Erfolge 2

von Luxus Lazarz

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Die Eltern, mit deren Hilfe ich in die Welt auf der Erde eintrat, waren zum Zeitpunkt meiner Geburt noch selber junge Menschen. Die Mutter war 19 und der Vater 22 Jahre alt. Nun könnte man dies als Nachteil ansehen, doch in Wirklichkeit war es genial, denn die Beiden waren noch nicht so weit entfernt von ihrer eigenen Kindheit und steckten in gewisser Weise, sogar noch voll in ihrer Jugend drin.

So befanden sich meine Eltern noch in der Ausbildung und konnten dementsprechend, nicht beständig die Aufsicht über mich haben. Also hatten sie gar keine Zeit, mich früh nach ihrem Vorbild zu prägen. Die Lücken ihrer Abwesenheit, wurden durch die zwei Omas gefüllt. Die eine Oma hatte das Schaustellergewerbe. Mit den Pack- beziehungsweise Wohnwagen, war die Oma mit der Familie von Ostern bis Weihnachten in den oberen Bezirken der ehemaligen DDR unterwegs. Die Karussells und Schaubuden wurden in vielen kleinen Orten auf- und wieder abgebaut. Die andere Oma wohnte in derselben Stadt, in der auch die Schaustelleroma ihr Winterquartier hatte. Diese Oma war ganzjährig sesshaft und lebte in einer kleinen Wohnung, zu der auch ein Gärtchen gehörte, in dem ich viel gegossen und geerntet habe. Die Oma war Witwe, Mutter von vier großen Söhnen und lebte allein. Die andere Oma wiederum war niemals allein. Stets waren da die 3 Geschwister meiner Mutter, die dem Vorbild der eigenen Mutter gefolgt waren und ebenfalls als Schausteller arbeiteten. Diese wiederum hatten Ehepartner und auch Kinder, die alle 1 bis 3 Jahre jünger als ich waren. Und dann gab es auch noch Angestellte, die familiären Anschluss hatten und mit im Winterquartier wohnten. Ein Einfamilienhaus mit 6 Räumen, einem Bad mit einem Klo, einer großen Küche und Flur. Enger Wohnraum, den sich 20 Menschen teilten.

Und diese abenteuerliche Mischung der frühen Erfahrungen meines Daseins, war grandios. Denn dadurch kam ich mit kindlich reinem Geist, in den Genuss der Anschauung vieler Welten, was wohl im wahrsten Sinne maßgeblich zur aufgeweckten Art, des durch mich wirkenden Verstandes beigetragen hat. Der beständige Wechsel fand in den ersten 6 1/2 Lebensjahren statt, bis sich im September 1969 die Schule einmischte und mir nur noch die Ferien und später auch Wochenenden, zum Leben bei den Omas blieben.

Mit den heutigen Maßstäben des materiellen Standards betrachtet, war meine Kindheit materiell arm. Ich wiederum erinnere mich an eine Welt der Liebe, des Vertrauens, des bewussten Tuns, der mustergültigen Ordnung, Gerechtigkeit und in gewisser Weise auch Disziplin im Abenteuer, da es stets ein Ziel gab, das erreicht werden wollte. So war diese Kindheit und auch ich darin, zur damaligen Zeit in vielfältiger Weise reicher als dem Materialisten jemals vorstellbar sein kann. Es hat mir nie an etwas gemangelt, nur einige Male an der Einsicht, dass ich das Gewollte keinesfalls brauchte. Überwiegend war ich lieb, freundlich, arbeitsam und anpassungsfähig, doch es gab auch Ausnahmen, wenn ich mich ungerecht behandelt fühlte und es bis auf mich, kein Mensch verstand. Es kam jedoch in der Kindheit selten vor, dass mir Hörner wuchsen.

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Jede Kindheit ist einzigartig und das Fundament des folgenden Lebens für den Menschen. Einzigartiges lässt sich mit nichts vergleichen. Das gilt für die Kindheit und all jene darin gemachten Erfahrungen eines jeden Menschen. Wen nicht der Storch gebracht hat, der ist mit hoher Wahrscheinlichkeit punktgenau gelandet. Eventuell hat ein Mensch heutzutage nicht viel, doch ohne seine Kinderjahre hätte er gar nichts.

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Auch wenn der Gedanke mir als Kind noch unbekannt war, hatte ich damals erstaunlich mehr Selbstbewusstsein als in den folgenden 35 Jahren des sogenannten Erwachsenseins. Klar und fühlbar kann ich mich daran erinnern, wie ich öfter in Gedanken kleine Spiele trieb, um deren Wirkung in meiner Realität, in mir vor zu testen oder gar zu verfeinern. Ich wusste in einfacher Art genau, wie ich meinen Willen bekam und auch manchen Wunsch außerhalb der Reihe erfüllt, auch gab es kein Versteck im Raum, dass ich nicht finden konnte. Damals nahm ich den Zusammenhang darin, dass wenn der Mensch in sich nichts versteckt, ihm auch im Raum nichts verborgen bleiben kann, selbstverständlich noch nicht wahr. Das Leben passierte einfach. Gab man mir eine Aufgabe, kam da nie in mir ein Zweifel hoch, dass ich deren Erfüllung nicht gewachsen sein könnte. Denn sonst hätte man mir wohl kaum die Aufgabe übertragen. Genauso ist es mit dem Leben. Das Göttliche gab es mir, weil es weiß, dass die Seele in mir – nichts falsch machen kann. All dies erscheint mir nun so fühlbar logisch, dass ich heute verstehe, warum ich als Kind über so etwas gar nicht nachgedacht hab.

Dennoch war ich mir damals noch meines Innenlebens bewusst, meiner Gedanken, Überlegungen und Vorgänge, die dem in der Außenwelt präsentierten Verhalten oder Handeln vorausgingen. Ich war mir meiner selbst bewusst, meines inneren Wesens und jenem, was sich daraus in Folge um mich herum ergab, tat, zeigte, offenbarte, erkenntlich machte.

In der Schule, in welchem Jahr weiß ich nicht mehr, gab man mir dann eine neue Möglichkeit, das Wort Selbstbewusstsein mit Begreifen zu erfüllen und ganz anders wahrzunehmen, als es geschrieben ward. Nämlich am Äußeren festzumachen, jenes Bewusstsein von mir selbst, die ich doch im Innersten bin. Durch Vergleich und sich daraus ergebende innere Stärke, wollte ich mich formen, dem Maß des Tages ausgeliefert, ein Maß was flüchtig ist und das Selbst im Außen verunsichert.

Doch pures Selbstbewusstsein war nach moderner Auslegung, das Ausstrahlen einer unerschütterlichen Gewissheit, Sicherheit und Kraft. Gleichgültig nun, ob in Wort oder Tat, ein selbstbewusster Menschen ließ sich keinesfalls, einfach mal so die Butter vom Brot nehmen. Da es der Maßstab der Vielen war, verließ ich ohne Reue jenen mir bis dahin vertrauten Pfad, nämlich der inneren Begutachtung von all jenem, was mich wirklich bewegte. Selbstverständlich lernte ich: Zu tun als ob … Immer wieder war ich selbst erstaunt, wenn man mir Selbstbewusstsein bescheinigte, mir angeblich sogar ansah, wo in mir keines war.

Dennoch waren es Komplimente für die Täuschung in mir. Diese Komplimente hab ich geliebt, im Inneren war ja nichts, also musste ich einsammeln, nehmen und greifen, was das Leben mir in vielfältiger Form anbot. Die Tropfen der Komplimente nährten die Täuschung in mir und um mich. Das Echte wurde 30 Jahre lang ausgehungert, denn keine Täuschung kann einen echten Hunger stillen. Dies ist so, da das Leben Bewegung ist, Bewegung im Inneren und anhängig im Äußeren, sodass die Täuschung keinen Bestand haben kann, oft sogar flüchtig ist.

So kommt der Mensch zwangsläufig irgendwann an einem Punkt im Lebensraum an, von dem er alles – was war und alles was ist, in einem überschauenden Blickwinkel sieht. Dann öffnet sich in seinem Innersten ein Raum und es passiert, was bereits in dem antiken Sprichwort offenbart ist: Nichts bleibt verborgen, alles kommt ans Licht.

Nun fühlen wir unsere wahren Erfolge, die Irrtümer, welche den Niederlagen vorausgingen und sehen auch ein, dass manche Niederlage letztendlich der Boden für weitere Erfolge war. Man sieht seine Verfehlungen, die Härten, doch auch die Menschlichkeit, welche sich im Ernstfall niemals ganz ausblenden lässt. Man sieht, wie man Regeln für Andere machte und diese selbst brach. Mancher sieht, wie er glaubte Gutes zu tun und nur blind dafür war, dass daraus nichts Gutes erwuchs. Mancher sieht, dass das Böse erst gehen konnte, als man nichts Gutes mehr dagegen tat.

Je näher man der Unschuld durch Vergebung und Läuterung kommt, umso klarer erkennt man die Runden im eigenen Leben, welche man wie unter Zwang drehte, um nur eine Sache im Leben geregelt zu bekommen. Man sieht die Vergeblichkeit ein, es wahrlich besser machen zu können, als es bereits ist. Je näher der Mensch dem reifen Kinde in sich kommt, umso mehr verliert die Zeit über den Tag hinaus an Bedeutung für ihn. Genau wie einst im Kind, findet auch für den Geläuterten alles Leben im Gegenwärtigen statt. Das darüber hinaus, kann man noch gar nicht wissen und alles davor, ist für immer vorbei.

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Dies alles kann in einem Augenblick passieren, jedoch kann die Erinnerung auch häppchenweise kommen, denn manches Bild, manches Erinnern, ist innerlich gar heftig, dennoch  ist es unbeschreiblich und erweiternd, wenn die Täuschung in uns fällt und das Echte wieder den Raum ausfüllt. Der Mensch kann sich alles vergeben, denn nichts wurde durch ihn getan, was in aller Konsequenz keine Lehre  für das Ganze bilden konnte. Nichts war ohne brauchbare Folgen. Aus allem wurde letztendlich das Beste gemacht, weil mehr gar nicht geht.

Nach dem unbemerkten und vorübergehenden Verlust des echten Selbstbewusstseins, erscheint mir dessen Wiederentdeckung als der wohl bisher größte Erfolg in meinem Leben. In der alten Welt kam mir die Floskel zu Ohren, dass der Erfolg dort auf dem Menschen – wie ein Schatten lastet. Im Zustand des echten Selbstbewusstseins, empfinde ich den Erfolg als helles inneres Licht, das mich sanft bewegt – es täglich mehr leuchten zu lassen, fühlbar zu machen, um damit unbeirrt – geliebtes Leben auszudrücken.