Am letzten Tag im Februar

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Gestern um die Mittagszeit, begann es hier vor Ort zu schneien. Begleitet, oder passender beschrieben – in den Ort hinein getrieben – wurde der Flockenwirbel von einem schneidend kalten Nordwind. Dieser Schnee war ganz fein, in winzigen weißen Flöckchen landete er – wie aus Säcken geschüttet – auf dem grünen Rasen, auf Büschen, Dächern, Autos und Straßen. Alles wurde nach und nach geweißt, dick gepudert mit Tausenden der winzigen Flöckchen. Der Wind tanzte dabei weiterhin über die zuvor grünen Flächen und blies stetig aufs Neue in das frische Weiß, sodass sich immer wieder Wolken aus reinem Schnee erhoben und an anderer Stelle niederkamen.

In der Nacht schneite es weiter, und am Morgen – also Heute – betrug die Höhe der Schneedecke beinahe 25 Zentimeter. Staunend stand ich am Fenster. Soweit der Blick reichte lag Stille auf dem Land. Ein derart dichtes Winterkleid habe ich seit mehr als 20 Jahren nicht in echt gesehen. So empfand ich wahrlich kindliche Freude beim Anblick der ungewohnten Art.

Mehr und mehr ergriff mich auch eine angenehme Aufregung innerlich, denn etwas hatte sich innerhalb der letzten 24 Stunden drastisch verändert. In mir stieg die Erinnerung an einen Film mit dem Titel Und immer wieder grüßt das Murmeltier auf. Am Ende dieses Films waren auch dort die Wiesen über Nacht ganz weiß geworden, da es heftig geschneit hatte. Dieser unübersehbare Wechsel in der Filmkulisse zeigte sich zugleich  – als ein untrügliches Zeichen dafür, dass im Leben des Hauptdarstellers eine Veränderung eingetreten war. Selbstverständlich von angenehmer Art, denn er fand die Liebe in sich und war nun bereit andere Menschen, ohne Bedingungen daran teilhaben zu lassen. Liebe verändert immer alles, ist ja allerorts bekannt. Doch nun wieder zurück an den Ort der Tatsachen, welcher mir die Schönheit der Natur von einer schon fast vergessenen Seite erneut darbot.

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Am Vormittag begann der erste Nachbar, den Schnee im Eingangsbereich an die Seiten zu schieben. In den Tagen zuvor war der Schnee mehrmals täglich in den Nachrichten angekündigt worden. Zwar kam er nun genau genommen ein paar Tage zu spät, dennoch kam niemand auf die Idee – ihn zu bestrafen.

Dass er überhaupt kommen wollte, wusste ich lediglich von der älteren Frau aus dem Erdgeschoss. Jedes Mal, wenn ich in den letzten Tagen das obere Stockwerk verließ schien es mir so, als ob sie – die hochbetagte und dennoch flinke Rentnerin (31836) – tatsächlich regelrecht darauf lauerte, mir das Nahen des kalten Unheils mitzuteilen. Schnee bedeutete für sie Anstrengung, denn in einer bereits viele Jahre zurückliegenden Zeit, hatte sie dann selbst den Weg aus dem Haus freischaufeln müssen.
Seit der Geliebte und ich vor ungefähr vier Jahren in das Dach des Hauses eingezogen waren, hatte sie mich überraschend oft an ihrer Welt teilhaben lassen. Ich kannte ihre Geschichte, hörte ihre Gedanken und sah wie sie das Leben wahrnahm.  Manchmal schien es die kindlich anmutende Seele heftig zu beunruhigen, dass ich über den Wetterbericht gern Späßchen machte und diesen keinesfalls derart ernst nehmen konnte, wie man sich bemühte das Wetter allerorts vorauszusagen. Manchmal widersprach sie mir sogar mit einer Leidenschaft, dass es wie die Verteidigung ihrer eigenen Ehre erschien und nicht mehr jener, der sich häufig irrenden Verkünder des Wetters.

Wenn man eine gewisse Zeit in der Nähe eines anderen Menschen lebt, bleibt es letztendlich unausweichlich, bei Wiederholungen genauer hinzusehen und somit über alles Vermuten, Urteilen und Gleichmachen hinauszuwachsen. Dann sieht man und kann auch mitfühlen, wie viel Einsamkeit, Unsicherheit und oft sogar Hilflosigkeit, hinter dem anstrengenden Bemühen Recht zu haben oder im Mittelpunkt zu stehen, eventuell auch den Ton anzugeben, verborgen liegen. Bisher bin ich noch keinem Menschen begegnet, mit dem ich gern die Haut getauscht hätte.

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In den hinter mir liegenden 13 Jahren, hielt ich mich vorübergehend mehrere Male im Umfeld von Menschen auf, die es zum Beispiel irgendwie im Kopf nicht aushielten, wenn es einem anderen Menschen in ihrem nahen Umfeld wohl ging, dieser absichtslos heiter war und frohen Mutes daherkam. Eine beobachtete Seltsamkeit, die mich oft ins Grübeln brachte, ohne auch nur den geringsten Sinn darin  finden zu können. Es hat einige Jahre in Anspruch genommen zu erkennen, dass es sich bei diesen herzlichen Ausfällen, jeweils um eine Fehlsicht* des amtierenden Ich im Menschen handelt, die auch meine Person von Zeit zu Zeit heimsuchte. Wiederholt rutschte ich in manche Situationen, Ereignisse und Konfrontationen – in denen ich im Nachhinein betrachtet erkennen konnte, dass ich blind und taub für das tatsächlich Gegebene war. Nachdem ich dies eingesehen hatte, wurde diese Blindheit von mir genommen.
Ohne den hinterhältigen Fehler in der Wahrnehmung, konnte ich sodann beobachten, wie absurd es ist, wenn das Ich den Mund öffnet, um Unveränderliches bis Offensichtliches zu erklären, abzuwehren, recht zu behalten oder gar die eigene Existenz zu rechtfertigen. Je länger man mit dem fehlsichtigen Ich in einem Gegenüber diskutiert, umso mehr Zeit investiert man in das Verharren im ungeklärten Zustand, der ja nun so gut wie gar nichts bewegt. Man steht sich offensichtlich selbst im Weg. Denn es ist gibt gar kein Recht haben, bezüglich der meisten zahlreichen kleinen Dingen im Alltäglichen. Was es wirklich gibt sind dafür ungezählt viele Chancen, das menschliche Leben durch die Augen eines Anderen zu betrachten.

Will man selbst irgendwann nur noch friedlich seines Weges ziehen, ist es auch an einem selbst, das Fundament dafür zu legen, und dies natürlich in möglichst vielen Momenten, die das Leben so anbietet. Denn eines wird stetig offensichtlicher, wenn ich mit dem Anderen meinen Frieden, meine innere Stille teile, dann hat dieser allemal die Gelegenheit, sich selbst zuzuhören. Es ist kein Klein beigeben, vielmehr ein Gewähren lassen, denn ist der Mensch in ununterbrochener Wirkung dem Klang seiner eigenen Argumentation ausgesetzt, kann er dies auf Dauer schwer ertragen, weil oft erst der Widerspruch oder das Beipflichten – in ihm das Empfinden von Lebendigkeit entfachen, oder ihm überraschend bewusst wird, dass er mit seinen Gedanken bevorzugt das Übel wälzt.

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Betrachtet man allumfassend die Genialität in aller Schöpfung, welche bereits vor der Bewusstwerdung des Menschen die Erde zierte, so wird sich der Schöpfer schon etwas dabei gedacht haben, dass er die Einsicht in aller Gänze und in gewisser Weise lediglich in Etappen freischaltet.

Letztendlich danke ich allen Menschen, die mir in oft obskurer Weise dabei behilflich waren, die Angewohnheit – möglichst das letzte Wort zu haben, loszulassen. So bin ich wohl frei, hab dazu immer ein Lachen dabei und auch eins, zwei, drei stille Blicke für denjenigen, der sein Leben offenbar gar nicht leiden mag. Alle Versuche irgendwas zu retten, hab ich aufgegeben. Die Seele bat mich während einer Schweigeminute des Ich, alle Eroberung und Aufklärung – der aus meiner Sicht fehlerhaften Welten – ohne Rücksicht zu beenden. Denn aus ihrer Sicht gibt es gar keine Fehler im Ganzen. Sie kennt schon ewig all die Zusammenhänge, die mir bisher nur nebelhaft fühlbar sind.

Jede Zeit hat ihre wahrhaft wunderbaren Seiten. Jede Seele in einem Menschen ist einzigartig, was deren Ausdruck, Entwicklung und Wirken anbelangt. Und lasse ich, der Mensch, mich nicht vom Spiel der angeblich Großen in der Welt hypnotisieren, nehme vielmehr so gut wie gar keine Notiz von diesen, bleibt mein Leben unvergleichlich liebenswert, da es mir nun möglich ist, das wahrhaftig Große auch im Allerkleinsten mit Freude wahrzunehmen.

 

Stillleben

 

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*Fehlsicht – es fehlt etwas im Sichtfeld, oder auch – ein Fehler wurde entdeckt und dinghaft gemacht.

Der Fehlsichtige überprüft beständig sein Umfeld und auch sich selbst, kontinuierlich auf Fehler. Er kann nicht locker und schon gar nicht – sein lassen. Denn nur ein erkannter und behobener Fehler, ist in der Welt des Fehlsichtigen ein tatsächlicher Erfolg. In gewisser Weise belebt den Menschen hier das Aufspüren und oft wortreiche Richtigstellen des Fehlerhaften. Bleibt die gewünschte Reaktion beim Zurechtgewiesenem aus, ist dies der Beginn einer Veränderung. Ein Stutzen des Ich – bleibt nie ohne Wirksamkeit.

Richtig ist selbstverständlich – wie Falsch ebenfalls – eine Frage der Perspektive. Ohne Fehl und Tadel kann das Ich nur sehen, wenn sich die Seele des Menschen mit dem zu Sichtenden still verbindet. Dann kann das Ich aus dem Hintergrund beobachten und mitfühlen, während die Seele im Vordergrund wirkt.

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