Vergebung

von Luxus Lazarz

.

Wenn ich dies lese, ist Vergebung meine Funktion als Mensch und Kind Gottes. Ich erinnere mich jetzt daran und weiß um meine Funktion jederzeit und überall. Es ist die einzige Funktion, die Gott mir ursprünglich gab. Alles Andere – tat ich hinzu. Mehr als vergebend, still und klar im Geist, ungespalten in meiner Mitte zu verweilen – brauch ich nicht zu tun. Lediglich allem und mir darin zu vergeben, dem ich in jedem Moment meines Leben begegne. So bin ich im Sein und alles Tun ist vorbei. Dies allumfassend im Innersten und jenem weiten Feld, das mir ist ein Leben, eine düstere Welt, desöfteren mir erschien als ein Zirkuszelt – für alle meine Träume des Herzens und auch jener, die im diesigen Halbschatten des Verstandes aufpoppten.

Wenn ein Mensch uns nicht ganz rund und klar im Geist erscheint, dann sagt man manchmal aus Unwissenheit, derjenige hätte offenbar einen Schatten. Einen Schatten, der ihn die ganze Sache, um welche sich gerade die Rede drehte, nur halb bis gar nicht einsehbar macht. So denkt und spricht man, über den Einen mit dem Anderen. Man gab den Fehlblick laut kund, anstatt ihn mit stiller Liebe zu erhellen.

Du und ich, auch wir hatten diesen Schatten, der sich in uns besonders breitflächig ausdehnte, wenn wir ihn ausschließlich nur im Leben des Anderen vermuteten, oder uns gar mit Gedanke und Blick daran weideten. Weideten an unserem eigenen Schatten im Anderen, wo wir doch auch in der gedankenfreien Liebe verweilen können, welche allein das schattenfreie Erkennen ermöglicht. Kein Mensch in unserem tatsächlichen Umfeld ist wahrlich dumm, häßlich oder gar angriffswürdig, wenn der Verstand in uns keine Fehldiagnose bereitstellt.

Die nahe und die ferne Welt schattenfrei in Licht getaucht …

Ein Mensch kann meine ganze Welt sein, jedoch auch nur eine Rolle oder Requisite darin. Je nachdem, wie viele Statisten ich brauche, wird mein hauseigenes Bühnenstück – namens Gesellschaftliches Leben -ausstaffiert. Ist alles da, mach ich einen Film daraus. In Gedanken setze ich fleißig zusammen, wonach der Drehplan des Ego in mir schreit. Liegt mir viel am Ruhm, brauche ich viele Bewunderer, drängt es mich nach Ehre, könnte ich ein Held sein, steht mir der Sinn nach Lust, denk ich mir die Lüstlinge aus, welche gleichen Sinnes sind.

Doch eigentlich brauch ich gar nichts, keinen Menschen, kein Ding mehr als ich grad im Leben hab – in diesem einem Moment. Denn ätzend viele – mir erdenkbare Bühnenstücke – hab ich eigenwillig ausstaffiert und uraufgeführt. Letztendlich waren es doch nur Kopien. Keine Einzige konnte sich dauerhaft bewähren.
Frustriert und auch ratlos, stellte ich nach und nach das Drehbuchschreiben ein, ließ den Regiestuhl hinter mir. Verbrannte die Drehbücher im Licht der Mittagssonne. Entdeckte dabei im Rückblick – alle meine Filme waren nach dem gleichen Muster gedreht. Ich hatte augenscheinlich kein Talent fürs Schreiben wohlgefälliger Entwicklungen.

Doch fühl ich alltäglich nun den Wunsch nach Schönem, Freude und sanfter Bewegung, dann geb ich mich dem Frieden hin, in dem all dieses liebevoll erblüht.

Zuvor – soweit ich zurückdenken kann, glaubte ich daran, dass der Moment vergeht und diesem ein weiterer folgt. Und schon im Nächsten könnte etwas passieren, dem ich unvorbereitet ausgeliefert bin – und dagegen kämpfte ich an. Mit allen Mitteln, die mir die Welt als machbar offerierte. Im Kampf erreichte ich allerdings Grenzen, die sich mit dem Verstand nicht überwinden ließen. Bis mir aus heiterem Himmel jene Erkenntnis zufiel, daß erst – wenn man den Verstand leert, man auch leicht genug ist, um über jedes Hindernis einfach hinweg zu schweben. Ist der Verstand ganz leer, kein Gedanke darin, der an Bekannten hängt, bemängelt, urteilt und aus neu alt machen will, ist diese Leere ein Akt des Vergebens der Welt und somit auch mir selbst. Genau dann bin ich in Funktion – nehme allen Lärm und gebe den Frieden, der endlos und ewig durch mich strömt. Und der Moment bleibt, vergeht nie, nur die Lichtverhältnisse ändern sich zyklisch. So daß sich all die Liebe Gottes ausdehnen kann, nicht im Gestern zurückbleiben, sich auch nicht in der Zukunft verlieren, vielmehr endlos in jenem Reich wirken, welches das Göttliche all Seinen Kindern für immer gab.

.