Musshaftig

von C. Luxus Lazarz

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Aus dem Unbewussten steigt ein Bild empor, wird dies von des Menschen Vorstellungskraft ergriffen, eingefühlt, ausgestaltet und von der Seele mit Zukunft gesegnet, ist dies der Moment, in dem sich ein neues Ereignis im Leben des Menschen zu formen beginnt. Ausdruck wird, der in unser Leben findet, ohne dass wir nachfragen müssen, denn ewig ist ein Mensch auch der Empfänger des zuvor Gesendeten. Dies gilt sowohl im unsichtbaren als auch im sichtbaren Lebensbereich. Die Sphäre des Menschen zieht alles an, was zu ihm gehört. Aus ihm ursprünglich kam.

Manches offenbart sogar augenblicklich, dass es sich dabei um unsere eigene Suppe handelt, die wir – wie sprichwörtlich gewarnt – nun auslöffeln müssen. Wobei das Muss ein Kunstbegriff ist, welcher nur im Zusammenhang mit der eigenen Person, vorübergehende und wechselhafte Bedeutung erlangt. Vorübergehend und wechselhaft in jener Hinsicht, dass man sich selbst im Gaukel-Muss erkennt.

Der Rückblick im eigenen Leben offenbart, ursprünglich gab es nur das Kann. Dass wir auch müssen, hat das Ich sich selbst beigebracht und darüber hinaus, mittels Widerstand sinnlos gestärkt. Sich innerlich stets dessen bewusst zu sein, dass man nie muss, wenn man nicht kann, lockert die vor einem liegende Angelegenheit bereits etwas auf. Auch kann man sich dessen bewusst sein, dass wenn man müsste und nicht könnte, weil es da an Ausgängen fehlte – so manches Müssen nicht nur ein Kann – sondern gar ein wahrhafter Segen ist.

Sich dann erneut zu vergegenwärtigen, dass man keinesfalls muss, doch immer kann, wenn man dem Müssen Glauben schenkt, reißt noch mehr Licht in den Tag und dessen Einsicht, dass es wahrlich so ist, man muss nie wirklich, doch kann immer.

Fasst man dann zusammen, wie viel man selbst an Können in sich bereits gesammelt, entwickelt, entfaltet hat und wie wenig an unerlässlichen Muss – da nun geblieben ist, steht der Mensch bereits in der Tür zu einem weiteren Lebensraum. Dieser ist bar aller Finsternis. Alles passiert darin, damit wir verstehen können, untrüglich erkennen – warum uns zufiel, vor dem wir stehen und von dem wir sind umgeben. Jenes, das in uns zuvor das Muss bedingt hat, das gibt es dann nicht mehr. Dem kindlichen Wesen wieder nähergekommen, tut Mensch nun aus Freude, aus Mitgefühl, aus Einsicht und stetig weniger mit Verbissenheit – in ein offensichtlich zweifelhaftes Muss. Ohne Müssen kann der Mensch einfach liebevoll sein. Aufmerksam für die Möglichkeiten, die ungemusst erfahren-  sogar Welten bewegen können.

Niemand muss sich Verpflichten, Dinge tun zu müssen. Der Mensch glaubt nur, dass es so ist und so geschieht ihm – seinem Glauben entsprechend. Er lebt, wie er leben will, denn alles Müssen kann nur getan werden, wenn es einem Willen entspringt. Ohne wollen, müssen wir gar nichts. Solange jedoch ein Mensch glaubt zu müssen, kann das Müssen gar nicht enden. Lieben muss er nicht, das passiert ihm einfach. Das Leben ist echt großzügig.

So muss der Mensch, auch keinesfalls leben, sondern er kann und darf es, wenn er will. Dass er nicht will, dem widerspricht allemal seine Lebendigkeit. Es ist selten die Welt, die der Mensch nicht weiter ertragen kann, sondern seine Sicht von dieser und sich selbst darin. Eingemauert in seiner engen Wahrnehmung, dabei sich mittels manchem leicht durchschaubaren Muss, dieses einzigartig schöne Leben vergällend, sich selbst mit Irrsinn narrend.

Zwar muss nicht, doch dafür kann – sich jeder dessen gewiss sein, solange sein Herz sich bewegt, ist er geliebt und muss gar nichts dafür tun, dass es so bleibt.

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Der vorstehende Text bezieht sich auf die Wahrnehmung des Lebens durch Erwachsene. Alles Müssen, welches zwischen Eltern und Kind vorübergehend gebildet wird, bleibt davon unberührt.

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