und ging zu einem großen Stein in der Wiese, unter dem glasklares Wasser hervorsprudelte. Hier löschte der Mensch seinen Durst und füllte auch das Tongefäß mit dem frischen Quell. Anschließend wusch er sich Gesicht, Hals und Füße, bevor er wieder zu seinem Plätzchen unter dem Baum zurückbummelte. Dort griff er aus einem Loch in der Erde einen Apfel heraus und biss in diesen genüsslich hinein. Er schien es nicht eilig zu haben, setzte sich wieder und kaute jedes Stück gründlich, nur der Stiel blieb übrig. Dann verschränkte der Mensch seine Arme hinter dem Kopf und lehnte sich gegen den Baum, die Stadt im Blick behaltend. Er schien auf etwas zu warten. Die Sonne stand inzwischen hoch über dem Baum und es ergab sich der Anschein, dass die Glocke der Stadt sogleich Mittag einläuten würde. Doch noch war es still.

Plötzlich legte sich die Stille und von der Stadt her, strömten heitere Rufe in das Ohr des Menschen. Zahlreiches Lachen stieg auf, der Klang einer Laute und auch eine Harfe waren zu hören. Die Musik schwang fröhlich daher, lud zum Tanz ein. Doch dem Menschen, der nun aufgestanden war, dabei weiterhin unter dem Baum verharrte, zuckte es nicht in den Beinen. Dafür strahlte er ganz hell im Gesicht. Freude hatte ihn innerlich ergriffen und auf die Füße gehoben. Jetzt ertönten tatsächlich die Kirchenglocken. Als diese 12-mal ihre starken Töne geäußert hatten, war der Mensch nicht mehr unter dem Baum zu sehen. Überraschend fern sah man allerdings dessen Gestalt auf dem Wege gehen, den auch die Pest genommen hatte.

Ein Ziel war dem Menschen unbekannt, doch in sich trug er die pure Gewissheit, dass ihn das Leben direkt und ohne Umschweife, wie seit Jahrhunderten gewohnt, zu dem nächsten Orte führen würde, an dem er in seinen Träumen – mittels Liebe und Stille – alle Schatten der Vergangenheit unhaltbar auflöste.

Das Fest in der Stadt, vor der er gelagert hatte, dauerte drei Tage an, und jeder Bewohner der Stadt stimmte der fühlbar schönen Idee zu, in dieser Stadt der Freude ein Denkmal zu setzen, um stetig daran zu erinnern, was für Leib und Seele eines Menschen, wahrhaftig unverzichtbar ist und bleibt.

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