Reaktionen, Teil 6

von Luxus Lazarz

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Weil Liebe nie schläft

 

Es hat schon etwas Ungewohntes, wenn ein Mensch für sich denkt und fühlt, dass das Leben ihn liebt. Zumal das Leben keine greifbare Persönlichkeit ist, sondern anscheinend unaufhaltsam durch den Menschen und alles Bewegliche fließt. Sich vom Leben geliebt fühlen – ist ein Empfinden, welches vom Innersten aufsteigt und sich sanft ausweitet. Oft wird dieser Zustand durch inneres Stillsein angeregt. Manchmal empfindet der Mensch, die Liebe des Lebens für sein Dasein jedoch erst dann, wenn er mitten in einer Erfahrung steht und es scheinbar nicht mehr weitergeht.

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Karin lebte in ihrem 42. Lebensjahr vollkommen ahnungslos vor sich hin, als ihr das Undenkbare geschah. Ihr großzügig bezahlter Arbeitsplatz wurde betriebsbedingt aufgelöst. So erhielt Karin die Kündigung und eine finanzielle Abfindung, mit welcher sie für ein halbes Jahr – den Verlust ihrer gewohnten Einnahmen ausbalancieren konnte. Zwar erinnerte sich Karin daran, dass es noch vor einem Jahr, tatsächlich einer ihrer heimlichen Wünsche gewesen war – zu kündigen und einen neuen beruflichen Weg zu betreten, allerdings  den Zeitpunkt des Beginns dieser Erfahrung – wollte sie eigentlich selbst bestimmen.

Nun war der Wunsch jedoch schneller erfüllt worden als von Karin angedacht, und überraschend stand sie das erste Mal im Leben, ohne einen sicheren Übergang für die Zukunft da. Sie betrat somit – ein ihr bisher fast gänzlich unbekanntes Gebiet. Vieles, was sich Karin zum Thema Selbständigkeit erträumt hatte, war noch nicht realisierbar, da sie es bisher nämlich noch nicht geschafft hatte, die an sich selbst gestellten Bedingungen tatsächlich zu erfüllen. Dennoch fühlte Karin keine Angst oder Furcht vor dem Kommenden. Auch erschien ihr ein halbes Jahr mehr als ausreichend, um bei Bedarf eine neue, ebenfalls gut bezahlte Stellung zu finden. Natürlich nur für den unwahrscheinlichen Fall, dass sich die von ihr angestrebte Selbständigkeit als nicht haltbar erwies.

Doch wie desöfteren, entwickelte sich Vieles anders als in Karins Plänen vorausgedacht. Ihr Körper sah die neue Freiheit eindeutig als Bereicherung an. Gern lag er mit ihr träumend auf dem Sofa, aß, genoss das Leben und tat was Karins Herz wollte. Diese Lebensart machte ihr schöne Gefühle, die sie wahrlich in den letzten Jahren ihres eng geregelten Arbeitslebens vollkommen vergessen hatte. Ein halbes Jahr ging so dahin und Karins finanzielle Beweglichkeit, schrumpfte schließlich auf die staatlich gewährte Zuwendung vom Amt zusammen. Bedauerlicherweise war jedoch ihr Lebensstil genau auf das bisherige Einkommen zugeschnitten. Und so wurden – scheinbar über Nacht – Karins Mittel sehr, sehr knapp. Die Wohnung war schön, allerdings auch teuer und es gab noch einen Bankkredit in ihrem Leben, dessen Rate von der amtlichen Zuwendung, selbst bei äußerst bescheidener Selbsterhaltung, nicht mehr bezahlt werden konnte. Vier Monate gelang es Karin dennoch immer wieder, auch das für die Kreditrate benötigte Geld aufzutreiben und bei der Bank einzuzahlen. Im fünften Monat wurde sie diesbezüglich jedoch vollkommen ratlos.

Irgendwann sah sich Karin, die vor vielen Jahren eingegangene Kreditvereinbarung – erstmalig wieder seit deren Abschluss genau an. Staunend las sie nun, dass mit der Aufnahme des Kredits auch eine Versicherung abgeschlossen worden war, welche die Zahl der Kreditraten für ein ganzes Jahr übernahm, sollte jemals der mehr als unwahrscheinliche Fall eintreten, dass Karin aus der Berufstätigkeit in die Arbeitslosigkeit fiel. Nun war die Situation dennoch und trotz Unwahrscheinlichkeit tatsächlich eingetroffen, und Karin war erfreut, dass sie sich bereits in der Vergangenheit, wenn auch unbewusst – ordentlich darauf vorbereitet hatte. Dem Leben sei Dank!
… und weil sich Karin ab diesem Zeitpunkt sicher war, dass ihr nichts wirklich Unangenehmes aus der Situation erwachsen konnte, legte sie die Police wieder zurück in die Schublade und verschob den geplanten Besuch bei der Bank in das Morgen.

Doch das passende Morgen blieb irgendwie aus, und so folgten weitere vier Monate – in denen die Police unbehelligt im Schubfach lag. Verständlicherweise war es dem Stück Papier einfach unmöglich, allein zur Bank zu gehen, um dort Karins Angelegenheiten zu regeln.

Innerhalb dieser seltsamen vier Monate hatte sich die Bank jedoch, nicht ein einziges Mal telefonisch gemeldet oder geschrieben, und so nahm Karin jeden Tag erneut und erfreut für sich an, dass immer noch alles in bester Ordnung sei. Erst wenige Tage vor dem Ablauf des letzten der vier Monate, flüsterte ihr eine Stimme von Innen ins Ohr, dass die Zeit nun wahrhaft reif sei, um bei der Bank die Dinge allumfassend zu klären. Wahrlich hatte Karin gar keine Lust auf Bankgeschäfte, dennoch erhob sich ihr Körper, ihre Hand holte die Police und auch alle weiteren nützlichen Dokumente aus der Schublade, griff nach den Wohnungsschlüsseln und so stand Karin letztendlich vor der Wohnungstür. Ihre rechte Hand zog die Tür zu und die linke steckte den Schlüssel in das Türschloss, um diesen zweimal abschließend zu drehen. Damit war die Aktion insgesamt abgeschlossen und Karin war draußen. Ungewollt aus ihrer Welt geschoben.

Unmittelbar vor Karins Wohnungstür, führte eine kleine Treppe mittels sechs Stufen abwärts in den Hausflur, wo sich der Aufzug befand. Karin ging die Treppe langsam hinunter und drehte direkt am Ende der Treppe wieder um, stieg die sechs Stufen wieder empor und empfand immer noch kein Verlangen danach, in diesem Moment zur Bankfiliale zu gehen. Morgen war auch noch Zeit dafür. Was dann jedoch folgend passierte, entpuppte sich für Karin als eine echt merkwürdige Erfahrung.

Noch ganze weitere 11 Mal, stieg sie die Treppe hinab und wieder hinauf. Einerseits gab es die liebevolle Stimme in Karin, die sanft auf Bewegung beharrte, andererseits fielen ihr 1000 andere Dinge ein, die sie in diesem Moment lieber getan hätte – als mit einem, oder mehreren Menschen in der Bankfiliale zu sprechen. Nachdem ihr Körper jedoch auch das 12. Ersteigen der Treppe, nicht endgültig akzeptierte, wieder und wieder spontan umdrehte, die Treppe erneut zielsicher hinabging, gab sie allen inneren Widerstand auf, ging schließlich weiter bis zum Aufzug und drückte dort auf den Knopf. Die Türen öffneten sich sofort, der Aufzug war schon da.

Zehn Minuten später, betrat Karin die Bankfiliale. Bisher hatte sie dort immer warten müssen, da stets viele Kunden eine Beratung suchten. Dieses Mal war es jedoch anders. Ein Beraterplatz war frei, und sie ging direkt darauf zu. Hinter dem Schreibtisch saß eine Frau mit einem griechisch anmutenden Namen, der in großen Buchstaben auf dem an ihrer Bluse befestigten Namensschild lesbar war. Die Frau forderte Karin freundlich auf – sich zu setzen. Karin folgte der Aufforderung und erläuterte in wenigen Sätzen ihr Anliegen. Dabei legte sie die Police und alle anderen Papiere vor die Frau auf den Schreibtisch, der zwischen ihnen stand. Die Kundenbetreuerin sah sich alles sorgfältig und gründlich an und begann anschließend, etwas in ihre Computertastatur zu tippen. Nach dem Drücken einer letzten Taste erschienen wohl neue Informationen auf dem Bildschirm, denn die Angestellte wurde still und konzentrierte sich auf das von Karins Platz aus – nicht Einsehbare.

Während die Kundenbetreuerin die Informationen vor sich auf dem Bildschirm las, wurde deren Gesichtsausdruck zunehmend ernster. Dann atmete sie ganz tief ein sowie aus und wandte sich erneut Karin zu. Sie sagte, dass sie, also Karin, richtig Glück gehabt hätte, denn für den morgigen Tag sei bereits von der Bank die Kündigung für ihren Kredit terminiert gewesen. Die Bank habe in den vergangenen Monaten vier Briefe mit Mahnungen gesandt, doch alle Briefe wären an den Absender zurückgegangen. Da erinnerte sich Karin, wie sie vor zwei Jahren umgezogen war und dann vergessen hatte, der Bank die neue Adresse mitzuteilen. Nie war ihr von selbst die Idee gekommen, dass der Bank ihre neue Adresse unbekannt sein könnte und diese nur aus diesem Grund, nicht wegen des Kredites mahnte.

Nun war es an Karin, einmal tief ein- und auszuatmen. Wahrhaft wieder Glück gehabt! Weil nämlich jetzt, in dem Moment, wo Karin die Versicherungspolice und die Bescheinigung vom Amt vorgelegt hatte, die Kündigung hinfällig wurde. Die Versicherung tilge hier alle Schuld, fuhr die freundliche Bankmitarbeiterin in ihren Ausführungen fort. Es gab sogar noch eine weitere erfreuliche Mitteilung. Karin konnte sich die Raten, welche sie in den ersten Monaten ihrer Arbeitslosigkeit noch selbst bezahlt hatte, sogar rückerstatten lassen und gleich nach dem Gespräch von der Kasse im Vorraum in bar mitnehmen.

Wahrlich staunend lauschte Karin den Worten der sympathischen Kundenberaterin, und Freude quoll in ihr auf. Schließlich fragte sie die Beraterin, ob das unverhofft empfangene Geld – auch zum weiteren Abzahlen der Kreditraten verwendet werden könnte. Die Bankmitarbeiterin bejahte die Möglichkeit, riet Karin jedoch davon ab, da die Kreditlaufzeit nur noch ein Jahr betrug und aus einer vorzeitigen Ablösung des Kredits, keinerlei finanzieller Nutzen erwuchs. „Machen sie mit dem Geld doch etwas Schönes für sich“, empfahl die Frau nun Karin, mit einem Lächeln. Diese Idee gefiel Karin. Sie bedankte sich freudestrahlend bei der Bankmitarbeiterin – für die kompetente sowie problemlose Lösung der Situation und ging zum Bankschalter, wo ihr mehr als 1000 Euro greifbar ausgezahlt wurden.

***

Was für ein seltsamer Tag, dachte Karin, während sie beschwingt nach Haus tänzelte. Dort angekommen, brühte sie sich einen Tee, tat Honig hinein und bestaunte innerlich dabei – ihre jüngste Erfahrung noch einmal im Detail. Das Erlebnis aus der Höhe geblickt und im abschließenden Zusammenhang betrachtend, erkannte Karin in sich eindeutig: Das Leben liebt mich wirklich! Freudvoll hob sie die Hand mit der Teetasse empor, streckte den Arm vor sich in den leeren Raum, um den unsichtbaren Kräften mit ihrer Freude zu danken.

Von dem überraschend empfangenen Geld, legte Karin einen Teil beiseite und mit dem verbleibenden Teil buchte sie sich ein schräges Seminar, in dessen Verlauf ihr ungewöhnliche Einsichten kamen sowie Erfahrungen zuteil wurden, die wiederum in den dann folgenden Jahren – das Leben von Karin in ungewohnt vielfältiger Art bereicherten.

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