Reaktionen, Teil 11

von C. Luxus Lazarz

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In diesem Kapitel geht es um die Reaktion des menschlichen Individuums, wenn es vor scheinbar unlösbaren Aufgaben, Fragen, Situationen oder auch nur unvorhersehbaren Gegebenheiten steht. Nach allen vorhergehenden Einsichten, die das Thema Reaktion betrafen, wurde bereits in Kapitel 5*, auch die Nicht-Reaktion ausgeführt. So ist sich der nun gereifte Mensch dessen bewusst, dass es einzig und allein beim Ankommen im Gegenwärtigen noch darum geht, sich durch nichts Erscheinendes herausfordern zu lassen, sondern vielmehr in sich klar verweilend, dem Augenblicke bestmöglich gerecht zu werden.

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An einem schönen Tag im Juni erwachte Karin in ihrem Bett, ohne sich nach dem Aufwachen tatsächlich wach zu fühlen. Sie hatte geträumt, doch der Traum stellte sich als ein undurchschaubares Chaos dar, was Karin zu keiner Einsicht bewegen konnte. So stieg sie beinahe widerwillig und zögernd aus dem Bett, während sich in ihr – nach vielen Monaten Abwesenheit – ein Zweifel in ihrem Denken bemerkbar machte. Es handelte sich dabei um den Zweifel daran, dass sie sich seit der Jahrtausendwende – tatsächlich und in vielerlei Hinsicht – richtig entschieden hatte. Denn seit dem Jahr 2000 bekam Karin vermehrt die Gelegenheit, das gewöhnliche Leben des sterblichen Menschen tiefer und weiter wahrzunehmen, als all die Jahre zuvor. Ungerufen fielen ihr stetig neue Erfahrungen zu, die sie in vergangenen Jahren – als absolut unmöglich eingestuft hatte. Nicht einmal im Traum war es Karin bis dahin in den Sinn gekommen, dass ein Mensch und somit auch sie, Erlebnisse – jenseits von offiziellen Normen, den physikalischen Gesetzen und allem Bekannten erfahren konnte. Dennoch geschahen all diese Dinge. Ein Umstand, der sie in allen – dem Jahrtausendwechsel folgenden Jahren – wiederum zu vielerlei Entscheidungen veranlasst hatte, welche das gesamte Leben von Karin veränderten. Sie genau beschrieben – radikal aus jahrzehntelang gewohnten Gleisen warf, ohne dass für sie eine Aussicht auf gleichwertigen Ersatz bestand.

Allein ihrer Intuition folgend, war sie in dieser Zeit auch manchen Schritt gegangen, der ihr zuvor nur Furcht einflößte. In sich selbst vertrauend und in den Antworten des Lebens Bestätigung findend, war Karin nach und nach zu einer Art furchtlosem Geschöpf geworden. Eine Entwicklung, die ihrem Selbstbewusstsein wohl bekam und auch einen beruhigenden Einfluss auf das Umfeld deutlich machte. Wahrlich passierte auch nie etwas wirklich Schlimmes – in Karins realem Umfeld, und wenn es doch den Anschein hatte, konnte sie stets ihren eigenen Anteil darin erkennen, was sie letztendlich als beruhigend empfand. Denn nur so konnte sie beständig lernen – es zukünftig anders zu machen, wahrzunehmen oder einfach nur sein zu lassen.

Überhaupt war alles, was sich im Leben von Karin bisher gezeigt hatte, in gewisser Weise stets händelbar gewesen, auch wenn es selten auf den 1. Blick so aussah. Dass das – aus Belanglosen ein Drama machen – sie nicht bereicherte, sah Karin zwar etwas spät ein, im Alter von 42 Jahren, doch zu spät gab es in dieser Angelegenheit nicht. Am Leben gereift, gelang es ihr mit jedem Jahr leichter, all das in ihrem Alltag zu behelligen und mittels Vernunft zu lösen, was nicht allein vorüberging oder sowieso schnell in Vergessenheit geriet. Den ihr unlösbaren Rest, bei dem Karin auch kein ihr bekannter Mensch weiterhelfen konnte, übergab sie ab dem Jahr 2005 – erwartungslos dem Leben und dieses trumpfte dann stets mit überraschenden Wendungen auf. Nicht immer gleich, doch auch nie zu spät.

Das Erkennen der fließenden Vorgänge in ihrem Umfeld und in sich selbst, führte Karin wiederum – zu einem sich beständig erweiternden Vorstellungsvermögen, bezüglich dessen – was dieses – durch sie nun seit Jahren unberechnete und kaum geplante Leben – noch so anzubieten hatte. Allerdings gab es da – in dieser begrüßenswerten und überwiegend innerlich stattfindenden Entwicklung Karins – noch einen wunden Punkt. Denn es war ihr bisher kaum gelungen, auf den sogenannten grünen Zweig zu kommen und wenn doch, dann nur vorübergehend. Dennoch war sich Karin auch sehr wohl der Tatsache bewusst, dass sie in keinem Moment ihres bisherigen Lebens jemals wirkliche Not zu erleiden gehabt hatte. Stets sah es nur so aus als ob – in Karins damaligen Verständnis – vom sicheren und sorgenfreien Leben. So war sie gerade in den letzten Jahren immer wieder in die Verlegenheit gekommen, gar nichts zu haben. Paradoxerweise hatte dieses „Gar nichts“ – letztendlich doch stets genügt, um die wahrhaften Bedürfnisse von Karin zu stillen.

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Zwischenzeitlich war Karin im Badezimmer angelangt und fragte sich erneut, ob der Behalt, ihrer einst sicheren Arbeitsstelle, nicht doch die bessere Wahl gewesen wäre. Es war eine sinnlose Frage, denn gleichgültig – welche Antwort sie brachte, es war nicht mehr zu ändern, schon gar nicht 16 Jahre danach. Während Karin weiter grübelte, zog sie ein Geräusch aus dem zähen Gedankenfluss. Es waren die ersten Tropfen eines Regens, der Karin sehr gemächlich daher zu kommen schien. Zwar tauchte der Gedanke in ihr auf, die Fenster in der oberen Etage zu schließen, doch sie verwarf diesen sofort, wegen Lächerlichkeit und ging erst einmal zum Tee kochen – in die Küche im Erdgeschoss. Dort stand sie dann am Fenster, hörte dem Rauschen des Wasserkochers zu und erfreute sich am sanften Regen, der hinter dem Haus in den Garten fiel.

Nach wenigen Minuten trat die Ureinwohnerin des Hauses in die Küche, denn Karin lebte in einer Wohngemeinschaft, die hier nur am Rande Thema ist. Die über 80-jährige fragte Karin, was es denn im Garten zu sehen gäbe. Woraufhin Karin von dem sanften Regen erzählte, der vor ihren Augen spiralförmig in den Garten strömte. Karin konnte den Blick gar nicht abwenden und zeigte sich wortkarg, sodass die alte Dame sich selbst weitere Eindrücke beschaffen musste und von der Küche in das Wohnzimmer wechselte, welches auf der anderen Seite des Hauses lag.

Um Gottes Willen!“, hörte es Karin da aus dem Wohnzimmer rufen. Natürlich ging sie sofort dorthin, woher der Ruf kam, denn sie war gespannt zu hören, was denn nun schon wieder Gottes Wille war. In sich grinsend und wohl gelaunt, betrat sie den großen Wohnraum, in dem zwei sehr große Fenster den direkten Blick in den weiten Garten ermöglichten. Es dauerte einige Sekunden bis Karin realisierte, dass der Regen von dieser Seite – mit voller Wucht gegen das Haus klatschte. Hier im Wohnzimmer war der Garten kaum noch zu sehen, da das Wasser, welches die Dachrinne aufgrund der Fülle nicht mehr fassen konnte, wie ein dichter Vorhang die Aussicht begrenzte. Unter einem der großen Fenster in dem Zimmer, bildete sich eine Pfütze. Dort war das Wasser schon einmal vor 4 Jahren eingedrungen, als eine Art Wirbelsturm das Gebiet im Herbst durchfuhr.

Wie gebannt betrachtete Karin das Naturschauspiel vor den Fenstern und wollte gerade in die Küche gehen, um einen großen Lappen für die Pfütze zu holen, als sie sich an die geöffneten Fenster in der oberen Etage erinnerte. Sie brauchte nicht denken, um zu fühlen, dass dies Vorrang hatte. Schon am Treppenaufgang hörte sie, wie das Wasser oben auf das Laminat des Bodens plätscherte. Dort angekommen sah Karin, dass sich im ersten Zimmer bereits eine große Pfütze auf Boden unter dem Fenster gebildet hatte. Schnell ging sie zum Fenster, drückte es zu und drehte den Riegel hoch. Dann eilte Karin in den Nachbarraum. Dort waren beide Fenster im Raum angekippt und etwa drei Quadratmeter des Bodens hatten sich bereits mit Wasser bedeckt. Insbesondere in die Ecke, in welcher die Mehrfachsteckdose lag, war viel Wasser geflossen.

Während Karin noch immer ruhig und gelassen überlegte, womit sie beginnen sollte, den Boden wieder zu trocknen, klang es plötzlich aus dem anderen Raum herüber, als würde jemand dort eimerweise Wasser ausschütten. Sofort lief sie wieder nach nebenan und sah geschockt, dass sie zwar das angekippte Fenster geschlossen hatte, doch die nur angedrückte, also nicht verriegelte Balkontür übersah. Nun war es wiederum unglaublich, was Karin erlebte. Als ob Einer mit einem Löschschlauch direkt in das Zimmer und auf den Schreibtisch zielte, so heftig flutete der Regen hinein. Bis zu den Knöcheln stand Karin im Wasser – als es ihr schließlich gelang, die Tür trotz des Widerstands von Wasser und Wind, wieder ganz zu schließen. Danach stieg in Karin eine Flut von Gedanken auf und in ihrer Fantasie sah sie, wie das Wasser von der Decke in das darunterliegende Wohnzimmer tropfen würde. Doch noch bevor Karin die Panik erfassen oder sie irre werden konnte, beendete sie ohne Umschweife das Denken und räumte, rückte, rettete alles Greifbare – aus dem überschwemmten Bodenbereich des Raumes. Dabei fand sie auf Anhieb alles, was ihr dabei nützlich wurde und begann, wie eine Wischmaschine zu arbeiten. Es war ein Wettlauf mit der Zeit, denn das Laminat mochte kein fließendes Wasser.

Mittels Handtüchern, stark saugenden Tüchern und Beharrlichkeit beim Tun, gelang es Karin tatsächlich und dies ganz ohne ablenkende Gedanken, Stück für Stück den Boden, die Wände neben den Fenstern, den Schreibtisch und auch alles Elektrische darauf – wieder abzutrocknen. Nichts war kaputt gegangen. Zwischendurch beruhigte sie zweimal die alte Dame, welche desöfteren unten an der Treppe stand, nach Karin rief und ängstlich nach oben sah.

Zwar war Karin klar, dass da auch noch die Pfütze unter dem Fenster im Wohnzimmer auf sie wartete und ebenfalls, dass im Keller mit hoher Wahrscheinlichkeit, auch Wasser abzupumpen sein würde, doch wenn sie die obere Etage wieder trocken bekam, war das Andere nur noch ein Klacks.

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Genau so hat es sich dann auch entwickelt und obwohl Karin vier Stunden ohne Unterbrechung aktiv war, fühlte sie sich nach dem Abschluss aller Arbeiten total frisch und zufrieden. Auch ging sie noch ein paar Mal zwischen den beiden am Stärksten betroffenen Zimmern hin und her, erinnerte sich an die Fülle des Wassers und erfreute sich still – an dem nun wieder trockenen Anblick. Nirgendwo war ein Schaden entstanden und alles blitzte und strahlte rein. Karin hatte die Kraft in sich gefühlt, alles zu tun – was getan werden musste und war dem nachgekommen. Dann erinnerte sie sich plötzlich daran, was geschah – bevor das ganze Schauspiel begann und ihr die Intuition geraten hatte, die Fenster sofort zu schließen. Karin hatte nicht darauf gehört und musste das Versäumnis mit viel Aufwand ausbaden. Sie hatte nicht auf ihr Innerstes gehört, sogar über dessen scheinbares Misstrauen in ihr dauerhaftes Glück gelacht. In diesem Moment wurde Karin ohne weitere Bedenken klar, dass dieser ganze Vorfall ihre Antwort war. Die Antwort, die ihr das Leben, Gott oder auch die Liebe gegeben hatten, bezüglich des von Karin bevorzugten Zweifels an sich selbst.

Sie hatte alles richtig gemacht, es war keinesfalls ein Fehler, der liebevollen und sanften Stimme im Innersten zu folgen. Das mit dem grünen Zweig, war in diesem Moment gar nicht mehr wichtig. Ein Lächeln überzog Karins Körper, und sie atmete ganz tief in sich. In dieser Nacht schlief sie so entspannt ein, wie noch nie zuvor. Ich bin frei, waren dabei ihre einzigen Gedanken.

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* Teil 5 der Reaktionen wurde noch nicht veröffentlicht.

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