Informationsaustausch

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Als Kind habe ich mich so gut wie nie, auf die Bettzeit gefreut, nur dann und wann, wenn ich wusste, dass der nächste Tag Überraschungen, Neues und viel Bewegung versprach. So zum Beispiel in der Nacht vor dem Geburtstag und auch, wenn sich lieber Besuch angekündigt hatte, oder der Heilige Abend vor der Tür stand. Doch gleichgültig wie gewöhnlich sich der nächste Tag auch zeigte, bis Mittag im Bett bleiben zu wollen, weil da einfach keine Lust zum Aufstehen war, kam mir nie in den Sinn. Es war sogar kaum auszuhalten, wenn man mal wegen Krankheit das Bett hüten musste. Doch wenn meine Eltern sagten, dass es Zeit zum Schlafen sei, dann ging ich und schlief – wie auf Befehl. Eine Erinnerung, die mich heute sehr erstaunt.

Ab der Teilnahme am Schulunterricht änderte sich einiges, denn als kleiner Mensch hatte ich die Pflicht ‚geschenkt‘ bekommen, früh aufzustehen und zur Schule zu gehen. So manches Mal hätte ich schon gern eine Stunde länger zum Schlafen gehabt, insbesondere im Winter, wenn es früh kalt und dunkel war und den wahrhaft Normalen, wohl kaum etwas vor die Tür locken konnte. Im 1. Schuljahr wurde die kleine Misslichkeit noch durch den Mittagsschlaf im Hort ausgeglichen. In dem Jahr wurde ich allerdings auch Jungpionier, und dieser hatte auch außerschulische Pflichten. So kann ich heute erkennen, das Kind, welches eingeschult wurde, war bereits ab dem 2. Schuljahr, nicht mehr das unbesorgte Kind, welches einst voller Freude zur Einschulung rannte. Damals war mir das natürlich nicht bewusst, auch meinen Eltern nicht oder anderen Verwandten, denn wir haben alle ausgezeichnet funktioniert, was das Ausfüllen der Vorgaben für menschliches Dasein im Land anbelangte. In meiner Erinnerung, bin ich die ersten vier Jahre allerdings gern zur Schule gegangen. Gern würde ich es noch einmal tun, und dabei ganz wach sein.

In der Jugend änderte sich diese Einstellung radikal. Das eigene Denken begann. Jedenfalls erschien es mir so, in Wirklichkeit machte ich auch nur das, was die meisten Jugendlichen in meinem Umfeld und auch im übrigen Land taten. Ich konnte nächtelang wach bleiben und sehr gut auch in den Tag hineinschlafen. Da waren Gedanken über Jungs, Aussehen und Figur, das verliebte Dasein, die Zukunft, in gewisser Weise fand in mir ein Informationsaustausch statt, welcher auch äußerlich – weder zu überhören, noch zu übersehen war. Und ich begann kleine Geschichten zu schreiben, zu dichten sowie in Stimmungen zu fallen, Fantasien, Emotionen und Selbstzweifel in mir zu züchten. Zwar gab mir der eine oder andere Mensch, scheinbar den Anlass zu Derartigem, doch gemacht habe ich das alles ausschließlich in mir selbst. Anders wäre es gar nicht gegangen. Damals wusste ich noch nicht, dass jeder Stempel, den ich mir selbst bestätigte, auch wieder abwaschbar ist. So war die freie Jugendzeit aufregend schön und erschreckend zu gleich, darüber hinaus viel zu kurz. Sehr schnell wurde ich berufstätige Mutter und hatte ab dann einen strickten Tagesplan, in dem keine Minute für eigene Gedanken übrig blieb. Der Schlaf kam immer zu kurz. Auch der Urlaub war geplant, doch nicht ganz so korrekt wie der Alltag.

16 Jahre später, die DDR war bereits seit 8 Jahren Geschichte, begann ich den Tagesplan zu lockern. Die Kinder wurden selbstständiger, sogar meine damalige Arbeitsstelle kam mir entgegen, denn man führte die Gleitzeit ein. Das war toll! Ab da konnte ich immer im Hellen zur Arbeit gehen, das Dunkel am Abend störte mich nicht, und im Sommer war es sogar bis nach 22 Uhr hell, sodass beinahe alles Leben im Licht stattfand, was für so ziemlich jedes menschliche Denken und Tun stets von Vorteil ist.
Doch ehrlich geschrieben, bekam dem strengen Wesen in mir – die Lockerung gar nicht gut, denn dieses lockere Leben schmeckte mir besser als alles Traditionelle jemals zuvor. Ich brauchte keinen Wecker mehr und verzichtete nach zwei Jahren radikal auf die Armbanduhr, was in der Großstadt wahrlich kein Problem darstellt. Man sieht überall Uhren, wie früher die Kirchtürme. Nun könnte ich schreiben, dass es ab da mit mir bergab ging, doch dies geschah nur äußerlich. Denn während ich ab dem 38. Lebensjahr, stetig mehr Hab und Gut losließ, auch durch seltsame Umstände und Trennungen verlor, blühte ich innerlich auf. Fand wieder zu mir selbst, den Träumen aus der Kindheit, der schönen Fantasie und Besinnlichkeit. Es hatte erneut ein Informationsaustausch in meinem Leben begonnen, der mich auch körperlich veränderte und sogar erneuerte. Es gab jetzt andere Wichtigkeiten, andere Beziehungen, andere Interessen, anderes Leben, ein neues oder weiteres Leben, egal wie man es nennt, es passiert – jedem. Erinnere dich und denk mal selbst.

Mit 42 Jahren war ich nicht mehr der pflichtbewusste Mensch, an den ich mich und das Umfeld zuvor gewöhnt hatte. Ich wurde allerdings dafür menschlicher, also einsichtiger und dies nicht nur Anderen gegenüber, sondern auch in mir selbst. Kann denn das falsch sein? Ich denke: Nein. Das menschlich Einfühlsame – in und durch sich selbst wahrlich erblühen zu lassen, ist beinahe jeden Verzicht wert.
Da in meinem Leben somit stetig mehr Raum frei wurde und ich nur vereinzelt versuchte, diesen wieder mit Altem und Gewohnheit zu füllen, wurde sehr viel Neues und mir noch Unbekanntes in meine Wahrnehmung gerückt. So passierte es auch, dass ich eines Tages Deutschland verließ und 9 Jahre in anderen Ländern verweilte, obwohl ich es mir nicht leisten konnte. Letzteres war jedoch nur ein Gedanke in meinem Kopf, und die Wirklichkeit belehrte mich eines Besseren. Das Ganze war von vorn bis hinten ein Abenteuer und gleichfalls wie eine zweite Jugend, sodass die Kürze der 1. – einen Ausgleich fand. Insgesamt bekam ich eine erfahrungsreiche Zeit geschenkt, die ich trotz anscheinender Entbehrungen, keinesfalls in meinem Leben missen mag; denn ich wurde mir einer Merkwürdigkeit bewusst: Was Hänschen nicht lernt, kann Hans jederzeit anders machen, um es mal sprichwörtlich zu beschreiben. Eventuell gilt das nicht für jeden, doch letztendlich sind alle Menschen aus demselben Stoff gemacht. Auch wenn die Muster darauf und darin, niemals haargenau gleich gewebt sind, denn jeder bringt ein eigenes Stück Einzigartigkeit mit auf die Erde, damit das Leben aller Lebewesen – noch reicher, schöner, bunter und erfüllter werde.

Zugegeben, an manchen Tagen könnte man stundenlang weinen, wenn man sieht, was da alles so geschieht, hinter den Menschen, auf ihrem Rücken, weil so viele sich immer noch bücken, um Geld, Anerkennung, Glück und Liebe mühsam aufzusammeln, aus den Bröseln der Welt. All dies sind nur kleine Krumen, welche kaum satt machen und schon gar nicht zufrieden. Das Weinen erleichtert natürlich im Innersten, doch der Welt da draußen – hilft es nicht. Hier und jetzt braucht es bewusst lebende Menschen, die die weite Welt und deren Auswüchse, nicht mit ihrem Leben verwechseln, oder gar diese mit Angst, Sorge und Furcht nähren. Also Menschen, die aus Freude, aus Ergriffenheit beim Anblick des Schönen weinen, oder vor Glück. Menschen, die natürlich darum wissen, dass sich niemand bücken braucht, um einen Apfel zu pflücken. So ein prall, saftiges Ding, nahr- und schmackhaft zu gleich, aus Licht, Leben und mit Liebe gemacht, darüber hinaus leicht gereicht – direkt von einem Ast des Apfelbaums. Man streckt die Hand aus und der Apfel fällt ohne Widerspruch – dem Menschen zu. All jenen Menschen, die Menschen sehen können, anstatt nur Ziele und Zahlen. Lebendige Wesen, die ihr Wohlwollen einfach dem Umfeld spenden, nachdem sie einen tiefen Blick in sich selbst senkten und dort ein Licht fanden, das nie verglüht.

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Der innerliche Informationsaustausch bewirkt Bewegungen, die mit den allgemein gewohnten Informationen – nicht vorstellbar sind. In etwa so wie für den Verliebten die Welt, mit einmal in allen Farben erblüht, und dies selbst dann, wenn er diese nur einen Moment zuvor – noch in den scheußlichsten Grautönen sah. Und die meisten Menschen wissen, das Schöne, das Blühende, all das Prachtvolle und auch die Liebe sind und waren schon beständig da, noch bevor – der nun Liebende, sich aus kaum erklärbaren Gründen ebenfalls bereit fand, es ab sofort auch zu fühlen und zu sehen. Also offen zu sein, für einen Informationsaustausch, bezüglich seiner eigenen Möglichkeiten – das Leben liebevoll und wahrhaft neu zu entdecken.

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