Konflikt Ade

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Allgemein handelt es sich um einen Konflikt, wenn zwei oder mehrere Menschen, Vorstellungen, Meinungen und so weiter, nicht miteinander harmonieren, sodass sich lediglich mit Abstrichen oder gar unter Zwang, ein Zusammenkommen realisieren lässt.

Die einfachste Lösung eines Konfliktes lässt sich wahrlich allemal bewirken, indem sich der Mensch – also dessen Erzeuger – vom konflikthaften Wahrnehmen abwendet. So gibt der Mensch dem Konflikt die Möglichkeit, sich selbst zu lösen. Das Abwenden beginnt selbstverständlich im Inneren des Menschen. Dort, wo er den Konflikt gestaltet, bedacht, geschürt und genährt hat. Er ist Mitschöpfer jedes Konfliktes, dessen er sich im Leben bewusst wird, sonst wäre ihm eine Teilnahme daran gar nicht möglich. Denn was ich nicht kenne, von dem ich nichts weiß, darüber kann ich mich auch nicht äußern. Genau betrachtet – existieren dann die Voraussetzungen für den Konflikt somit gar nicht in meinem Bewusstsein und dementsprechend auch nicht im direkten Umfeld. Genau deshalb ist Unwissenheit in mancherlei Hinsicht ein Segen.

Doch auch dem wissenden, liebenden und reifen Menschen gelingt es stetig leichter, die Feuer im eigenen Konfliktherd zu löschen. Dabei handelt es sich nicht, um eine vom einäugigen Ich verspottete Konfliktscheu, sondern vielmehr um realitätsnahe Menschen, die hauptsächlich ihrer Seele und den eigenen Empfindungen, anstatt dem Anschein oder einem flüchtigen Gewinn – zugeneigt bis verbunden sind.

Beendet ein Mensch in sich, die ernsthafte Vorprägung des äußeren Geschehens, wird er einsichtig. Dann kann er häufig erkennen, dass viele Konflikte auf Missverständnissen gründen und auch aus dem Beharren auf einer Sichtweise des Lebens erwachsen, die weder dem einen noch dem anderen Menschen wirklich dienlich sein kann. Stets ist das Ego, also das hauptamtliche Ich im Menschen – der Konfliktmacher, während die Seele sich nicht einmischt, da der Mensch nun einmal am intensivsten aus dem selbstständig eingesehenen Irrtum lernt. Im wahrsten Sinne lernt klar zu sehen, um sich somit aus allen Seltsamkeiten zu erheben, zu lösen, welche er sich, auch oft für sein Umfeld gleich mit, eigenköpfig ausgedacht, angedichtet und eingebildet hat.

Wer Konflikte durch fühlbare Einsicht in sich enden lässt, hilft damit nicht nur sich selbst, sondern auch dem Nächsten, da derartiges Verhalten gleichfalls zur wachsenden Harmonie zwischen allen Menschen beiträgt. Nahrung für die Seele eines jeden Menschen sind Begeisterung, Freude, Stille und harmonischer Klang. Beharrliche Streiterei nährt lediglich den Schatten, welchen das Ich des Menschen – häufig bedingt durch Leichtgläubigkeit – über das eigene Leben wirft. Allgemein bekannt ist jedoch auch, dass alle Schatten Gaukler sind.

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Um sich aus der dichten Materie des Konfliktstoffs, mit wachsender Begeisterung herauszuarbeiten, gibt es in unserem Umfeld menschliche und tierische Lebenspartner. Diese eignen sich im wahrsten Sinne des Wortes hervorragend, um sich selbst und zahlreiche Eigenarten der Spezies Mensch und Tier – mit tiefen Erstaunen und überraschend viel Heiterkeit zu erkunden. Als Lebenspartner sehe ich in diesem Zusammenhang jeden Menschen sowie jedes Tier, in dem mir gewohnten Umfeld an, mit denen – aus welchen Gründen auch immer – meine Gedanken beschäftigt sind. Also lebendige Wesen,  die sich mit mir über alles Mögliche austauschen, oder sonst wie unausweichlich mit mir verkehren, also ein Bestandteil des alltäglichen Lebens sind.

Um den Einstieg in die Erkundung leicht zu vollziehen, empfehle ich dem Lesenden sich an ein Spiel, aus längst vergangenen Tagen zu erinnern: „Ich sehe was, was du nicht siehst“. Denn bei der angeregten Erkundung, handelt es sich um diese Art Spiel, nur in einer erweiterten Version, die mehr den Bedürfnissen des Erwachsenen entspricht. Darüber hinaus stets auch bleibende Eindrücke erzeugt, die oft mehr als Gold wert sind.

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Beobachtetes Beispiel beim Anderen

In einer Zeit, in der mir das Wünschen noch nicht geholfen hat, lebte ich in einer Wohngemeinschaft mit einem Freund. Dieser Freund war in mancher Hinsicht ganz anders dem Leben gegenüber eingestellt, als dies auf mich zutraf. Im Großen und Ganzen fand ich daran keinerlei Anstoß, doch manche Verhaltensweise wunderte mich. Damals war ich ein ziemlich ordentlicher Mensch und hatte mich innerhalb von vier Wochen, nach meinem Einzug in die neue Gemeinschaftswohnung, beim Einwohnermeldeamt als ansässig eintragen lassen. Absolut ordentlich wäre natürlich bereits innerhalb der ersten 14 Tage gewesen. Doch die kleine Verspätung wurde auch nicht moniert.

Alle Erfahrungen, die ich in meinem Leben mit Menschen hatte, die bei der Polizei arbeiteten, sind stets freundlich und ohne Druck verlaufen. Was wohl hauptsächlich darin begründet liegt, dass ich so erzogen worden bin, dass die Polizei mein Freund und Helfer ist und keinesfalls ein Feind. Ich sag es mal ganz lax, dementsprechend zeigte und zeigt sich mir auch die Welt und dies gleichgültig, in welchem Land ich mich bis heute aufhielt.

Der Freund wiederum, hatte da eine harte Meinung, was diesen Berufstand anbelangte. Und er hielt daran fest, teilte es mit, wo immer sich die Gelegenheit anbot. Wie er zu dieser Ansicht kam, hat er mir stets nur mit einem Brabbeln beantwortet.

Irgendwann lebten wir bereits mehr als ein Jahr in der gemeinsamen Wohnung, als auch der Freund sich entschloss, an diesem Tag zum Einwohnermeldeamt zu gehen und sich dort ordnungsgemäß anzumelden. Dieser Entschluss bereitete ihm offensichtlich schlechte Laune, denn während er sich die Schuhe anzog, zischte er einige Worte durch die Lippen, deren Wiederholung ich hier als verzichtbar erachte. Deutlich wies er mich darauf hin, dass er so überhaupt keine Lust hätte, … DIE zu sehen. Endlich trottete er durch die Haustür davon, und ich konnte mich schöneren Dingen zuwenden.

Das Einwohnermeldeamt befand sich nur etwa fünf Minuten zu Fuß von unserer Wohnung entfernt. Dennoch war ich doch etwas erstaunt, als der Freund bereits nach einer Viertelstunde wieder die Wohnungstür aufschloss.

Sofort berichtete er, dass DIE ihn mal kreuzweise könnten, zwar hätte er gar nicht warten müssen, doch die Beamtin, der er plötzlich gegenüber saß, konnte ihn von Beginn an nicht leiden. Sie hätte nur einen kurzen Blick auf seinen ausgefüllten Antrag getätigt und dann darauf hingewiesen, dass ihn diese verspätete Anmeldung bis zu 1000 DM Bußgeld kosten kann. Der Freund war daraufhin derart geschockt, dass jegliche Rebellion in ihm sofort erstickte. Geistesgegenwärtig griff er sein Formular vom Schreibtisch und sagte, dass er noch seinen Geldbeutel holen müsse und dann später wiederkäme. Angeblich rief die Beamtin ihm nach, dass er dann wieder eine neue Nummer bräuchte.

Der Freund war nun offensichtlich mit den Nerven am Ende und ich wiederum, sehr über die Höhe des möglichen Bußgeldes verwundert. Dennoch redete ich dem Freund zu, die Sache endgültig hinter sich zu bringen, denn eventuell könne das Bußgeld sogar noch höher ausfallen, wenn er weiterhin zögerte. Gleichfalls wies ich ihn noch darauf hin, dass er ja nur Gewohntes erwarte und dementsprechend gar nichts Anderes sehen wollte. Derart gibt der Mensch seiner verhärteten Meinung, stets den Vorrang vor der Wirklichkeit. In der Vergangenheit hatten wir bereits mehrere Gespräche über sein Bild vom Ordnungshüter geführt, und er wusste sofort, worauf ich da anspielte. Er überlegte auch nur eine kurze Zeit und nickte mir schließlich zu. Dann ging er erneut und war etwa 20 Minuten später wieder da.

Im zweiten Anlauf hatte ihn die gezogene Nummer in einen anderen Raum gerufen, wo zwar wieder eine Beamtin für ihn zuständig gewesen sei, doch nicht jene vom ersten Mal. Diese Neue sei ihm gleich sympathisch gewesen. Sie hätte sich ebenfalls das ausgefüllte Formular angesehen, doch den Freund lediglich darauf hingewiesen, dass darin an einer Stelle noch eine Unterschrift fehlen würde, nämlich die des Vermieters. Der in diesem Fall der Hauptmieter der Wohnung – also ich war. Die Unterschrift tat sich rasch und guter Dinge zog der Freund nun ein drittes Mal los, um die Sache abzuschließen.

Trotz aller Aufregung gelang es mir, mich wieder anderen Dingen zuzuwenden und dieses Mal verging eine ganze Stunde, bis ich den Freund wiedersah. Er hatte nun alles erledigt, war seinen Bürgerpflichten nachgekommen und musste letztendlich gar kein Bußgeld bezahlen. Dies hatte sich wie folgt ergeben.

Durch die sanfte Wendung der Dinge, war er innerlich freundlich gestimmt und hatte sogar einem Polizeibeamten, beim dritten Betreten des Amtsgebäudes an diesem Tag den Vortritt angeboten, während er die Tür aufhielt. Am Warteraum zum dritten Mal angekommen, zog er routiniert eine Nummer und setzte sich in den zwischenzeitlich prall gefüllten Raum. Dort nahm er sich die Zeit, still die Wartenden zu beobachten und alles Weitere auf sich zukommen zu lassen. Das Beobachten nahm ihn so in Anspruch, dass er gar nicht bemerkte, wie die Zeit verging und schon saß er wieder vor einer Beamtin, die er auch noch nicht kannte. Diese sei jünger als ihre beiden Vorgängerinnen gewesen und hätte engelgleiches Haar gehabt. So beschrieb er die Amtsträgerin. Lächelnd hatte er ihr das Formular auf den Tisch gelegt und weiter lächelnd dabei zugesehen, wie sie nach einem Kugelschreiber griff und auf dem Formular etwas änderte. Danach hätte die engelsgleiche Beamtin ihn angeblickt und darauf hingewiesen, dass sie den Fehler bei der Jahreszahl des Anmeldedatums korrigiert habe. Der Freund hatte dem nicht widersprochen, und nachdem alles Weitere geregelt war, sei er irgendwie schwebend nach Hause gekommen.

Ich freute mich mit ihm, und wir haben uns noch oft gegenseitig an diese erstaunliche Erfahrung erinnert, die offensichtlich machte, dass man von Mensch zu Mensch gesprochen, den Kurs immer wieder ändern kann, weil dann auch die Seelen mitspielen.

 

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Erkenntnis

Die offensichtlichen Konflikte des Anderen sind mit Abstand gesehen, weitaus leichter zu sichten, als die eigenen, also in uns schwelende Konfliktherde. Doch der kleine Aufwand lohnt sich allemal, zumal sich dadurch eine wahrhaft beispiellose Qualität des eigenen Lebens entfaltet. Vor etwas mehr als 13 Jahren war ich zum Beispiel noch ein Schaf und machte immer Mäh, Mäh, wenn mir irgendetwas gegen den Strich ging. Heute weiß ich, dass jedes Mäh, Mäh – von irrelevanten Ängsten in mir ausgestoßen wurde. Diese gaukelten mir vor, dass das Mäh, Mäh ausschließlich dem Stärken meiner Position diente. Da ich jedoch eine schlechte Position gewählt hatte, half mir das überhaupt nicht weiter. Eher passierte das Gegenteil, je mehr Mäh, Mäh  ich in den Raum gab, umso unangenehmer empfand ich mich selbst darin. Als ich jedoch begann, mir selbst beim Reden zu zuhören, fiel es mir ganz leicht, mich von dieser unangenehmen und keinesfalls nützlichen Gewohnheit zu lösen.

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In Filmen und Serien wird dem Menschen häufig suggeriert, dass Konflikte eine unvermeidliche Realität in seinem Leben sind. Doch wenn man nicht einfach nur nachahmt und wiederholt, sondern vielmehr mal ohne Erwartung, Absicht oder Vorstellung eine Situation angeht, kann man tatsächlich darin häufig all das Komische und auch Dramatische entdecken, was zwar zu einem Theaterstück gehört, doch keinesfalls in das wahrhafte Leben des Menschen. Denn dieses ist keine Bühne, die am Morgen still liegt und erst am Abend beleuchtet wird. Hier kann man rund um die Uhr seinen eigenen Film drehen, die eigene Vorstellungskraft wirken lassen und so Erfahrungen generieren, die zwar unverständlich schön für den Theatergänger sind, doch den Lebendigen anregen – nach dem Unendlichen zu streben.

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