Wahrnehmung und Wahrscheinlichkeit

von Luxus Lazarz

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An einem 10. Oktober wünschte ich mir, dass ich am Wochenende die Waschmaschine nutzen kann, welche dem Menschen in den oberen Etagen des Hauses gehört. Der Geliebte und ich wohnen im Erdgeschoss und sein Bruder, bewohnt die 1. und 2. Etage. Unsere Waschmaschine ging vor einem halben Jahr kaputt, und da weder Geld für die Reparatur, oder eine Neuanschaffung vorhanden schien, hatten wir seitdem ein kleines Problem mit der Schmutzwäsche.

Sehe ich jedoch genauer hin, war da gar kein Problem, sondern lediglich eine Tendenz in mir, aus dem Umstand ein Problem zu machen. Zwar erziehe ich mich seit vielen Jahren zum Entdecken des Lichtes in jedem Ereignis, dennoch scheint meine einstige Gewohnheit, jeden Schatten gedanklich und auch wörtlich zu kommentieren, ein starrer Bestandteil meines Wesens zu sein und weitaus hartnäckiger, als ich auch nur ansatzweise erahnen konnte. Beinahe bin ich nun schon froh, dass die Waschmaschine mir hartnäckig die Betriebsamkeit verweigert, sonst wäre ich mir wahrscheinlich viel später bis nie, selbst auf die Schliche gekommen.

Bereits am 11. Oktober, einem Dienstag, und zwar um die Mittagszeit, fragt der Bruder per SMS an, ob wir am Wochenende seinen Hund hüten könnten, da er von Freitag bis Sonntag verreisen will. Während der Geliebte treffend bemerkt, dass somit die Wascherei schon wieder gesichert sei, bin ich zwiespältiger Sicht der Dinge. Ich nehme es anders wahr. Klar ist mein Wunsch erfüllt worden, doch der Preis scheint mir überzogen. In diesem Jahr habe ich mehr Wochenenden mit dem Hund verbracht, als dieser mit seinem Besitzer. Darüber hinaus bin ich die folgenden 5 Tage allein daheim, denn auch der Geliebte bereitet sich auf eine Reise vor, die im Morgen beginnt und bis in den Sonntag andauern wird. Während ich mich nicht entscheiden kann, zwischen Freude oder dem Aber, wird mir wieder einmal fühlend bewusst, wie das Für und Wider der Wünsche Wirkung zeigt. Letztendlich entscheide ich mich, die Chance zu ergreifen, und zwar genau diesem Dilemma in meinem Leben, auf den sogenannten Zahn zu fühlen, um den dann letztendlich – mit etwas Glück – für immer zu ziehen. Sofort fühle ich mich lebendiger. Ideen steigen mir in die Wahrnehmung, setzen weitere Energie frei, damit ich sie gleich umsetzen oder aufschreiben kann. Doch das Umfeld ist in diesem Moment derart laut, aufgewühlt und bewegt, sodass ich befürchte, mich nicht konzentrieren zu können. Um die Energie dennoch zu nutzen, backe ich drei unterschiedliche Obstkuchen und koche ein leckeres Nudelgericht. Und wieder nehme ich wahr, dass, auch wenn es scheinbar einen Rahmen aus kollektiv erdachter Zeit gibt, die Zeit selbst beim widerstandslosen Tun – absolut bedeutungslos wird. Ganz im Stillen – erschafft Mensch wohl, was er will und ist kein bisschen müde dabei oder danach.

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Der Kalender zeigt den 12. Oktober an und die Abreise des Geliebten ist für 11 Uhr am Vormittag angesagt. Schon bei der ersten Ansage im Gestern, wählte ich jedoch in mir jene Wahrscheinlichkeit, dass sich die Uhrzeit nicht einhalten lassen würde, zumindest nicht – für den Geliebten. Selbstverständlich könnte ich auch schreiben, dass es eine sich stetig wiederholende Erfahrung für mich war, denn dem Geliebten gelang es nur selten pünktlich zu sein, oder einen Ort zum tatsächlich geplanten Zeitpunkt zu verlassen, doch ich schreibe ganz bewusst, dass ich eine nahe liegende Wahrscheinlichkeit gewählt habe.

Dementsprechend zeigt sich mir das Leben wie gewohnt und das Gestern gestaltet routiniert die Gegenwart. Die Uhrzeit im Computer bietet 5 Minuten nach 12 an. Der Raum ist gefüllt mit Aufregung und Ungeduld. Kleine dramatische Einlagen und zäh-drückende Stille sind miteinander im Wechselspiel wirksam. Es ist noch nichts gepackt, das Auto immer noch schmutzig im Innenraum und einen kleinen Einkauf will der Geliebte, auch noch vor der Abreise tätigen. Ich sitze währenddessen an einem Schreibtisch in unserem Allzweck-Raum, der eine Einbauküche, Wohn- und Arbeitszimmer auf 26 Quadratmetern vereint. Es ist etwas eng, doch keinesfalls zu eng, wenn man allein im Raum ist. Ich kann auch nicht helfen, weil der ursprüngliche Plan in meiner Wahrnehmung nur eine Utopie ist. Denn der Geliebte wandelt furchtlos zwischen Schlafzimmer, Bad und Wohnraum hin und her. Schlurft dabei, teilt mit, telefoniert, spricht mit sich selbst und geht zwischendurch auch mal vor die Wohnungstür, um mit irgendwem zu reden, oder scheinbar sinnlose Blicke, statt Gepäck in das Auto zu werfen. Kein Fortschritt zu sehen und in mir sind 1000 Worte, die ich sanft auf das elektronische Papier bringen will, währenddessen 10000 kleine Störteufel kreischend an meinen Nerven schaukeln und ziehen. Doch aller Aufruhr ist eindeutig in mir, denn mehrmals hat der Geliebte für ein paar Minuten das Zimmer verlassen, doch dann begann vor dem Haus ein Bagger zu arbeiten, oder es trampelte laut in der Etage über meinem Kopf. Lärm und monotones Brummen lähmen den harmonischen Gedankenfluss. So gebe ich schließlich auf und setze mich in einen Sessel, um das weitere Schauspiel einfach nur zu beobachten.

Der Mensch, den ich sehe, verlässt in diesem Moment den Raum. Es ist mein Geliebter. Dieser steht mir näher, als je ein Mensch in meiner Zeit zuvor. Geistig sogar mehr, als es mir die Mitglieder meiner Familie anbieten konnten. Es war ein Wunder, dass und wie wir zueinander fanden. Ich liebe ihn und er liebt mich. Das kann ich fühlen, hören, riechen, schmecken und sehen, also nehme ich es wahr, doch manchmal nervt er mich. Dann liebe ich ihn immer noch, allerdings mit Selbstbeherrschung und das ist schon merkwürdig. Bei jenen Männern, die ich zuvor liebte, gelang es mir nie, diese Selbstbeherrschung aufzubringen. Bei diesen ließ das Selbst eines meiner Ichs, hemmungslos direkt wirken durch mich, und so zerstörte ich oft mit einem Wort, manchmal das Glück und Werk vieler Jahre. Denn ich wollte das Chaos dieser Gestalten, nicht weiter in meinem Leben fühlen. Erst durch den Geliebten im Jetzt wurde mir bewusst, dass alles Chaos, was ich jemals sah, sehe und fühle, mein ureigenes ist. Diese Sicht hat mich sanft gemacht und auch die Art, wie ich liebe, für immer verändert.

Während ich innerlich die Entscheidung aus dem Herzen wähle, einfach zu akzeptieren, dass das Paradies der Stille und des Schreibens, nur einen Moment von mir entfernt wartet, erobert zu werden, öffnet sich die Tür und der Geliebte erscheint im Raum. Sein Abbild zeigt ihn gewaschen, gekämmt, reisefertig gekleidet und darüber hinaus, offensichtlich bester Dinge. Ich kann ein Lachen nicht unterdrücken, als er mitteilt, dass er nun abfahre und den kleinen Einkauf unterwegs erledige. Eine Umarmung folgt, ein Kuss und liebevolle Worte, die mit einem: „Bis heute Abend!“ enden. Wozu gibt es denn Skype?!

Es ist wie im Film, nur Sekunden vergehen, und dann ist er da, jener ersehnte Moment. Punkt 13 Uhr. Alles ist still und ich bin es ebenfalls. Kein Auto zu hören, keine Stimmen, kein Trampeln und auch kein klingelndes Telefon, aus dem Büro nebenan. Ich bin allein und keinesfalls einsam, welch ein Glück lebendig und wach zu sein. Zwar weiß ich, dass mir der Geliebte bereits am Abend fehlen wird, doch immer mehr weiß ich ebenfalls, so muss es nicht sein, denn ich allein hab die Wahl, was ich für mich wahrnehmen will, in mir und im Umfeld. Genau dort, wo ich bin und keinesfalls dort, wo ich irgendwann eventuell sein könnte, denn alles Weitere ergibt sich stets lediglich aus jenem Augenblick, in dem ich gegenwärtig bin, atme und fühle – was ist.