Lächelnd gedacht

von Luxus Lazarz

.

Mir erscheint der Sinn meiner derzeitigen Umstände, in einer Disziplinierung des Geistes zu liegen, um den Blick von der Täuschung abzuwenden, hin zur Wahrhaftigkeit meines Daseins und all dem, was tatsächlich daraus erwuchs. Im Gegenwärtigen gibt es kaum etwas zu bedenken, wenn man nicht gerade ein neues Abenteuer plant oder eventuell auch eine Flucht aus den Gegebenheiten. Ist da jedoch nichts, was zwangsläufig bedacht werden muss, kann der Menschen auch diese Erfahrung getrost einmal in Offenheit und Sinnlichkeit annehmen. Gar nichts zu denken, ist im Alleinsein stets heilsam, befriedend, stillend und je nach Bedarf auch belebend. Wenn man eine Situation lediglich rational interpretiert, hilft dies manchmal  etwas loszulassen, dennoch ist die Ration kein Ganzes, sodass sich in den Pausen des Denkens die Intuition bemerkbar machen und fehlende Teile nachreichen kann.

Im bewussten Denken strebe ich nach allem, was wohl tut und niemandem schadet. Schieben sich andere Gedanken davor, werde ich gar vorübergehend unbewusst und denke beim Tun an etwas Anderes, holt mich desöfteren rasch ein kleines Missgeschick in die Wahrhaftigkeit zurück. Dann lächle ich mir dankbar zu. Auch erscheint es leicht nachvollziehbar, dass man zum Lächeln nur sehr wenig Kraft benötigt. Dementsprechend kann ein Mensch sich bestimmt in jedes Leben lächeln, dass er sich vorzustellen vermag. Lächeln kann jeder, der Schwache, der Starke, der Arme und der Reiche. Bereits als Säuglinge erreichen wir mit einem Lächeln stets die besten Ergebnisse, ziehen viele Menschen ahnungslos an, noch ohne Bart oder Lippenstift und nur mittels dieser klitzekleinen Bewegung im Herzen, die der Hüter aller Schätze in uns ist.

Warum sollte jenes, was bei Anderen wirkt, nicht auch genauso wirksam sein, wenn wir es uns selbst zuwenden? Nichts spricht dagegen, und es wäre absolut gerecht. Die Spiegelpraxis zeigt deutlich, lächelt man das Umfeld, beziehungsweise die Welt an, lächelt diese meist zurück. Tut sie es nicht, hat man Mitgefühl. Das Lächeln kann seinen Zauber nur dem Anderen offenbaren, wenn es ohne Anstrengung fließt und empfangen wird. Doch in jenem, der in und mit allen Zellen lächelt, wirkt es unwiderruflich.

Einige wahrlich sozial empfängliche Denker des 20. Jahrhunderts, wiesen in ihren Schriften mehrheitlich darauf hin, dass es zwischen den Menschen eine Entfremdung sichtbar wird, welche eine wachsende Ursache für vielerlei Konflikte ist. Als aufmerksamer Mensch, weiß man heutzutage, dass wer mit sich selbst nicht in Frieden ist, es auch nicht mit dem Anderen sein kann. Dann greift man den Anderen an, nutzt ihn als Schuldner, bezüglich der inneren Qualen, die sich der Mensch oft eigenköpfig und überwiegend häppchenweise selbst zubereitet. Wer nur Qual hat, kann weder Frieden geben noch anziehen. Wir entdeckten selbst, dass diese Selbst-Entfremdung vom natürlich Gegebenen relativ früh beginnt. Nämlich bereits dann, wenn wir unserem innersten Wesen, also dem Menschen – der wir fühlbar in uns sind, unbewusst entfremdet werden, indem wir den Gedanken annehmen und in uns ein Zuhause geben, dass das Leben des Einzelnen seinen Zweck in der vorgefundenen Ideologie eines Anderen finden kann.

Doch ist der Mensch sich selbst nicht fremd, dann kann ihm auch nichts Menschliches fremd sein. Und er erkennt den ihm erreichbaren Zweck in sich selbst, also jene schöpferische Fähigkeit – mit der er nicht irgendeiner idealisierten Gesellschaft, sondern unsichtbar weitreichend dem menschlichen Dasein insgesamt dienlich sein kann. Dies passiert, weder nur in Weiß noch ausschließlich Schwarz, sondern einzig in allen Farben, die das Leben dem Menschen zur Verfügung stellt. Zunehmend wird ebenfalls offensichtlich, dass auch die Berühmtheit kein wahrer Segen ist. Vielmehr einschränkt und stetig kleiner macht, des rühmlichen Menschen Bewegungsfreiraum. Und bekommt der Ruhm auch nur einen Kratzer, dann fällt er ab, der ganze Lack und das Gewöhnliche tritt hervor. Dann ist der Ruhm futsch und das Leben drumherum oft dazu. Keine wünschenswerte Erfahrung.

Jeder Mensch hat allerdings viele Fähigkeiten, die ihm auf den ersten Blick – keiner ansieht und die nützlicher sind, als man sich allgemein vorzustellen vermag. Eine davon zeigt sich zum Beispiel darin, die Wünsche der Seele tatsächlich wahrzunehmen. Dies gleichgültig, ob es sich um Bewegendes oder Stillendes handelt. Diese Wünsche sind ganz anders als das, was das Ich in mir anstrebt. Sie lehren mich immer wieder, dass die Türen in neue Welten nicht zwangsläufig große Portale sind, sondern oft nur winzige Momente, in denen Gedanken und Wünsche in mir auftauchen, die mir selbst fremd anmuten, da diese über die mir grad gegebenen Möglichkeiten absurd hinausragen.

Alle Wünsche der Seele werden erfüllt, und das einzige Zutun des Empfangenden besteht nachprüfbar darin, den Wunsch der Seele zu achten sowie vorbehaltlos zuzustimmen. Kurz gesagt, diesen Wunsch in sich bewusst wahrzunehmen. Mehr nicht. Auch wenn wir keinen Schimmer haben, wie sich das Gewünschte in unser Leben ziehen lässt, die Seele weiß es mit Gewissheit. Sie spinnt keine Ideen, deren Verwirklichung unmöglich ist. Ganz leicht kommuniziert sie mit dem Leben, nur uns ist dies noch nicht so bewusst. Doch alles ist in uns bevor es wird, und das war schon immer so.

Wenn man in seinem Leben zurückblickt wird offensichtlich, was sich leicht erfüllte, überraschend zufiel und uns darüber hinaus mehr brachte, als wir allgemein hätten vermuten können. Das sind die verwirklichten Wünsche der Seele. Die Wünsche des Ich sind anderer Natur und meist nur ein Abklatsch, eine vorübergehende Verbesserung von bereits Bekanntem, oft entsprungen aus dem Zweifel des Ich – an der Liebenswürdigkeit des einen Wesens, dem jeder Mensch sein ganzes Leben verdankt, dies vom ersten bis zum letzten Atemzug und undenkbar weit darüber hinaus.

*

Man sagt, dass alles in der Welt einen Anfang und ebenso ein unausweichlich Ende hat. Heutzutage weiß man darüber hinaus, dass das Leben gar nicht in der Welt zu finden ist, sondern vielmehr unsichtbar den ewigen Raum ausfüllt, in dem all das Weltliche vorübergehend auf- und abtauchen kann. Also gleichgültig nun, ob der Schein trügt oder erhellt, sobald der letzte Schleier fällt ist all dem Weltlichen das Ende gewiss.

Nur das Sein bleibt dann und offenbart nachdrücklich, dass es die Welt nicht ist, welche den Menschen auf Händen trägt, lebendig hält und liebevoll durchströmt. Was von Beginn an im Menschen wirkt, kommt von einem anderen Ort und ist größer als all das, was ein Mensch sich jemals vorstellen kann. Wie könnte auch das Kleine die Größe des Ganzen jemals erfassen?

Wo beginnt der Himmel, und wo endet er?

.

.