Beständig liebenswert

von Luxus Lazarz

 Das Folgende ist eine Fortsetzung dieser Gedanken

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Wie fühlt es sich an, die eigenen alltäglichen und besonderen Bedürfnisse, genauer unter die Lupe zu nehmen. War es dir ein Bedürfnis des Herzens, mehr in das Wesen einzutauchen, welches dich wahrhaft im Lebendigen hält? Wenn ja, dann konntest du mindestens eine Handvoll Bedürfnisse entdecken, die gar nicht deine sind.

Bei manchem Bedürfnis fällt es leicht, dieses sofort abzustellen und dennoch weiterzuleben, wie zum Beispiel beim Bedürfnis über Dinge nachzudenken, die weder du noch ich, jemals ändern können. Andere wiederum, scheinen ein derart fester Bestandteil unseres Lebens zu sein, dass sie – wie Kaugummi an einer Schuhsohle – in der Wahrnehmung haften bleiben. Du und ich werden diese zähen Begierden, dann scheinbar nicht los, gleichgültig wie oft wir es auch versuchen oder uns bemühen. Sogar die Möglichkeit, ein Bedürfnis in ein neues umzuwandeln, erweist sich stetig mehr als Sackgasse, es sei denn, die Umwandlung erzeugt Freiraum in uns. Dies geschieht zum Beispiel, wenn wir das Bedürfnis der Kritik am Anderen, in einen stillen Blick des Erkennens erweitern, der unsere Wahrnehmung für das Besondere bis gar Liebenswerte öffnet, das auch in all dem zu finden ist, was uns zuvor nur die Kritik wert schien. Diese Art zu erblicken, entspricht mit hoher Wahrscheinlichkeit der ursprünglichen Natur des Menschen und bereichert uns um ein Selbstverständnis des Lebendigen, welches sich als unbezahlbar erweist.

Zusammenfassend ist das Erkennen des Verzichtbaren, der erste Schritt in Richtung Veränderung. Auch, wenn du und ich im Moment der Erkenntnis, nicht zu handeln wissen oder können, haben wir die Tür zum Entschwinden für das Bedürfnis, zumindest einen Spalt breit geöffnet. Es kann jetzt nicht mehr im Dunkeln in und durch uns wirken. Du und ich haben es eingesehen und vor allem unvergesslich erkannt, dass es nicht das Leben in uns ist, welches dem Menschen die meisten Bedürfnisse einprägt, sondern du und ich höchstpersönlich, mittels bedenkenloser Annahme und Nachahmung. Was wir aus unserem Leben machen, wie wir es gestalten, erdenken, ordnen und fühlen, liegt einzig und allein in unserer eigenen Wahrnehmung und Hand. Das Leben selbst ist eine Gnade, die sich jedem Menschen von Beginn an bedingungslos schenkt. Eine Gnade, die du und ich lieben und genießen können, solange wir diese uns nicht selbst vergällen.

 

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Es gibt Menschen, die es wortreich verweigern, die Liebenswürdigkeit des Lebens einzusehen, da es ihnen aus ihrer Sicht immer wieder übel mitgespielt hat. Was sich neben Anderem darin ausdrückt, dass einem Menschen etwas genommen wurde, von dem er annahm, dass es ihm eventuell länger bis ewig erhalten bleiben werde, wie zum Beispiel Angehörige, Hab und Gut, Beweglichkeit, Freude, Mut, Träume sowie Illusionen. Auch die sprichwörtliche Härte des Lebens, wird gern als schlagkräftiges Argument ins Feld geführt, um sich dem Lieben und somit aller darin enthaltenen Fülle und Gnade zu entziehen. Meist liegt die erfahrene Härte Jahrzehnte zurück, oder wird lediglich durch den Hinweis auf das Leben anderer Menschen – als Beweis herbeigezogen. So, wie es die Metapher der rosaroten Brille aller Liebenden gibt, gibt es auch die graue Brille der Trübsinnigen. Um diese Art der Sicht des Lebens hinter sich zu lassen, bedarf es einer Umkehrung. Dem Abwenden der Aufmerksamkeit vom Vergänglichen, direkt hin zum Beständigen.

Tag und Nacht sind zum Beispiel etwas absolut Beständiges und auch unser alltägliches Erwachen aus dem Schlaf, erweist sich als eine Beständigkeit, die dir und mir wachsend bewusst sein kann. In jedem Menschenleben gibt es Beständiges, welches dem Lebendigen erst ermöglicht, zu jenem zu werden, was es heute ist. Es gibt vielerlei Beständigkeit in aller Menschen Leben, die mit Wohlgefallen angenommen wird. Sei es nun die Familie, das Gewinnen im Spiel, das Entwickeln von Fähigkeiten, die eigene Selbstständigkeit oder auch ein Hobby, die meisten Menschen haben mehr Beständiges in ihrem Leben als bewusst angenommen wird. Das Beständige zeigt sich in Form von herzschönen Menschen, in liebgewordenen Gewohnheiten und zahlreichen anderen Dinge, die kaum noch wahrgenommen werden, in ihrem beständigen Dasein, obwohl sie nachfühlbar unser Leben liebenswert mitgestalten. Jeder gesichtete Vogel, das wiederkehrende Rauschen des Windes in den Blättern eines Baumes und vor allem der Himmel sind etwas Beständiges. Sehe ich all das nicht, war es meine freie Entscheidung, woanders hinzublicken. Der Himmel wartet nicht, er ist – auch für dich und mich.

Mag sein, nicht immer erscheint uns das Beständige auf den Ersten Blick angenehm, wie zum Beispiel ein beständiges Klagen zu ausgewählten Themen, das Warten auf Dinge, die nie geschehen, doch alles ist da für uns, für dich und mich, weil wir es auf irgendeine Art und Weise in unser Leben lockten und hielten.  Weil wir es wollten, in etwa genau so, wie das Leben uns. Wer und was nicht gewollt ist, das ist nicht hier und jetzt.

Allerdings, ob nun gewollt oder nicht, das Leben in uns strömt und dies keinesfalls derart wankelmütig, wie es einem Menschen oft im Handeln zu eigen ist. Das Leben in uns weiß, dass wir das Beständige brauchen, um uns bestmöglich zu entfalten und wohl zu fühlen. Wie lange sind du und ich schon beständig lebendig, und dies gleichgültig, was und wie das wechselhafte Ich in uns über das Leben urteilte, dachte und denkt?

Erkennst du in der Antwort, dass das Leben selbst über jeden Zweifel erhaben ist? Es macht seinen Job wahrlich makellos, wirkt erbaulich und dies trotz all unserer selbstgestrickten Behinderungen in Gedanke, Glaube und Tat. Sogar, wenn wir es zurückstoßen, taucht es immer wieder auf – durch uns. Wir, du und ich, können das Leben sehen, fühlen, greifen und lobpreisen, still und mit dem Klang von Worten. Darüber hinaus können wir es in unseren Gedanken und dies in jedem Moment, derart vorformen, vorfühlen und wahrnehmen, wie es uns beliebt. Doch wir brauchen auch gar nichts denken, und das Leben bleibt dennoch durch uns lebendig, kreativ, macht uns ausdrucks- und handlungsfähig von Beginn an, empfindsam für alles, was wahrhaft jetzt ist.

Das Beständigste in deinem und meinem Leben sind wir, also jenes, uns bisher geschenkte Bewusstsein dafür, dass wir lebendig sind. Und dies gleichgültig, was und wie das wechselhafte Ich in uns – just über das Leben denkt, ob grade, krumm, rund oder auch im Weichspülgang. Wo immer du und ich uns in der Welt aufhalten, wir haben uns dabei. Der Gedanke, dass es nicht so wäre, bleibt mir unvorstellbar und auch dafür liebe ich das Leben umso mehr. Das beständige Sein offenbart sich uns als Hauptgewinn mit Potenzial und ebenfalls als Konstante in allem, was jemals war und ist.

 

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