Gut gemeint

.

Gestern war der 1. Tag des Novembers. Drei Einser hintereinander, und wahrlich hab ich in diesem Tag – mich wieder einmal selbst erkannt. Ein grundsätzlich abenteuerlicher Akt, der tatsächlich stets mit einer Anstrengung beginnt. Nämlich der geistigen Anstrengung, in mir zu bleiben, alles passieren zu lassen, lediglich beobachten im Innen sowie Außen und nicht wie gewohnt zu reagieren. Hört sich langwierig an, erweist sich in der Realität jedoch nur als eine kleine Schwelle zur Geduld mit sich selbst. Dieses Gewähren lassen ist scheinbar eine wesentliche Voraussetzung, damit mich das Leben weiterführen kann, und zwar dorthin – wo ich bisher noch nicht war.

***

Der Mittwoch nach dem Reformationstag kam mir wie ein Montag daher. Ich hatte einen Termin außer Haus und wollte unnatürlich pünktlich sein. Doch eine halbe Stunde vor der Abfahrt fiel mir plötzlich eine Sache ein, derer ich mich unbedingt zuvor noch annehmen wollte, nämlich einer alten Dame eine Mühe abnehmen, der sich diese nicht gewachsen fühlte. Nicht mehr, genauer formuliert. Mein Handeln sollte eine Überraschung sein. Es war gut gemeint und wichtig schien es auch zu sein, so verschob ich telefonisch meinen Termin um eine halbe Stunde.

Ohne dass ich es ahnte, hatte sich die Sache jedoch bereits am Abend zuvor anders organisiert, und so gab es gar kein Problem, nur für mich, die ich gut meinend an dessen Etablierung arbeitete. Denn der sonst stets gegen 11 Uhr kommende Mensch, dem ich ein schweres Paket für die alte Dame abnehmen wollte, kam an diesem Tag später. So saß ich um 11:20 Uhr immer noch wartend auf der Treppe und fühlte starken Druck in mir. Die durch mich willkürlich gezügelte Lebenskraft strömte fast schon hörbar durch Körper und Kopf. Beinahe war mir so, als ob ich sogar das Warten meines Termins mitfühlte. Ich machte mir künstlich Stress und war mit den Gedanken an mehreren Orten gleichzeitig, nur nicht im Jetzt. Denn von dort wollte ich ja weg und war lediglich scharf auf das Kommende. Diese Art zu leben erwischt mich nur noch relativ selten, doch an diesem Vormittag hatte sie mich allumfassend gepackt. Ich war angespannt.

Schließlich gelang es mir doch noch, wieder zur Besinnung zu kommen. Nur einen Moment unmittelbar danach erfuhr ich durch einen anderen Menschen, dass mein heroischer Einsatz ganz unnötig war. Vorbildlich schluckte ich die Schlappe hinunter, sah alles ein und entschuldigte mich für die unnötig verursachte Aufregung. Schließlich im Auto sitzend, konnte ich schon wieder über mich selbst lachen und kam mit etwa 5 Minuten Verspätung bei meinem Termin an. Dort entschuldigte ich mich ebenfalls – für die Verspätung und erzählte kurz, dass diese sich durch mein Gut meinen ergeben hätte. Auf den fragenden Blick meines Auftraggebers hin erläuterte ich kurz, dass es sich dabei aus meiner Sicht um Aktionen handelt, in denen man für andere Menschen mitdenkt und sich selbst, und manchmal auch den Anderen, in Erklärungsnotstände, Ärgernisse, Schwierigkeiten und andere Sinnlosigkeiten bringt. Da mein Gutes nicht auch zwangsläufig dem Anderen als gut gelten muss. Man könnte es auch unverlangte Einmischung nennen. Der Auftraggeber lachte und bemerkte, dass er genau wüsste, wovon die Rede sei, selbstverständlich aus seinen eigenen Erfahrungen. Und dann passierte etwas Merkwürdiges.

***

Der Auftraggeber hat zwei Hunde, mit denen ich öfter mal Gassi gehe. Die Hunde sind ganz wild darauf aus dem Haus und auf die Straße zu laufen, und stets wenn es an der Haustür klingelt bellen sie erwartungsfroh oder kämpferisch das Unbekannte an.
An diesem Tag trat ich ein, wurde mit Schwanzwedeln begrüßt, schloss die Tür und legte den Hunden die Leinen an. Der Auftraggeber und ich wollten als Erstes mit den Hunden zusammen einen kleinen Spaziergang machen. Die Hunde an der Leine haltend, stand ich zum Gehen bereit an der Tür, während der Auftraggeber von seinen jüngsten Erlebnissen erzählte und sich dabei langsam die Schuhe anzog. Irgendwie wurde es mir zu warm und auch etwas zu eng in dem kleinen Flur. Also öffnete ich die Tür und ließ die Hunde an der Leine nach Draußen. So stand ich dann zwischen Tür und Angel, während ein Auto vor dem Haus anhielt. Die Hunde bellten wie verrückt und der Auftraggeber hatte erst einen Schuh an. Wieder glaubte ich, es gut meinen zu müssen und beschloss spontan, mit den Hunden hinter das Haus und in den dortigen kleinen Garten zu gehen. Der Auftraggeber rief mir noch nach, dass es besser wäre, die Hunde im Haus in einen Raum einzusperren, doch in diesem Moment stieg ein Mann aus dem parkenden Fahrzeug und die Hunde drehten fast durch beim Kläffen. Also ging ich weiter hinter das Haus.

Dort stand ich nun, während die Hunde unbeirrt an der Leine zogen, weiter bellten, mit sekundenlangen Pausen, nämlich stets dann, wenn das Herrchen vor dem Haus laut rief, dass es nun genug sei, mit dem Lärm. Die Sache zog sich etwa 5 Minuten so hin, während derer ich zwischen Stimmungen lebte, die von hilflos, überrascht bis ärgerlich schwankten. Dazwischen kam auch zögerliches Lachen, da die ganze Situation derartig absurd war und wieder strebsam von mir allein verursacht. Ich war mit den Hunden hinter das Haus gegangen, weil ich den denkbaren Lärm vermeiden wollte. Denn die Hunde sollten nicht bellen, weil dies die Nachbarn stören könnte. Genau betrachtet hatte ich mit meiner willkürlichen Entscheidung den Raum, in dem der Lärm sich ausbreiten konnte – erweitert. Dort, wo ich die Stille zu finden dachte, hatte ich selbst zwei lärmende Hunde hingeführt. Und wieder war es gut gemeint von mir, ließ dieser Fluch heute gar nicht mehr nach? So traf ich eine Entscheidung, jeden folgenden Moment wollte ich ab sofort bei mir sein und beobachten, was sich in mir tat.

Es gelang. Die Stunden waren sowohl im Innersten als auch im Außen ein tatsächliches treppauf und treppab. Wir räumten im Haus auf. Bereiteten Kisten für einen Umzug vor. Vieles wurde hinunter und hinaus geschafft sowie auch entsorgt. In mir war der Gutmeiner stark aktiv, doch ich hatte es im Griff und mein Mund blieb zu. Hundert Dinge schienen mir noch nebenbei bewegbar, doch Ohr und Blick hielten den Körper sicher im Raum. Alles kam mir so langsam vor, das Warten, die Handreichungen, viel zu leicht für das Geld, welches ich für die Unterstützung bekam. Nebenbei wurde ich auch noch beschenkt, was mich innerlich doch etwas beschämte. Denn die Geschenke waren weitaus mehr wert als der Lohn den ich bekam.

Am späten Nachmittag wurde ich tatsächlich bezahlt und zu meiner Überraschung nachdrücklich gelobt. Die Zusammenarbeit mit mir sei angenehm und geschafft hätten wir mehr als erwartet. Diese Mitteilung nahm all der Spannung in mir dann doch jeglichen Halt. Wiederholt überraschte es mich zutiefst, wie weit die Wahrnehmung der Dinge durch einzelne Menschen, stetig wieder voneinander abweichen kann. Und auch wie sehr ich immer noch urteile, kritisiere, bewerte sowie mich zu unnützen Seltsamkeiten antreibe, also weit über das Ziel hinaus galoppiere. Der Tag hatte mir einhellig vorgeführt, dass er einfach wohl strömt, wenn ich nicht eigenköpfig ein Widerstand bin. Und ich hab da so ein kleines Vorgefühl, dass der Gutmeiner sich im Gestern verabschiedet hat oder auch in etwas gewandelt wurde, das mir vorübergehend bereits fühlbar, doch in seiner Art noch unbekannt ist.

***

Darüber hinaus kamen am späten Abend noch weitere Gedanken, die mich schlussendlich bewogen, einfach weiter freudvoll gestimmt im Jetzt zu verweilen. Also dort, wo ich einzig fähig bin, tatsächlich zu antworten und mit allen Sinnen lebendig zu sein. Es geht ja in Deutschland die Mär vom dunklen November um. Doch wenn bereits am ersten Tag dem Menschen ein Licht aufgezeigt wird, vermag uns dieser November mit hoher Wahrscheinlichkeit noch weit mehr als einmal zu überraschen.

.