Der Erstgeborene

von Luxus Lazarz

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In der Bibel, genauer geschrieben im Alten Testament, gibt es die Geschichte von Esau und Jacob, in der auf das Erbrecht des Erstgeborenen hingewiesen wird. Das hab ich mal intensiver befühlt, und da wurde ein möglicher Zusammenhang offenbar, der mir des Mitteilens wert erscheint.

Wenn der Mensch geboren wird, ist er ein Empfangender, genau wie jeder andere Mensch, der sein Leben nicht verplant, sondern vielmehr bedingungslos empfängt – ohne Fluchtversuch. Bereits der Säugling wird von innen her angeregt, sich einzig derart auszudrücken, dass alles geliefert werden kann, dessen er bedarf. Der frische Winzling sagt kein Wort. Ist das in ihm fühlende Wesen – in einem Zustand des Unwohlseins, dann weint das Baby, brüllt gar, wie auch immer, ihm wird geholfen. Alles was das Baby unternimmt, um sich bemerkbar zu machen – ist harmlos. Nie legt es das Kind darauf an, sein Umfeld zu verärgern. Es sucht nicht, denn alles findet zu ihm, noch bevor es das Sprechen und Bitten lernt. Es tut lediglich, was es kann – um sein Weiterleben zu fördern, von dem es selbst, noch gar nichts weiß, nur fühlt, fühlt, fühlt.

Und dieses Gefühl ist unglaublich schön, wenn man als noch unwissender Säugling all die Pein, mit dem Schietkram und naßen Windeln in Kauf nimmt. Im Leben sein, pur fühlen, nur das – was wirklich ist, genügt also vollkommen – um bleiben zu wollen. Das Pure ist gewollt und geliebt, in jedem Moment, ohne sich dessen bewusst zu sein.  Derart ist es am Beginn, in diesem einen Leben, welches sich nach und nach als eine unendliche Möglichkeit – zu lieben entfaltet, oder auch scheinbar missgestaltet, je nachdem – was dem reifenden Menschenkind näher liegt – in seiner Wahrnehmung. Bevor nun das ‚Ja – aber‘ den ersten Vorhang zuzieht, es geht hier auf Erden nicht um das Überleben, sondern vielmehr um das Leben pur.

Jenes Leben, welches auch uns nach wie vor zu freien Verfügung gereicht wird, dies war so in jedem Moment, den wir jemals erfahren haben. Wie es in noch kommenden Momenten sein wird, vielmehr wahrlich ist, bleibt mir bis zum Eintritt in das Jetzt – unbekannt. Es sei denn, mein Verstandes-Ich weiß es besser und strickt eine ellenlange Geschichte, die es wie einen alten Wollschal, um den stets ewig neuen Moment legt, sodass der Schal mir die Wirklichkeit verhüllt. Jeder Moment ist frisch, unbestimmt, geheimnisvoll und dessen Verlauf, vorher nicht berechenbar. Kann man es anscheinend in sich doch, also diesen noch unbekannten Moment berechnen, dann ist es nicht der neue Moment, der uns umfängt, sondern wir sind es selbst, die dort Gewohntes sehen, wo manchmal gar nichts zu sehen ist.

Das Wesen in uns, hat nach meinem Empfinden keine wissenden Gedanken, vielmehr göttliche Eingebungen, und genau deshalb erbt der Erstgeborene alles. In diesem Wesen bildet sich unser Verstand heraus und ist somit der Zweitgeborene. Einer, der sich von allem als getrennt wahrnimmt und uns in gewisser Weise aus Angst sowie mit List und Tücke, um den Himmel, also um das wahre Erbe bringt. Selbstverständlich nur – weil er es nicht besser weiß. Wir tragen ihm nichts nach. Das iCH hat ihm vergeben. Nun kann er sich desöfteren auch mal nur mit Freude füllen, ganz grundlos – weil es möglich ist.

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