Nutzlose Angst

von Luxus Lazarz

.
Der Mensch gerät innerlich aus dem Gleichgewicht, wenn er dem äußeren Geschehen, Kommen und Gehen, also allem Umtriebigen – mehr Wichtigkeit als seinem Leben im Innersten gibt. Wenn er zum Beispiel in seinem Umfeld überwiegend, die ihm Angst einflößenden Eindrücke sammelt, so nimmt sich das üble Empfinden in ihm zwangsläufig mehr Raum. Was verständlicherweise oft mit dem Gefühl der Beklemmung bis gar geistigen Lähmung wahrnehmbar wird, denn alles – was wir – die Menschen – wirklich sind, nämlich geliebtes Leben, muss dann ausweichen und sich in die verbleibenden Nischen drücken lassen.

Neigt ein Mensch dazu hinter beinahe allem, was sich in seiner Realität wahrnehmbar macht, eine Bedrohung seines Ist-Zustandes zu vermuten und die unangenehme Bedeutung des Vorfalls, den er für ein Zeichen hält, gar gedanklich verdichtend in sich auszuarbeiten, dann ist dies genau so eine Gewohnheit, wie in allem Passieren – zuerst das Licht zu sehen. Doch die Wirkung der Ersteren, zermürbt den Menschen langsam und quallvoll, während letztere Gewohnheit wahrlich natürlich ist – ihn mit Freude im Leben hält und sogar nährt.

Zu vorstehender Einsicht kam ich, nachdem nachfolgende Frage meine Aufmerksamkeit in Anspruch nahm.

Wie kam die Angst in das Leben des Menschen, also somit auch in mich?

Entgegen aller Behauptungen und beharrlicher Rückschau, kann ich in meinem Leben keinerlei „gesunde“ Angst erkennen. Angst war mir niemals hilfreich und hat mich vor gar nichts bewahrt. Eher trifft sogar das Gegenteil zu, denn aus Angst heraus – traf ich Entscheidungen, die mit Vernunft betrachtet – zum Fürchten waren. Angst ist kein guter Ratgeber und macht auf Dauer hilflos und folgend oft krank.

Vielmehr erfahre ich mit Klarheit im Kopf, dass die Vernunft im Leben des Menschen mehr und mehr – jegliches Empfinden von Angst auflöst, ja es mir sogar direkt unvernünftig erscheint, Angst zu haben und dies überwiegend vor Gefahren, die mir zugetragen werden und wurden. Dieses Weglassen der Angst und das Erscheinen der Vernunft, kann man doch auch als Evolution des Menschen ansehen. Einst erklärte man mir, dass die Angst zum Beispiel ein Kind davor bewahrt, zweimal in das heiße Licht einer Kerze zu fassen. Dadurch hat das Kind nun Angst vor dem schmerzhaften Feuer und ist somit durch die Angst vor weiteren Schaden bewahrt. Die Angst ist also ein nützlicher Freund des Menschen und schützt ihn vor Leid und Schmerzen. Wie ich diese Erklärung jemals glauben konnte, ist mir immer noch echt schleierhaft. Denn einfühlbar ist doch die Angst selbst ein Schmerz. Die Angst in meinem Kopf, dass da Dinge geschehen könnten, die mich aus dem Gleichgewicht werfen, hat noch nie wohl getan.

Und auch, dass die Angst mich angeblich dazu bringt schneller zu laufen, wenn ich zum Beispiel einem wilden Tier im Wald begegne, erwies sich mir in der direkten Erfahrung als haltlose Behauptung. Mehrmals bin ich in einem wirklich großen Wald Rudeln von Wildschweinen begegnet. Beim ersten Mal bog ich um die Ecke eines hohen Holzzaunes, der aus mir unbekanntem Grund ein umfangreiches Areal in diesem Wald umgrenzte. So hatte ich gar nicht sehen können, dass direkt vor mir in drei Meter Entfernung ein Rudel Wildschweine stand, dort im Boden wühlte und fraß was sich finden ließ. Auch mehrere Kleine waren dabei, was ja die Bachen besonders angriffslustig stimmen soll. Da aber dieser Anblick so ungewohnt für mich war, dachte ich erst einmal an gar nichts und blieb jedoch stehen. Die Wildschweine blickten mich an und ich blickte zurück, bewegungslos – auch innerlich. Als die Schweine ihre Köpfe wieder senkten, um weiter zu fressen, machte ich langsam drei Schritte zur Ecke zurück und auf den Weg, von dem ich gekommen war. Nichts rührte sich hinter mir und ich ging und ging, ohne zu denken, oder mich umzudrehen, etwa 100 Meter auf dem schmalen Weg. Erst dann blieb ich stehen und blickte hinter mich. Nur der Wald war zu sehen, nichts raschelte, bis zum Horizont war alles windstill und in mir ebenfalls.

Bis dahin war ich in einer Art ferngesteuerten Zustand geschritten, denn ich hatte ja nichts von dem gedacht, was ich letztendlich tat. Nun hörte ich das Geräusch des Einatmen wieder und fühlte mich irgendwie beschenkt. Dann ging ich weiter, einfach geradeaus bis zum Hauptweg im Wald. Dort setzte ich mich einen Moment auf einen großen Stein und fühlte nur Glück, weil es wahrhaft ein ungewöhnlich schönes Erlebnis gewesen war.
Und erst da fiel mir ein, was ich alles über die Wildschweine gehört und gelesen hatte, diese bösen Buben, mit denen einfach kein Auskommen sei, schon gar nicht – wenn sie Nachwuchs haben. Mag sein, dass die Situation außer Kontrolle gerät, wenn man ein Tier angreift, oder zumindest den Eindruck vermittelt, derartiges vorzuhaben. Oder auch, wenn man dem Tier nur die Klaue schütteln will, weil man es sympathisch findet. Doch man spricht halt nicht dessen Sprache und kann dementsprechend ganz leicht missverstanden werden. Denn das Tier hat keine Erfahrung und sieht die Zuwendung als bedrohlich an, wenn es dergleichen nicht gewohnt ist, ihm also einfach nicht bekannt ist, dass es auch Menschen gibt, die zum Beispiel Tiere lieben, achten und wertschätzen.

Wieder daheim, erzählte ich meinem damaligen Weggefährten von dem zauberhaften Vorkommnis. Mit offenem Mund hörte dieser mir zu, und ich sah den Eindruck, welchen das von mir „Vorgetragene“ bei ihm bewirkte.

Ungefähr drei bis vier Tage nach dem Ereignis, ging ich wieder meine Runde durch den Wald, doch dieses Mal war ich in Begleitung des Gefährten. Er wollte ebenfalls die friedlichen Wildschweine sehen. Zwar hegte ich innerlich keine wirklich große Erwartung, dass sich der Vorfall so schnell wiederholen könnte, denn ich ging bereits seit mehr als vier Jahren in diesem Wald spazieren, und noch nie zuvor war mir ein Wildschwein in freier Wildbahn dort begegnet, doch unmöglich ist ja nichts. Und dann passierte das Unglaubliche wahrhaft ein zweites Mal. Zwar an anderer Stelle, an einem schmaleren Stück des Hauptweges und noch weit entfernt von meinem Originalschauplatz, doch da standen tatsächlich wieder zwei beeindruckend große Exemplare und vier Frischlinge am Rand des Waldes, lediglich zwei Meter von uns entfernt. Die Tiere fraßen und boten ein friedliches Familienbild.

Natürlich war ich überrascht und staunte freudvoll, während ich den Gefährten am Arm weiter mit mir zog, bevor er auf schräge Gedanken kam, denn er wurde auffällig blass. Mir war die Szene nun schon bekannt. Die wilden Schweine hatten uns zur Kenntnis genommen und offenbar in uns wieder keine Bedrohung gesehen. Was ja auch der Wahrheit entsprach. Schweigsam gingen wir weiter, bis mein Nächster die Fassung wieder fand und leise zu lachen begann.
Nach dem Lachen, erzählte er mir eine wilde Geschichte, seine Angst vor Wildschweinen betreffend und wie diese Angst in ihn gekommen war – vor langer Zeit in der Kindheit. Da die Geschichte hier  nebensächlich ist, lasse ich sie einfach weg und wende mich jedoch gleich der nächsten zu. Denn die Angst vor Tieren, war mir nie so präsent wie jene, die ich einst vor Menschen hatte. Wie und warum man auch diesen Auswuchs des Unbekömmlichen weglassen kann, folgt dann demnächst.

.