Bewegliche Ordnung

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Ordnung ist das halbe Leben, klang es mir in die Ohren, wenn der Blick von Frau Mama das kleine Chaos im Kinderzimmer umfasste. Heutzutage bin ich dankbar dafür, denn eine wohlgeordnete Umgebung erspart mir wahrlich manche Mühe. Die eigens durch mich in mein Leben eingeführte Ordnung des alltäglichen Daseins, ist mir Rückzugsgebiet und Ausgangspunkt zugleich für das Weiterleben im scheinbaren Chaos, der einst vorgefunden Welt da draußen. Früh begreife ich den Sinn, welcher hinter der menschlich erdachten Ordnung steckt, denn würden die Worte ungeordnet in einem Buch lesbar werden, könnte sich mir deren Mitteilung nur schwer bis gar nicht offenbaren. Erst spät wiederum verstehe ich, dass mein System der Ordnung nur für mich maßgeblich sein kann, also ein persönliches ist.

Ab dem 42. Lebensjahr beginne ich, die mir eigene Lebensart und deren Ordnungshaft ernstlich zu hinterfragen. Bis dahin war mein Leben wie ein wilder Ritt durch viele Lebensmöglichkeiten, die stets mit einem glatten Trennschnitt ordentlich endeten. Und ich frage das Leben vorsorglich, was da wohl sein könnte, das ich noch nicht erlebt hab. Natürlich ist da immer noch etwas, was sich der Mensch bisher nicht vorstellen konnte, und das Leben bewegt den Fragenden häufig ohne Umstände direkt dorthin. Alle Umstände und Verzögerungen entstehen aus dem Bewegten selbst.

Auch ist verständlicherweise jener, der bewegt wird, am Ort der Ankunft nicht mehr derselbe, welcher einst loszog. Geht ja gar nicht, denn dieser hat derart viel Neues, Erstaunliches und ihm bis dahin Unbekanntes erlebt, dass er beeindruckt ist. Jeder Eindruck wird mit Ausdruck aufgefüllt. Nur derart kann das Leben die stete Harmonie zwischen des Menschen innerer und dessen Außenwelt gewähren. Was keinerlei Eindruck in mir hinterlässt, hat auch keinen Ankerplatz in meinem Erleben. Trifft der Mürrische auf einen anderen Mürrischen ist auch das Harmonie.

In den 8 Jahren bis zum 50. Geburtstag bleibe ich stetig in Bewegung und werde im Laufe der Jahre mir manchmal selbst unbekannt und dennoch angenehm fremd. Ich lebe auf einer Insel im Mittelmeer und bin somit auch rein äußerlich in der Fremde. Die Sprache der Insulaner verstehe ich nicht. Ein Umstand, der mir Raum schenkt, in dem ich nicht antworten brauch. Nicht einmal zuhören oder gar mitdenken, lediglich fühlen was ich sehe und höre. So hab ich plötzlich viel Zeit, um zu beobachten und in mich zu lauschen. Je mehr ich dies tue, umso bewusster zeigt sich mir die enge Verwandtschaft der Menschen miteinander und der Natur der Erde. Also jener Natur, die ihre eigene und wahrlich geniale Ordnung zum Ausdruck bringt, ganz ohne dass sich darin ein Lebewesen müht – diese zu reformieren oder umzudiktieren.

Drei ganze Jahre wohne ich in einem scheinbar aus dem Mittelalter stammenden Haus, in passender Umgebung. Aus dem Verstand betrachtet scheint es mir in dieser Zeit an Vielem zu mangeln, doch innerlich bin ich erstmals so satt an Leben, dass ich den Bedenken kaum noch Gewicht gebe. Es sind diese vielen unbekannten Eindrücke, die mich glücklich, zufrieden, neugierig, freudvoll und wach halten. Auch machte ich mir in diesen wunderbaren Jahren kaum einmal Mühe, dazu gehören zu wollen. Alles ließ ich auf mich zukommen und genoss das Abenteuer jeden Tag neu. An nichts fehlte es mir wirklich. Wichtig war nur das Leben, und ich entdecke, dass fühlendes Verständnis eine wunderbare Fähigkeit im Menschen ist.

Mehrmals ziehe ich auf der Insel an andere Orte und ohne dass ich es begründen könnte, werden die Lebensumstände mit jedem Mal besser. Im letzten Haus, in dem ich während des insgesamt neunjährigen Insel-Aufenthalts wohnte, gab es sogar eine Zentralheizung und der Strom aus der Steckdose floss ohne Unterlass. Als die Besitzerin überraschend den Verkauf des Hauses ankündigte wurde mir klar, dass auch meine Zeit auf der Insel zu Ende ging. Diese 9 Jahre waren ein Traum, den ich in dieser Form selbst nicht erträumt hatte, nicht bewusst. Die Brücke in die reale Träumerei erschien aus dem Nichts. Erkennen konnte ich sie allerdings erst, als der Übergang bereits Jahre hinter mir lag.

Wieder zurück in Deutschland, allerdings hier an einem Ort, an dem ich zuvor noch nie gewesen bin, werde ich von Beginn an in der Wahrnehmung von Seltsamkeiten geschult. Im Norden Deutschlands erfahre ich über mein einstiges Leben in der Deutschen Demokratischen Republik wahrlich Unglaubliches. Man sieht mir die Herkunft nicht an, denn ich entspreche keinesfalls den allgemeinen Vorurteilen. Die Menschen scheinen von ihrem Wissen überzeugt und dies ganz ohne Arg. Man hörte es von den Verwandten aus dem Osten, las es aus der Zeitung und vertiefte dieses Wissen regelmäßig mittels Fernsehen. Wirklich einmal dort, in der damaligen DDR, war jedoch noch keiner von den scheinbar Wissenden. Diese Erfahrungen erinnern mich an mich selbst und daran, wie ich einst die Insel im Mittelmeer aus der Ferne wahrnahm, bevor ich dort wahrlich lebte. So sind wir Menschen eben, glauben zu wissen und geben weiter bis alle überzeugt sind, dass es gar nicht anders sein kann als berichtet. Auch mir wurde in der Schule und andernorts jede Menge Information über den westlichen Teil Deutschlands und dessen Bevölkerung vermittelt, die sich letztendlich als total widersprüchlich sowie auch an den Haaren herbeigezogen herausstellte.

Doch was weiß der Mensch wirklich, wenn schon keiner von jenen wirklich wusste, der vor den heutigen Menschen lebte? Dann wurde doch wahrlich gar kein Wissen weitergegeben, sondern nur Halbwissen, Vermutungen und gnadenlos Behauptungen, die anderen Menschen sogar das Leben absprechen. Also auch all das dunkle Wissen, welches Schuld zuweist, wo gar keine ist, Dinge ins falsche Licht rückt, da es am tatsächlichen Überblick mangelt.

Ich bin in eine Ordnung geboren, die einer Ideologie entstammte. Mein Glauben schien mir unerschütterlich, dennoch ist diese Ideologie nun seit mehr als zwei Jahrzehnten nicht mehr maßgeblich für mich. Des Staates Ordnung beruhte offensichtlich auf der Idee eines Einzelnen, die sich ungezählt viele Menschen zu eigen machten. Als es genug Menschen waren, die ihr Leben für die Idee des Anderen einsetzten, konnte die Idee als maßgeblich angeordnet werden. Mit dem Ende des Staates wurde allerdings auch dessen ideologisch bedingte Ordnung aufgelöst.

Meine eigene Ordnung konnte ich weiter behalten, musste jedoch diese wieder einem neuen Staat und dessen gesetzlich vorgeschriebener Ordnung unterordnen. Auch die Natur brauchte ihre Gesetze nicht zu ändern, nachdem im Land die Machthaber gewechselt hatten. Mensch und Natur konnten somit also unberührt von politischen Entwicklungen miteinander im Einklang bleiben, bis sich wieder ein Staat dazwischen drängte und in gewisser Weise sogar des Menschen Umgang mit der Natur in eine neue Ordnung lenkte.

Was ist der Staat im Spiegel? Wo ist dessen Entsprechung in mir selbst? Was passiert auf Regierungsebene? Entscheidungen werden getroffen, die alle Bürger betreffen, ohne dass deren Zustimmung gegeben sein muss. Rein mit dem Verstand erdachte Lösungen sind der Samen für weitere Probleme. Die Regierung des Staates ist der Verstand des gesamten Volkes eines Landes. Hierarchisches Denken bildet die künstlichen Grenzen im natürlichen Leben. Doch fühle ich mich zum Beispiel der Natur, weder unter noch überlegen, sondern schätze vielmehr deren permanente Gelassenheit – gegenüber allen menschlichen Schnapsideen, so brauch ich die Ideen der Staatsformen auch nicht weiter mit Aufmerksamkeit und somit meinem Leben nähren. Die Idee des Staates wird mein Leben nicht beherrschen, da ich ursprünglich kein Bürger bin, sondern ein natürliches Wesen, welches aus der Natur der Erde und sich selbst alles erhält, was wertvoll ist für ein unbeschwert harmonisches Leben. Und ein Anderes will ich gar nicht.

Alle meine grundlegenden körperlichen Fähigkeiten, die wahrhaften Basics sozusagen, haben sich ganz ohne Einsatz des Verstandes natürlich entfaltet. Nichts habe ich bedacht, während ich sehen, krabbeln, sitzen, hören, sprechen und laufen lernte, sondern lediglich beobachtet. Obwohl ich nicht wirklich wusste, was ich da tat, gelang es vortrefflich.

Mit stiller Freude lasse ich das Altbekannte ruhig ziehen, so entschleiert sich mein Blick nachhaltig sanft. Das wahrhaft Wesentliche in allem entfaltet sich nun augenscheinlich, tritt aus dem Hintergrund direkt in meine Wahrnehmung. Ganz frisch empfinde ich ab sofort jenes, was schon immer in mir ist, vor mir war und ewig bleibt. So empfange ich, der Mensch, die vollkommene Ordnung des fühlbar Lebendigen hier und überall, dabei ganz unberührt von Politik, starrem Gesetz, gezeugtem Leid und den erbarmungslosen Grenzen der erglaubten Zeit.

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