Gefühlte Welten

von Luxus Lazarz

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Die alte Zeit ist vorbei, der Wind weht die letzten Fetzen davon, Stille kehrt ein, das Denken allgemein, wird nun abgestellt. Sanft erhellt sich die Welt in dir und mir.

Was ein Mensch kann, kann auch jeder andere, denn jedes menschliche Können ist im Feld des Lebens eingesät. Wer mit Stille gießt, was er in sich sät und mit Liebe belichtet, wird alles ernten, was er hegt. Darüber hinaus sind wahrlich alle Menschen, aus demselben Stoff gemacht und werden von der einen Quelle lebendig geliebt. Alles, was ich nicht denken kann, doch dafür fühlen, ist eine objektive Wahrheit, also ungetrübt von jedem Anschein und unabhängig von meinem Dasein.

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Jene Leser, die sich gern Filme ansehen, deren Handlung in einer Zukunft spielt, in welcher die Technik derart weit entwickelt ist, dass sich der Mensch mit deren Hilfe hemmungslos jeden Wunsch erfüllt, werden den Begriff „Holodeck“ kennen. Für alle Anderen sei kurz erläutert, dass es sich dabei um einen Raum handelt, in welchem jedes Abenteuer, hautnah erfahrbar wird. Die Umgebung ist programmiert, alles Gewünschte wird über einen Computer eingespielt und alles erscheint absolut lebensecht, kann ergriffen und genutzt werden. Der Computer erfüllt jeden Wunsch und auch Befehl, den der Spieler im Raum ausspricht – sofort. Auch kann der Mensch dort jede Frage stellen, in andere Zeiten reisen, Vergangenheit wahrhaft erleben und Zukunft ebenfalls. Der Spieler startet das Spiel und kann es jederzeit beenden. Und es gibt Sicherheitsprotokolle, die im Hintergrund des Programms laufen, sodass niemand wirklich zu Schaden kommen kann. Die Verantwortung im Spiel mit den Fantasien, trägt jeder Mitspieler selbst.

Klingt fast wie das Paradies aus der biblischen Geschichte, nur mit mehr Spaß und Möglichkeiten, da offensichtlich vieles, was wir uns heutzutage vorstellen können, die Grenzen der Fantasie von Adam und Eva unsagbar übersteigen dürfte. (Denn das Paradies war klein. Zwei Mitglieder umfasste die Gemeinde, die mit Gott sprechen konnte, wann immer Bedarf war. Ansonsten gab es nur noch den Hinweis auf das Erscheinen einer Schlange, deren Rolle im Schauspiel, noch nicht wirklich aufgeklärt ist. Doch zurück zum Holodeck.)

Aus der Fantasie wurde Realität, oder bildete sich in Wirklichkeit in der Realität eine Fantasie? Wer genau beobachtet, was er denkt, fühlt und auch alles Folgende, erkennt bald – das Holodeck umgibt uns wahrhaft und gestaltet sich, rund um unsere selbst erwählten Schwerpunkte herum. Jeden Tag erwacht der Mensch ohne Ich und erinnert sich des selbst gewählten Programms. Wir spulen den Tag ab – wie gewohnt, schauen nach Veränderungen, während in uns alles beim Alten verweilt. Der Computer passt das Programm unseren Gedanken an. Mit genau diesen Gedanken füllen wir die Welt um uns und mit Stille können wir sie wieder leeren. Wird der Mensch still, stillt sich die Welt und der Rest ist Natur bis selbstverständlich, mit ihren lebendigen Tönen, Farben, dem Rauschen und Jubilieren, der Kühle im Klaren, der Wärme im Sanften und des stillen Alleinseins – mit allem, was wirklich ist. Fühlbar ist.

Jede Ankunft unserer Wahrnehmung im Gegenwärtigen, gleicht stets einer Heimkehr in all jenes, was offensichtlich keines Kommentars mehr bedarf. Alles, was ich aus dem Vergangenen lernte, stieg vom Geist ins Blut und wurde zur Information im Fleisch. An nichts, was hinter mir liegt, muss ich mich erinnern, um zu wissen, was im Jetzt zu tun und zu lassen ist. Die Zukunft ergibt sich um so klarer, wenn die Vergangenheit keine Schatten in mir wirft. Wenn ich losgelöst bin, von allem – was war. Nur so komme ich in die Nähe dessen, wie ein Kind die Welt wahrnimmt. Ganz ohne Vorwissen, mit dem ich die Einmaligkeit des Jetzt messen oder vergleichen könnte. Jeder Moment wird zum ersten Mal. Das Denken ist inaktiv, Wahrnehmung und Fühlen dehnen sich aus.

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Die Kindheit endet heutzutage nicht, weil dem Kind Dies oder Das geschieht, oft ist das erste Weckerklingeln, welches ein jähes Ende einläutet. Denn ein Mensch, den eine Maschine wecken muss, ist selten erfüllt mit Freude für das, wofür er aufstehen soll. Ich erinnere mich, dass es in der Kindheit nie eines Weckrufs bedurfte, wenn jenes, was im Tage vor mir lag, mit Begeisterung erwartet und empfangen werden wollte. Auch als ausgewachsener Mensch, fielen mir wiederholt derartige Empfindungen zu. Ich wachte auf den Punkt genau auf, was stets vor dem Klingeln des Weckers geschah, oder brauchte gar nicht schlafen, weil das Nahende in mir eine Energie entfachte, die endlos schien.

Irgendwann wurde ich mir dessen bewusst, dass der Mensch mit dem Annehmen der vorgefundenen Zeiteinteilung, allgemein seine eigene Welt verlässt und eine Welt betritt, deren Rhythmus und Vorgaben seinem natürlichen Wesen entgegenwirken. Es letztendlich komplett abbauen müssen, damit es das Künstliche, welches immer Grenzen beinhaltet, nicht sprengt. Denn jedem Menschen leuchtet wohl ein, dass er, zum Beispiel eine Stunde vor dem natürlichen Erwachen geweckt, ein ganz anderer sein wird als jener, der sich punktgenau und somit harmonisch in alles Folgende einschmiegt. Das kann man dann einen Festtag nennen. Einen Tag, der sich durch nichts zerreißen lässt, weil unsere Liebe zum Leben sein haltendes Zentrum ist. Kein Widerspruch, kein Widerstand, sanftes und freudvolles Erkennen im Gleiten mit dem Tag.

Dieses von der genormten Uhrzeit weitestgehend unabhängige Leben, kann der Mensch sich selbst wiedergeben, indem er der Zeit in seinem Leben, deren gewohnte Bedeutung nimmt. Sich ihrer Strenge und Maßgaben entzieht, wo immer sich die Gelegenheit bietet und sei es lediglich, während eines bewussten Atemzugs, der nicht auf dem Plan stand. Mag es am Beginn der Rückoberung des Eigensinns, auch nicht immer leicht fallen, im Zeitlosen zu verweilen, so wird doch manche Einsicht zum Kurshalten bewegen. Denn je mehr sich der Mensch, von allem zeitlichen Druck innerlich abwendet, umso leichter und nachhaltiger wird ihm alles Tun und Handeln gelingen. Und wenn innerlich nichts drückt, braucht es auch nichts, was von Außen dagegen schiebt. Wenn sich ein Mensch alle Zeit nimmt, die er braucht, dann wächst die Zeit nach und die Momente werden dehnbar, bilden Brücken in den nächst passendsten Raum oder gar zu Inseln, die außerhalb aller Zeiten schweben.