Reaktionen, Teil 2

von Luxus Lazarz

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In der Wahrnehmung eines Menschen sind es winzige Momente, in denen, den Augen verborgen, eine Macht wirksam ist, die dem eigenen Leben innerhalb weniger Sekunden eine vollkommen neue Richtung geben kann. Diese winzigen Momente passieren den Menschen nur in seinem Jetzt, weil er nur in diesem lebendig ist. Bleibt er wahrhaft im Gegenwärtigen, kann ein Mensch in Folge dessen wahrnehmen, wie jener Moment sich wie von selbst zu einer Erfahrung entwickelt, die er, der Mensch, nie wieder vergisst. Manchmal beginnt so ein Moment mit den Gedanken: Ich liebe dich. Eine weitere Möglichkeit zeigt sich durch die Worte: Ich entschuldige mich ... Was sich zum Beispiel derart verändern lässt, wird im Folgenden einsichtig gemacht.

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Es war einmal eine Frau namens Karin, die in einem großen Konzern arbeitete. Karin hatte einen Chef, dem sie jederzeit hilfreich zu Hand gehen sollte. Doch Karin mochte den Chef nicht. Dieser Chef war erst seit einem Jahr Karins Vorgesetzter. Auch war es nicht von Beginn an so gewesen, dass Karin diesen Menschen nicht mochte. Ebenso war es auch nicht der erste Chef im Berufsleben von Karin. Mit dem vorherigen Chef hatte sie wunderbar zusammengearbeitet. Von ihrem Wesen her zeigte sich Karin jedem Chef stets gern behilflich, denn sie wurde dafür bezahlt, dass sie tat, was der Chef wollte. Es war somit ganz selbstverständlich für Karin, dass sie für das Geld, welches sie bekam – auch die vereinbarte Leistung erbrachte.

Anfänglich fand Karin den neuen Chef sogar sympathisch und trat diesem offen sowie mit Neugier gegenüber. Innerhalb eines Vierteljahres offenbarte der Chef jedoch Charaktereigenschaften, die Karin nicht behagten. Der Mann zeigte keinerlei Mitgefühl, mit den – ihm beruflich untergeordneten Menschen. Auch der Chef von Karin hatte einen Chef, und seltsamerweise mochte der Chef von Karin seinen eigenen Chef ebenfalls nicht, weil dieser ihm stets Druck machte.

Neun Monate litt Karin unter den Launen des Chefs. Sie klebte Porzellan, wo er die Hoffnungen von Mitarbeitern zerschlagen hatte und fächelte jenen Luft zu, die der Chef mit unglaublichen Forderungen außer Atem brachte. Innerlich ärgerte Karin sich sehr, dass ihr die Hände gebunden waren. Zweimal hatte sie bereits das Gespräch mit dem Chef gesucht, diesem mitgeteilt, was er nicht hörte und sah. Der Chef verstand Karin jedoch nicht und nichts veränderte sich für die Mitarbeiter.

Daraufhin beschloss Karin, etwas für sich selbst zu verändern und bat um einen anderen Arbeitsplatz in der Firma. Sie erhielt eine neue Aufgabe und hatte beruflich nichts mehr zu schaffen, mit dem nun ehemaligen Chef. Allerdings begegnete Karin Diesem häufig in den Fluren des weitläufigen Dienstgebäudes. Fast immer ärgerte sie sich, wenn sie den Mann nur sah.
Auch kamen die gewohnten Kollegen zu Karin, um sich bei dieser über ihren ehemaligen Chef zu beschweren sowie Karin ihr Leid zu klagen, natürlich über die erfahrenen Ungerechtigkeiten. Das ging etwa vier Wochen so, dann wurde Karin etwas in sich klar. Sie sah ein, dass sie dem alten Chef, der ihr Grund für Ärgernis und scheinbare Hilflosigkeit gab, seit Wochen gar nicht mehr in ihrem neuen Büro unterstellt war. Diesem lediglich in den Fluren des Gebäudes begegnete und dies genau so, wie am Tag ungefähr 1000 anderen Menschen. Doch nur über diesen einen Menschen, der keinerlei Bedeutung mehr für ihr Leben hatte, dachte Karin sehr häufig nach. Obwohl die einst kaum ertragene Nähe, im Gegenwärtigen gar nicht mehr gegeben war, blieb der Mann die ganze Zeit im Kopf von Karin fühl- und sichtbar.

… und das war so, weil Karin es selbst gewählt hatte, derart und nicht anders zu denken.

… und es war so, weil Karin nicht loslassen wollte von einem Problem, welches sie nicht lösen konnte und welches auch nicht mehr das ihre war.

Somit war es gar nicht der Mann oder dessen Tun, was Karin quälte, es war Karin selbst, die sich nicht von den Gedanken löste, welche für ihr gegenwärtiges Leben belanglos waren. In ihrem Geist ließ Karin nicht los und wunderte sich dann, dass im Außen nichts vorüberging. Weiterhin sah Karin ein, dass sie es war, die permanent über den Anderen unangemessen und übel gedacht hatte. Innerlich sah sie, wie sie kein gutes Haar an ihrem ehemaligen Chef finden konnte und allgemein mitklagte. All dies wurde Karin innerhalb eines winzigen Momentes bewusst. Diese Bewusstwerdung veränderte Karin und erweiterte in gewisser Weise ihr bisheriges Verständnis des Lebens.

Am Morgen des Tages, der Karins bedeutungsvoller Erkenntnis folgte, beschloss sie einen Impuls ihres Herzens auffangend, zu dem ehemaligen Chef zu gehen und sich direkt bei diesem, für ihr Verhalten zu entschuldigen. Genau betrachtet hatte Karin sich dem Chef direkt gegenüber nicht falsch verhalten, jedoch hatte sie hinter seinem Rücken wertend über diesen gedacht und auch gesprochen. Nur diesbezüglich wollte sich Karin bei dem Menschen und ehemaligen Chef entschuldigen. Es fühlte sich richtig an, dies zu tun.
Das Leben schien Karin in ihrem Vorhaben sogar zu unterstützen und stellte die Weichen. Im Laufe des Arbeitstages bot sich Karin eine überraschend günstige Gelegenheit, die diese entschlossen nutzte. Der ehemalige Chef nahm Karins Entschuldigung an und zeigte sogar Freude darüber. Nachdem Karin sein Büro wieder verlassen hatte, war die Angelegenheit nun für sie innerlich ebenfalls abgeschlossen.

Seltsamerweise ließ die Angelegenheit jedoch Karin im Außen nicht so einfach los. Immer noch kamen die ehemaligen Kollegen in Karins Büro und wollten klagen. Doch sie blieb ihrer Entscheidung treu und sprach nicht mehr mit den Kollegen über den bösen Chef. Es gab genug andere Themen und letztendlich war den Kollegen jede Abwechslung recht. So fragte Karin nie nach ihm und dachte auch nicht weiter über den Chefmenschen nach.

Im Verlauf der zweiten Woche nach Karins Entschuldigung, veränderte sich der Inhalt der Mitteilungen, bezüglich des ehemaligen Chefs. Jetzt erzählten ihr die Kollegen – mehr und mehr – nette Neuigkeiten über den einst Ungeliebten. Innerhalb von nur vier Wochen nach der Erkenntnis und Entschuldigung von Karin, wechselte die gesamte Stimmung in ihrem beruflichen Umfeld. Alles wirkte entspannt und blieb es auch. Nach diesen vier Wochen empfand Karin nur noch Erstaunen.

… und in ihr waren tausend Fragen – an das Leben. Ihr beruflicher Lebensraum hatte sich entspannt, nachdem Karin diesen – nicht mehr mit ihren eigenen Vermutungen sowie Meinungen füllte und beeinflusste. Danach hatte sich für Karin eine neue Wirklichkeit gezeigt. War dies die wahre Wirklichkeit?

Karin wollte nun mehr darüber wissen, wie der Mensch und sein Leben sich tatsächlich ergaben und dachte darüber nach, was sie bisher alles nur halb gesehen, verstanden und gemacht hatte. So hatte sie für Ziele gelebt und gearbeitet, die nach ihren eigenen Erfahrungen – gar nicht erreichbar waren, zumindest auf jenen Wegen, welche sie bisher ganz selbstverständlich nutzte. Denn Karin waren gar keine anderen Wege bekannt gewesen. Sie hatte die neue Möglichkeit, ihr Leben zu gestalten und wahrzunehmen, lediglich durch einen gedanklichen Zufall entdeckt. Jetzt wusste Karin mit einmal nicht mehr wirklich – was falsch und was richtig war, denn das Leben hatte ihr Merkwürdiges, Erstaunliches und noch weitere Möglichkeiten, es wahrzunehmen, nahe gebracht. So begann Karin ab diesem Zeitpunkt und im eigenen Auftrag, bewusst die Möglichkeiten des menschlichen Lebens zu hinterfragen, zu beobachten und nachzufühlen.

… und wenn sie mit Freude weitergeforscht hat, dann tut sie das * mit hoher Wahrscheinlichkeit * auch weiterhin freudvoll im Jetzt.

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