Abweichende Wahrnehmung 4

von Luxus Lazarz

.

Nur Gott kennt keine Not, waren zufällige Gedanken, die mir überraschend beim Abwaschen in den Sinn kamen. Aus diesem Leben stammten sie nicht, die Gedanken, hatten sich der Erinnerung in anderen Zeiten eingeprägt, wohl um mich selbst zu stillen, im steten Drange mehr zu wissen, als dienlich war. Während diese Gedanken, nur Gott kennt keine Not, mich gleichfalls faszinierten und abstießen, erinnerte ich mich an das, was ich vor dem Abwaschen getan und gedacht hatte. Einfach nur am Fenster der Küche stehend, sah ich mich von hinten, während der Blick pralle Natur umfasste, bewunderte und liebkoste. Die Fülle an Grün und all die roten Beeren darin, welche an beinahe allen Sträuchern und einem Baum prangten, dort gar in fetten Büscheln angeordnet, stimmte mich innerlich überraschend zuversichtlich, ob des mehr und mehr sichtbaren Reichtums, der mich hier allerorts in der Natur umfloss. Mit den Händen die Wärme des Abwasch-Wassers aufnehmend, kamen weitere Gedanken hinzu. Gott kennt keine Not, weil ihm alles gehört, was ist, sich bewegt, entfaltet und lebt. Alles, wird immer mehr sein, als ein Ich sich jemals vorstellen kann. Bevor ich zum Fühlen, des nicht Vorstellbaren übergleite, wird mir freudvoll bewusst, dass wenn Gott keine Not kennt, er diese auch nicht an seine Kinder vermitteln kann. Nicht Geben kann, was gar nicht ist. Mensch gibt sich also stets eigensinnig, was er als Not ansieht, empfindet, miterlebt.

Not ist Not, und mit nichts vergleichbar. Der Not leidet, kann reich oder arm sein, je aus welchem Blickwinkel der Mensch sich wahrnimmt. Der, der seine Miete nicht zahlen kann, gleichgültig ob diese nun 400 oder 2400 Euro beträgt, und auch der, dem sein reiches Gut, wirtschaftlich unhaltbar wird, sogar dieser fühlt sich der Armut näher, als mancher wenig Habende sich vorstellen kann. Es ist ein Spiel im Kopf, mit Richtwerten, Urteilen, Selbstbetrug, Geringschätzung des Seienden und Gegenwärtigen, was uns so manche Chance als Notlage wahrnehmen lässt. Die Chance mal kräftig auszumisten, zu entdecken – wie brauchbar alles ist, was man schon erlebt hat, und die unnatürlichen Ziele, die das Fürsorgliche dem Kind bereits korbweise reichte. Deshalb kennt nur Gott keine Not, weil er alles sieht, nicht nur das begrenzte Detail, den engen Blick des sich in der Fülle Vereinzelnden. Es war das nur in der Gedankenkette, welches mich abstieß, nun ist es geklärt. Ganz nebenbei wird mir bewusst und auch, ganz ohne mir Gott anzumaßen, kann ich genau wie dieser blicken. Nämlich ohne Maß, aus der Stille in mir, direkt im Bauch fühlend, was wahrlich Sache ist. Das funktioniert überraschend leicht und sogar gut – im Sinne des Althergebrachten Guten in Allem. Und das Beste daran, es kostet nichts, konsequent in Anspruch genommen, befreit es sogar von vielerlei Kosten, die Mensch für unabdingbar hält sowie von Bedürfnissen, die gar keine sind.

Zum Beispiel das Kämpfen, um welche Seltsamkeit auch immer, ist es ein natürliches Bedürfnis? Dem Menschen wird in der Natur kein natürlicher Feind entgegengestellt. Somit hat der Mensch von Natur aus keinen Feind, doch er kann sich welche machen, suchen und eingeben lassen, und dabei unbewusst außer Acht lassen, wer mit dem Feind machen begann. Die Natur war es nicht, darüber hinaus nährt sie uns, wie alle ihre Einwohner, ohne jeglichen Widerspruch. Um jenen kräftig tierischen Gestalten auszuweichen, verfügt der Mensch über einen Verstand und das Verstehen, Instinkt bei den Tieren genannt. Er kann genauso wie Letztere lernen, sich nicht neben jenem anzusiedeln, oder gar niederzulegen, das ihn verspeisen würde bei Bedarf. Er kann aus Erfahrung lernen, doch auch durch Beobachtung. Auf niemandes Speisezettel in der Natur steht der Mensch ganz oben, nur auf dem Eigenen. Der Zufall bringt dem Tier den Menschen, der wahrscheinlich dort war, wo er gar nicht hingehörte, oder doch, weil das Tier hungrig und der Mensch offensichtlich lebensmüde ist? Das Tier kämpft um sein Leben, wenn ein größeres Tier es verschlingen will. Der klare Verstand erschafft gar keine derartigen Risiken. Erst vor wenigen Tagen realisierte ich, während eines Aufenthalts in der Natur,  dass es keine Riesen gibt. Dass dies Märchen sind, die ich nun wahrlich gehen lassen kann.

Bevor der Verstand und dies frisch erholt, hier wieder die Führung in mir übernimmt, fühle ich doch noch einmal hinein, in die Sicht des Göttlichen. Es sieht nur den Punkt, der ich bin, und dieser Punkt bewegt sich, bewegt sich freiwillig in eine, mit Verstand oder dem Herzen gewählte Richtung. Niemand jagt den Punkt, manchmal hüpft er auch, also der Punkt, oder sendet Töne aus, die wie Freude klingen. Der Punkt hat einen Platz auf der Erde, einen Raum, der überdacht ist, warm und trocken, in den Sonnenlicht einströmt, ein Raum, in dem Blumen in Töpfen blühen und nur wenige Möbel stehen. Der Punkt will es so, das weiß Gott mit Gewissheit, denn wäre es nichts so, dann wäre es nicht so. So einfach ist das für Gott, der es wahrlich passend macht. Dass der Punkt einen Ort mit viel Natur im Umfeld wählte, hat das Göttliche außerordentlich erfreut und wenn der Punkt, manchmal doch leise klagt, dann öffnet das Göttliche ihm die Augen und alle Sinne in besonderer Art, die stets in ein Lachen mündet. Dann lacht der Punkt über sich selbst und Gott lacht mit durch ihn. Ach dieses Göttliche, dass den Menschen unbemerkt um- und durchströmt, ich kann gar nicht genug davon empfangen, einfach nur fühlen und das Heilsame spüren.

Beim Blick durch das Fenster, lockt die Natur mit Sonne und Wind. Der Abwasch hat sich durch mich getan und so bin ich frei genug, um dem Ruf zu folgen. Auch kann ich mich gar nicht mehr daran erinnern, mit welcher Last ich in die Küche trat, dass derartige Gedanken mir zuteil wurden. Irgendwie hat mir das Wasser alles abgenommen und so werd ich – weiß Gott – nicht danach suchen, wozu, weshalb, warum? Der Verstand schweigt und das Göttliche schenkt dem Mund ein strahlend Lächeln, bezieht sogar die Augen ganz mit ein, als ob da nie etwas gewesen sei, das ich hätte bedenken müssen.

.