Eingeträumt

von Luxus Lazarz

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Bevor ich selber lesen konnte, wurden mir viele Märchen vorgelesen. Die Eltern hatten sogar einen Schallplattenspieler, der mir anstatt ihrer, an vielen Nachmittagen und Abenden all jene Märchen und Geschichten erzählte, welche die Fantasie in mir mit Vorliebe bebilderte und oft in einem Happs verschlang. Dementsprechend kannte ich schon vor dem Eintritt in die Schule eine Menge Berufe, genauer beschrieben Tätigkeiten, denen sich der ausgewachsene Mensch widmen konnte.
Da auch ein Kind bereits praktisch und hilfreich denken kann, machte ich mir frühzeitig Gedanken über eine passende Berufswahl. Entsprechend der sozialen Prägung durch mein Umfeld, sollte dieser Beruf nützlich und hilfreich für möglichst viele Menschen sein. Mir gefallen – sollte er natürlich ebenfalls. So begann ich zu beobachten, wie die Menschen aussahen, wenn sie etwas taten.

Es gab viel zu entdecken. Einige blickten sehr ernst beim Tun, andere schimpften mit sich selbst und auch mit irgendjemand Anderen, obwohl dieser oft gar nicht dabei war. Wieder Andere redeten ständig während sie taten, insbesondere wenn da Zuschauer standen. Manche stöhnten und ächzten, schwer gedrückt von der sich selbst auferlegten Last. Und es gab auch jene, die beim Tun nur lächelten, um die sich dann eine Art Seifenblase aus dem Nichts bildete, weil sie sich mit ihrem Tun ganz verbunden hatten, hingegeben in eine Welt, die sie der Allgemeinheit entrückte. Nur für die Momente des Tuns, doch in der Kugel sammelte sich manchmal so viel Freude, Liebe, Entzücken und Glück, dass sich deren beinahe unsichtbare Membran ausdehnte, weit in das Umfeld hinein. Jeder Mensch, der von dem Feld der Kugel berührt wurde, zeigte sich befriedet, lächelte plötzlich, einfach so und ganz ohne sonst sichtbaren Grund.

An vielen Sonntagen kann der kindliche und auch der reife Mensch dieses Feld, auch noch heute um sich und in seiner Umgebung fühlen. Dies sind die Momente, wo alle Bewohner im Umfeld, miteinander im Innersten Frieden geschlossen habe. Eine Auszeit unbewusst in Anspruch genommen, in der sie mit den Gedanken allein in ihrem Leben sind. Man hört dann nur den Wind summen oder die Vögel singen, manchmal tritt auch überraschend die Sonne zwischen den Wolken hervor. Erst vergangenen Sonntag passierte es wieder, erinnerst du dich?

Ich sah vieles, hörte Menschen bei der Arbeit pfeifen und gar singen, sogar beim Fenster putzen. Jene Erwachsenen, die mich in der Kindheit schützend und fürsorglich umgaben, und dies jeder einzelne in seiner speziellen Art, hatten alle vielseitige Fähigkeiten. Jeder von ihnen hätte mehrere Berufe ausüben können, obwohl kaum einer den dementsprechenden Ausbildungsnachweis vorweisen konnte. Dennoch tat man all das, was jeden Tag für den Erhalt des eigenen Lebens und jenem der Gemeinschaft um den Menschen herum, getan werden wollte,ohne dabei an sich selbst zu zweifeln. Wer hätte es auch sonst tun sollen? Meine Oma sorgte in unnachahmlicher Art dafür, dass jeder Einzelne im Familienbetrieb, auch seinem Verständnis und Können entsprechend eingesetzt wurde. Wer sich selbstständig weiterentwickelte, konnte auch mehrere Arbeitsplätze ausfüllen und dadurch sein Können beständig erweitern.

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Als Kind ist das Leben ein wahres Abenteuer, man treibt in seiner kleinen Welt – alltäglich durch die große der Anderen. All die neuen Eindrücke kann das kleine Herz kaum fassen, beinahe alles sieht das Kind zum 1. Mal. All das Schöne kann es sich leicht einprägen, genau so – wie die Empfehlungen der Engel lauten, welche das Kind in der Natur oft begleiten.

An seinem 6. Geburtstag wählte das Kind für sich vollkommen ernsthaft den Beruf der Zauberin. Nach ausgiebigen Beobachtungen und einer gewissen Zeit des nach Innen Lauschens, war das Kind zu der Einsicht gekommen, dass es nur den Beruf des Arztes und der Zauberin noch nicht in der Familie gab. Zwar hatte die Uroma des Kindes aus Karten gelesen und hellsichtige Fähigkeiten bewiesen, doch davon wusste das Kind zum Zeitpunkt seiner merkwürdigen Berufswahl noch nichts. Aus einer praktischen Sicht heraus, entschied sich das Kind letztendlich für die Berufung zur Zauberin, weil der Arzt zwar kranken Menschen bei der Gesundung behilflich sein konnte, doch eine Zauberin – die konnte alles. Was könnte besser, nützlicher und unterhaltsamer sein? Dem Kind fiel nichts ein.

9 Monate nach der Entscheidung wurde das Kind eingeschult. Mit der Zeit verstand es allmählich, dass in der Welt der Erwachsenen, für die es nun vorbereitet wurde, zwar manchen Zauber, doch keine echten Zauberer und Zauberinnen gab. Alles wäre nur billiger Trick, wurde das Kind letztendlich aufgeklärt. So verblaßte der Zauber der Kindheit und mit ihm die Fülle an Möglichkeiten, welche das Kind großzügigerweise dem Mensch angedacht hatte.
Das Licht des Zaubers musste dem Anschein weichen, welcher dem wachsenden Kinde stetig mehr – die einst freie Sicht in sein Leben nahm. Anfänglich schlich es sich unbemerkt ein, denn das Kind war voller Bewunderung für die Lehrerin. Jenen einen Menschen, der dem Kind das Lesen beibrachte, das Schreiben und darüber hinaus in ihm eine Liebe erweckte, für seine Muttersprache. So entstand der neue Wunsch, nun wollte das Kind Lehrerin werden. Kinder im Lesen unterrichten, das  praktische Rechnen nahe bringen und das Schreiben ebenfalls. Mehr nicht, denn nach dem Empfinden des Kindes war dies genug, um alles Andere auch noch zu lernen.

Die Jahre vergingen, und als die eine und geliebte Lehrerin – durch viele seltsame Fachlehrer abgelöst wurde, sich die Unterrichtsfächer allgemein mehrten, lebensfremd gewichteten und die Lehrbücher vor Informationen überquollen, befand das Kind für sich im zwölften Lebensjahr, dass der Beruf der Lehrerin – doch nicht so erstrebenswert war. So musste es erneut umdenken, doch auch dieses Mal fiel es ihm nicht sonderlich schwer. Denn es las sehr gern, wobei es nicht sehr wählerisch war. Die Palette reichte von Kinderzeitschriften bis zu Reiseberichten, entfaltete sich weiter über gesellschaftskritische Romane gefolgt von Gedichten, Bildbänden und Geschichtsbüchern. Das Kind liebte Bücher und deren Inhalte, was lag da noch näher, als später selber welche zu schreiben?  Ab dem folgenden Tag begann das Kind damit, Briefe an Freundinnen und Verwandte zu schreiben, darüber hinaus regelmäßig kleine Gedichte, Beobachtungen und lustige Erfahrungen. Diese Gewohnheit behielt es bis zum 18. Lebensjahr bei. Dann bekam die nun Jugendliche selber ein Kind, und alle Träume, Verrücktheiten und eigenen Wünsche zogen in den Untergrund. Ab hier zählten andere Vorgaben, mussten vielerlei Dinge berücksichtigt werden, die Kindheit war nun für immer vorbei und in weiten Teilen, die Freiheiten der Jugend ebenfalls.

Die Sehnsucht blieb, diese ungefüllte Stelle im Herzen, die manchmal schmerzte, wenn die junge Frau in der Nacht wach im Bett lag. Der Vater des Kindes hätte ein würdiger Ururenkel des berüchtigten Giacomo Casanovas sein können, obwohl er gar kein Italiener war. Und als er schließlich eine Goldene Gans gefunden hatte, ließ er sich scheiden. Welch ein Schock, wo doch die Prinzen in den Märchen unerschütterlich treu und zuverlässig gewesen waren, bis auf den blonden Kai, der Gerda einfach vergessen hatte, weil ihm die Schneekönigin das Herz abkühlte. Doch letztendlich hat es auch damals, die Liebe nicht wieder gerichtet, sondern einfach nur geheilt.

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Drei Jahrzehnte lang fuhr ich im Anschluss – im ewig sich drehenden Beziehungskarussell mit, bis ich aus Überzeugung ausstieg und nur einen Monat danach – überraschend jenem Menschen gegenüber stand, der mir tatsächlich bestimmt war. Ab da begann ich mehr und mehr, in mir selbst zu ruhen und konnte irgendwann mein ganzes Leben rückwärts betrachten, gar Einsichten finden, die alles bis dahin Gewesene in ein klärendes Licht rückten. So kam es, dass ich mir selbst einen der Träume des Kindes erfüllte und wieder zu schreiben begann.

Und während ich schrieb und schrieb und schrieb – entdeckte ich Vieles, was mir zuvor nur flüchtig oder  nie wirklich bewusst geworden war. Ich lernte mich selbst näher kennen und auch jenem zu vertrauen, was da noch in mir ist – genau wie in jedem anderen Menschen – der jetzt hier liest. Ich begann es zu lieben und wurde weiterhin geliebt, genauso – wie alle Menschen, die im Leben sind. Dann bemerkte ich, wie viel man wahrlich lernen kann und dennoch bei Weitem – nicht einmal das Wesentliche wissen und verwirklichen. So gab ich den Traum von der Lehrerin auf und blieb lieber Student, zwischen all den Lernenden auf Erden. Dies wiederum ermöglichte mir, mich erneut dem allerersten Berufswunsch zuzuwenden.

Schritt für Schritt erforsche ich nun einfühlsam das Feld – in mir und allem was da ist. … und ich schreibe dir, es ist so viel, so bunt, so hell, so weich, so liebevoll, dass es sich schon lange nicht mehr – in schnöde Worte fassen lässt. Doch du kannst es fühlen, wenn du in dein Leben und dich selbst eintauchst.

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Mehr und mehr denke und empfinde ich für mich, die Berufung des Menschen ist es zu erfühlen, zu bestaunen, zu erträumen und selbstverständlich zu lieben, was gelebt werden will. Ohne Eile und Anstrengung, denn wesentlich bleibt letztendlich lediglich, dass der Mensch in das Leben berufen worden ist. Warum, wieso, jetzt und hier – die Antwort schlummert in dir und mir.

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