Es ist genug für alle da

von Luxus Lazarz

 

Als Kind wollte es mir nicht gelingen, an den Weihnachtsmann zu glauben, und auch, dass ein Storch die Kinder brachte, widersprach doch arg all jenem, was ich im Umfeld der Kindheit zum Thema beobachten konnte. Ich war also keinesfalls derart leichtgläubig, wie es den Kindern gern unterstellt wird. Dabei ist es überhaupt nicht so selten, dass ein Kind die Gewohnheiten der eigenen Eltern umfassender kennt, als jene an sich selbst. Denn Letztere beobachten sich und ihr Umfeld, schon zahlreiche Jahre nicht mehr derart – wie es ein Kind tut. Erwartungslos, überwiegend unbeteiligt, offen, dabei still im Verstand einfach ungefiltert wahrnehmend, was sich vor und über die Sinne offenbart. Es sucht nicht, sondern empfängt. Empfängt, wie das Leben ist, wie es sich ausdrückt und fühlbar macht.

Jeder von uns hat diese erste Schule durchlebt, wahrscheinlich war jedoch noch keinem dabei bewusst, dass er ein Kind des Lebens ist und sozusagen eingeführt wird – in die ihn umgegebenen Möglichkeiten.

Es ist genug für alle da, brauchte ich als Kind niemals denken, da es beständig so war. Dementsprechend hielt ich bis zum 8. Lebensjahr an nichts wirklich fest, was einem Anderen aus meinem Besitz gefiel und dieser haben wollte. Denn es war ja genug da, und immer wieder kam Neues hinzu. Dies galt für Essen, Kleidung, Spielzeug, Natur, Tiere, Musik, Märchen und Geschichten, Aufmerksamkeit, Zeit, Platz zum Leben sowie die noch unbekannten Möglichkeiten darin. Als Kind sieht man auch nur, was man wirklich braucht. Man ist noch gegenwärtig im wahrhaften Moment. Will man mehr, denkt man über das Jetzt hinaus, das läutet oft das Ende der Kindheit ein. Der Versuch, sich durch das Leben zu denken, springt in sein Gleis.

Da ich auf dem Land in einem Familienverbund und mit der Oma als Oberhaupt aufwuchs, galt meine Sichtweise auch den Menschen. Es sind genug für alle da. Was sich derart bemerkbar machte, dass ich nie meinen Eltern hinterher weinte, wenn diese auf eine ihrer zahlreichen Reisen gingen. Soweit reisten sie gar nicht, nur in eine entfernt liegende große Stadt, in der sie studierten, arbeiteten und später dann auch mit mir gemeinsam in einer Wohnung lebten.

In der Kindheit liebte ich meine Eltern und viele andere Menschen ebenfalls. Menschen, die mich umsorgten und auch jene, denen ich als Kind zufällig begegnete. An Keinem wollte ich etwas verändern. Auch wenn nicht jeder mir Gutes tat, jeden nahm ich so wie er schon war, bevor ich in die Welt kam. Um mich herum sah ich, wie die Erwachsenen einander oder auch sich selbst ändern wollten und es stets misslang.
Diese Einsicht habe ich dann über drei Jahrzehnte verloren und aktiv mitgewirkt an vielerlei Dramen, die mir unbewusst vertraut waren. Ich nahm an, dass diese Schauspiele zum Leben gehörten, denn so viele Menschen, Lehrer und Regierende, das Fernsehen, die Weltliteratur und Drehbuchautoren für Spielfilme, konnten sich keinesfalls irren, was all die Höhen und Tiefen des Lebens anbelangte. Sie hatten es gesehen, erlebt und erlitten, waren Augenzeugen ihrer Zeit oder Tonangeber in der Gegenwart, wussten bescheid.
Unaufhaltsam süchtig nach allem Lesbaren, sah ich das Leben durch die Augen der Anderen, und passte meine Sicht dementsprechend an. Dadurch  erschien an mancher Stelle in meinem Leben mehr da zu sein und an anderen wiederum weniger – als bis dahin durch mich wahrgenommen. Ich war bereit, mit auf der Berg-und-Tal-Bahn zu leben.

Wie könnten wir uns auch am Glück erfreuen, hätten wir das Drama nie kennengelernt? Naja, das Kind in uns hatte da keine Schwierigkeiten, doch was wusste das schon vom wirklichen Leben? Es kam ja aus einer anderen Welt.

Zwar gelang es mir nie wirklich, die Überzeugung, dass für alle genug da ist, loszulassen, doch durch die beharrliche Belehrung in der Schule, gelang es mir auch nicht mehr wirklich, diese Gedanken allein zu denken und wahrzunehmen. Stets hing sich nun ein Gedanke hintenan, der das wahrhafte Bild mit einem Schatten belegte. So war zwar immer noch genug für alle da, doch ungerecht verteilt. Sehr ungerecht verteilt. Unglaublich ungerecht verteilt. Die Anderen hatten nicht, was ich hatte und das war nicht fair. Solange es nicht jedem Menschen in der Welt so ging wie mir, blieb die Welt ein übel Ding, in dem zwar genug für alle da war, doch eben nicht von allen gleichmäßig genutzt werden konnte.

Der ursprüngliche Sachverhalt des Gedankens, nämlich dass faktisch stets genug für alle da ist – in dieser Welt, in der ich weder als Reicher noch als Armer bisher real lebe, geriet damit in das Abseits. Nicht der Gedanke an die Fülle des Ganzen, sondern jener der Ungerechtigkeit – blieb mir als Letzter im Sinn haften. Und dann sah ich sie, diese Ungerechtigkeit – überall in der Welt, wieder und wieder durch die Augen der Vielen. Nun konnte ich sie in meiner Welt ebenfalls entdecken, die Ungerechtigkeit, denn die Zeichen waren eindeutig. Viele, viele Jahre habe ich offen und auch defensiv für die Gerechtigkeit gestritten, gekämpft, gelitten und dies sowohl im Sinne der Welt, als auch mich selbst dabei im Blick. Es gab nur noch das Schwarz-Weiß-Denken für mich. Als ich den Gipfel der Gerechtigkeit in eigener Person anscheinend erklommen hatte, konnte ich zurück in das Tal blicken und dabei schockiert entdecken, wie ungerecht ich oftmals gewesen bin. Wie undankbar in vielerlei Hinsicht und wie unsinnig, sogar nutzlos mein Wirken oft war. Ich kämpfte gegen Schattenbilder, Geschichten, die Vergangenheit und gab all diesem meine Kraft. Und dies – obwohl stets und ständig genug für alle da war, dort wo ich bisher lebte auf Erden und bin. Das ist wahr und gilt nicht nur für mich. Darüber hinaus bin ich mir sicher, dass das Leben einen Menschen keinesfalls dort aussetzt, wo dieser absolut nichts zu suchen hat und dementsprechend auch nichts finden kann.

Gleichgültig wohin ich auch reiste, an all diesen Orten war genug für alle da, keiner litt Mangel, nur im Vergleich tat man sich weh. Wie bereits erläutert, bin ich weder arm noch reich im westlichen Sinne. Ich bin, weil das Göttliche mich, genau wie dich – bedingungslos gegeben hat. Wir fielen dem Leben zu, und es öffnete uns die Tür in den Weltenraum, um unmittelbar erfahren zu können, was möglich ist, wünschenswert und fühlbar sich ausdrücken lässt – durch den Menschen, also durch uns. Ist dir eigentlich bewusst, mit wie viel Großzügigkeit unser Leben erfüllt ist? Um sich an alles Leben zu erinnern, bedarf eines Weiteren.

Es ist genug für alle da. Das ist wahr, und wenn wir uns daran erinnern, darauf ausrichten, nur derart eine kurze zeitlang Wahrnehmen und alle Einschränkungen beiseite lassen, dann wird uns auch die Welt enthüllt, in der diese Tatsache in ihrer Umsetzung unseren eigenen Wünschen und Vorstellungen entspricht.

Steht mir die Welt nah, weil ich ihr Diener bin, verschluckt sie mein Leben. Denn die Welt ist stets fern vom Wahrhaften. Sie existiert nur in meinem Verstand. Steht dieser still, ist sie weg. Was dann bleibt ist die Wirklichkeit, mit dir und mir darin. Deshalb kann ein Mensch in der Welt auch nicht überleben, weil sein Verstand die Quelle des Lebens, weder sehen noch begreifen kann. Doch ein Mensch kann mit dem ganzen Körper fühlen, was ihn wahrhaft im Leben nährt und hält. Wer in sich fühlt, dessen Verstand lernt zu schweigen.

Es ist genug für alle da. Niemanden wird mit dieser Aussage Schaden zugefügt. Es ist genug für alle da, weist lediglich auf das Offensichtliche hin. Dorthin, wo ich sehen kann, was ist.

Es ist genug für alle da. Und wenn wir auch alle da sind, kann zum Guten Ende jeder erkennen, dass sogar mehr als genug für alle da ist, und alles Weitere besorgt das Leben dann ganz nebenbei. Es wäre ja auch nicht das 1. Mal, dass in unser Dasein ein Wunder fällt, mit dem man nun so gar nicht gerechnet hat.

 

Mensch gefunden

Undenkbar war es und
dennoch wahrlich möglich,
nun komme was wolle,
ich erkenne mich wieder,
das Leben ist mit mir
und ich bin in ihm.

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