Konstanten

von C. Luxus Lazarz

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„… Die einzige Konstante im eigenen Leben,
von Beginn an bis zum Ende,
bleibt der Mensch selbst.
Um ihn herum ist alles variabel,
sogar sein Körper entpuppt sich
als unberechenbar.“*

 

Weil das Vorstehende überprüfbar wahr ist und auf jeden Menschen zutrifft, kann man somit in aller Beschaulichkeit entlarven, in welchen Situationen des Lebens man selbst – die eine Konstante im Ozean der Variablen ist. Dies im Besonderen zum eigenen Leidwesen und jenem der Anderen, die wie beschrieben variieren können, jedoch in uns scheitern. Nicht an uns, den man hält ja keinen Menschen bildlich immer an der Hand zurück. Jeder kann sich innerlich in alle Richtungen bewegen oder auch kleben bleiben, wo es ihm passend dünkt. Es gibt weder einen Zwang zur Zweisamkeit noch eine vorher bestimmte Einsamkeit. Das grundlegende Leben ist frei im Individuum verankert. Von seiner Natur her ist jeder Mensch vollkommen und bleibt es auch in sich.

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Gleichgültig, in welche Art von Gesellschaft und dem dort vorherrschenden Weltbild ein Mensch geboren wird, bleibt es der erste Ort des bewussten Erlebens und erscheint dem Kinde als normale Welt. So wachsen Kinder, die im Krieg geboren werden, rein körperlich genauso heran wie Kinder, deren Wiege in befriedeten Gebieten stand. Sowohl die Einen als auch die Anderen, kennen den Gegenpart ihrer Zeitqualität nur vom Hörensagen und aus den Zeugnissen der Vergangenheit. Um die Vorstellungskraft des Kindes anzuregen, werden dem Kind Bilder von Geschehnissen gezeigt, die vor der Zeit des Kindes passierten. Diese Bilder prägen sich in das noch absolut unbestellte Innenfeld der Erinnerung des kindlichen Körpers ein. Werden aufgesogen vom Bewusstsein des Kindes, wie schmutzige Wassertropfen von einem trockenen Tuch. Der Schmutz bleibt, bis ihn sich das Kind selbst von der Seele reibt, weil es in seinem Leben neue Dinge entdeckt, erkennt und als wahr annimmt. Dabei handelt es sich dann stets um Möglichkeiten, die kein Mensch aus dem einstigen Umfeld des Kindes – jemals zuvor für sich in Betracht zog.

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Solange man den Anderen als den Anderen wahrnimmt, kann dieser sich niemals so zeigen, wie man ihn sich stimmgewaltig oder auch heimlich ersehnt. Denn in der Tiefe besehen, gibt es den Anderen gar nicht, wenn die ganze Welt aus winzigsten Teilchen besteht, die alle – laut den Forschungsergebnissen von Physikern – konstant verbindlich miteinander agieren.

Dennoch, es ist ein arger Missklang in der Welt, der überall dort anschwillt und beinahe unerträglich wirkt, wo Menschen einander bekämpfen, egal ob im Wettbewerb, in der intimen oder kollegialen Beziehung. In der Kindheit wurde mir erklärt, dass der Mensch das oberste Glied einer Kette ist, deren Teile essbar sind. Der Menschen Denken wird in Bahnen gelenkt, in denen Wissen fließt, das als gesichert gilt, wobei es aus Zeiten stammt, in die Mensch nicht reisen kann, weil sie bereits vorüber waren, bevor sein Leben begann. Sollte es dort im Vergangenen wahrhaft etwas gegeben haben, was dem Menschen von heute noch nicht selbstverständlich ist? Etwas, das er braucht, um jetzt zu leben? Muss ein Mensch die Vergangenheit anderer Menschen kennen, um seine eigene Zukunft zu erschaffen?

Da es aus logischem und fühlbarem Grund einen Anfang gegeben haben muss, fragt man sich doch, wie die Ersten überleben konnten, wie der Mensch sich überhaupt entwickeln konnte, wenn er stets nach Hinten sah? Laut Darwin standen da nur Affen und was hätten diese dem Menschen schon vormachen können? Das können wir wirklich nur erraten, denn selbst nach 1000 Studienjahren des Vergangenen, bleibt uns dieses kaum begreifbar.

Adam und Eva hatten zumindest Gott, der ihnen schon eine leicht verständliche Gebrauchsanweisung – für die fachgerechte Nutzung des Garten Edens – verlautbarte. So ganz ehrlich und ohne allen Schmu, irgendwie ist mir diese Version der Herkunft des Menschen wahrlich angenehmer und beinahe ans Herz gewachsen. Dennoch kann ich mich an Derartiges genauso wenig erinnern, wie an den weisen Rat der äffischen Vorfahren. Hier sind sich sogar Vernunft und Gefühl in mir einig, dass es da zumindest noch eine weitere Möglichkeit gegeben haben muss. Denn sonst wären wir ja nicht.

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Konstant im Irrtum befangen ist wiederum jener, der mitteilt: Dies ist mein Land, mein Volk. Denn das All mit allem darin, gehört nur dem Einen, der die Erde als Raum für das Leben gab, bevor irgendein Mensch damit begann – zu zerteilen, zu verteilen, Anspruch zu erheben, auf das was er nie besaß.

Konstanter Besitz eines Menschen, der wahrlich nur ihm gehört, sodass er diesbezüglich auch frei verfügen und mein sagen kann, stellt dessen Bewusstsein dar, seine Individualität, sein Einfallsreichtum, sein gefestigter Wille und das in sich geeinte Ich. All dies kann ein Mensch stets mit sich nehmen, ohne das es ihm ein Anderer streitig machen könnte.

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Konstante im Leben jedes Menschen ist auch das Licht, welches ihn alltäglich um- und durchfließt. Dieses Licht war bereits da, bevor der Mensch sich selbst darin entdeckte. Das Licht ist somit die ursprüngliche Heimat von allem lebendigen Dasein. Denn alles – was im Licht erscheint, kann letztendlich nur aus diesem gemacht worden sein. Kostenlos leuchtet es hell in der Natur allen Menschen bei Tag und sanft in der Nacht, damit die grellen Augenblicke des Tages in den Hintergrund gleiten, sodass der Geist das Innerste nun sanft und ungetrübt für klare Einsicht nutzen kann. Allumfassend eintaucht, in die Tiefe und Weite der eigenen Erfahrung, um wahrlich zu verstehen, was ihm da zufiel.

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* Gefunden in dem Poem „Friedensreich“ von Friederica Locke