Außerordentlich gestimmt

von Luxus Lazarz

 

Der Theologe und Philosoph Pierre Poiret (1646 – 1719) glaubte daran, dass der Mensch ursprünglich alle Kreaturen durch seine Stimme beherrschen konnte.

»Es ist blos eine Erneuerung der ersten reinen Natur des Menschen, wenn die Heiligen der alten Zeiten so große Dinge thaten, wenn Noah die Thiere in die Arche zu sich rief, Josua der Sonne, Mese dem rothen Meer gebot. Denn der Mensch hat die Sprache nicht empfangen, um seines Gleichen seine Gedanken mitzutheilen, sondern um sich die Natur dadurch unterthänig zu machen.«

Liegt der Sinn der Sprache wahrhaft darin, uns in erster Funktion als magisches Instrument zu dienen?

Jener Raum, jener Ort in deiner Gegenwart, an dem du bist, dich bewegst, arbeitest oder auch schläfst, ist ein Feld aus Energie. Du bist eine Stimme im Feld. Jede Stimme hat die Macht, Einfluss auf das Feld zu nehmen, indem sie die eigene Schwingung, per Stimme auf das Feld überträgt, sich einstimmt in das Umfeld, es regelt oder gewährt und somit Weite gibt, oder den Raum enger macht. Das war schon immer so und ist keinesfalls neu. Mittels seiner Stimme hat der Mensch stets zu sich gezogen oder abgestoßen, was sich durch sein Leben bewegte und auch in ihm.

Jeder kann in seinem Leben wahrnehmen, wie der Klang seiner Stimme, oder auch der einer Anderen, Situationen bewegte, veränderte, beendete. Die Stimme kann anfeuern, auslöschen, anschieben und sogar lähmen, doch auch verzaubern, beruhigen und stillen, was in Aufruhr geriet. Das Feld passt sich den Schwingungen der Stimme an. Jener Stimme, die im Moment der Rede, den Raum ausfüllt bis beherrscht, soweit die Stimme reicht. Bereits seit der Erfindung des Radios, konnte die menschliche Stimme Unglaubliches erreichen. Das Reich der Stimme ist im Zeitalter von „Television“ auf Milliarden Menschen ausdehnbar.

Stimmen weisen Kindern und kompletten Familien die Richtung, führen Gruppen, befehligen Armeen, vermitteln Wissen, klagen mit den Blinden, trösten Menschen und weinen mit den Hilflosen. Jedes Mal, wenn ein Mensch den Mund öffnet und spricht, macht er etwas mit seiner Stimme. Er sagt nicht nur irgendwas, er macht etwas mit seiner Stimme und werkelt am Umfeld oder sich selbst. Er bestimmt oder inszeniert, was folgend passiert.

Während der Mensch einen Film sieht, den darin geführten Dialogen lauscht und mitfühlt, bewegt ihn das Gehörte sich mitzufreuen, zu lachen und auch zu leiden. Film ohne Ton ist selten verständlich und somit, nicht allumfassend ansprechend für den wahrnehmenden Körper. Doch das gesprochene Wort erschafft einen Vertrag, mit dem Feld aus Energie, welches den Menschen lautlos umschließt. Man kann es nicht mehr zurücknehmen. Ausgesprochenes kann nur gemildert werden.

Je mehr Frieden, Stille und Harmonie im Menschen sich ausgebildet haben, umso seltener hat er das Bedürfnis zu sprechen. Wer schweigt, kann zuhören, oder in der Stille Energie sammeln, die man zuvor durch Sprechen und oft unbedacht, verausgabt hat. Reden kostet mehr Energie, als es vielen Menschen bewusst ist. Insbesondere das Reden über Vorkommnisse, die uns eigentlich gar nicht interessieren, wir jedoch mitreden „müssen“, um auch weiter als normal zu gelten, kostet Kraft. Normal redselig, fordernd bis geschwätzig, bezüglich all jener Dinge, die schon Morgen Schnee von gestern sind, kommt man ausgelaugt am Abend wieder heim. Überraschend kraftlos, trotz aller Leichtigkeit durch maschinellen Beistand, wie niemals in einer Zeitschreibung zuvor. Im Fernsehen diskutieren Menschen über Themen, die sie gar nicht ändern können, mit Reden, Meinungen, Schlagabtausch und Ohrverweigerung. Die Energie verpufft vor unseren Augen, Minute für Minute tropft die Lebenszeit aus dem Lautsprecher, ohne auch nur einen Kieselstein bewegt zu haben.

Das stimmresonante Feld um den Menschen, erfüllt ihn auch im Innersten. Dort bildet der Mensch alle Formen vor, die letztendlich seinen körperlichen Ausdruck und die Erfahrung seines Lebens bestimmen. Der Gedanke allein kann zwar auch lautlos wirken, doch dies nur erkennbar, wenn zuvor die Stimme gestillt wurde, und somit all jene Energie, die man Jahre lang verplauderte, nun der Gedankenkraft zur vollen Verfügung steht, weil es kaum noch etwas zu sagen gibt. Und wenn, dann nur, was man wirklich mitteilen will und fühlbar aufbauend oder verträglich ist. Man hat sich selbst irgendwann alles gesagt, während man scheinbar mit Anderen sprach. Nun kann man leben, still, heiter und froh, auch ohne gleich ein Mops zu sein. Manchmal reichen fünf Sätze am Tag und der Rest ist Lächeln, Lachen und Umarmen. Bedingungslose Worte, die Kraft geben und nicht nehmen.